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Ein Verlust

17. Oktober 2010

Als Kind, also, so mit 14, 15 war ich ein ziemlicher Fan von Salvador Dalí. Guilty pleasures, okay, später hörte ich begeistert Tracy Chapman, schaute Filme von Jean-Jacques Beineix und las Bücher von Irene Dische, das war zu der Zeit vollkommen in Ordnung, und ich habe kein Problem damit, festzustellen, dass mich heute anderes mehr interessiert. Bei Dalí ist das anders, ich gebe ungern zu, dass mein Jugendzimmer gepflastert war mit Drucken von brennenden Giraffen und langbeinigen Elefanten, und gleichzeitig tut es mir weh, dass brennende Giraffen heute kaum noch etwas mit meinem Leben zu tun haben. Dalí ist kein peinlichstes Liebeslied, Dalí ist eher so etwas wie eine Ex-Freundin, für die man nichts mehr empfindet, über die man aber auch nicht vom hohen Ross urteilen mag, weil: Man hat sie irgendwann einmal aufrichtig gemocht.

Das hat, sicher, damit zu tun, dass Dalí Allgemeingut ist. Ästhetische Urteile sind elitär, die will man nicht mit Krethi und Plethi teilen, Dalí aber ist offen für jeden. Das Bild links zeigt den Souvenirshop im Schloss des Künstlers im katalanischen Púbol, Kunstwerke für den Hausgebrauch. Mae Wests Lippen als Knautschkissen, Tassen mit Künstlerbärtchen und, am allerschlimmsten, Dalís Alptraumwesen als Kuscheltiere (nicht im Bild): Surrealismus-Nippes. So heftig kommerziell wurde kein Picasso vermarktet, kein Warhol, und auch kein Koons (wobei die Vermarktungsstrategien dieser Popart jüngeren Datums ohnehin in eine andere Richtung gehen, die eher an Subversion durch Affirmation erinnert). Kunst, die voraussetzungslos jedem zugänglich ist. (Und damit, das gestehe ich mir aber nur hinter vorgehaltener Hand ein, eben auch einem schwäbischen Provinzjugendlichen von 14 Jahren keine Interpretationsprobleme bereitet.)
Auf der anderen Seite hat sich bei mir ein inhaltliches Problem mit Dalí entwickelt: Der Künstler war ein verkappter Fan von Francos Faschismus, soviel kapiert man auch als Teenager, wenn man ein paar Biografien liest und die mit Geschichtsbüchern abgleicht. Seine Motive nervten, auf lange Sicht, auch: Das ständige Abfeiern des Beziehungsglücks zu seiner Frau Gala war bei Licht betrachtet nicht gerade das, was einen spannenden Künstler ausmachte. Und schließlich die Form: Dalí war im klassischen Sinne ein Meister. Das heißt, Dalí konnte technisch einiges, der beherrschte barocke Malerei ebenso aus dem Effeff wie ironische Zitatspielereien und Anleihen bei Pop, Collage und Comic. In einer Zeit, in der ich den Charme des Unfertigen zu schätzen lernte, in einer Zeit, in der mir handwerkliches Können plötzlich als reaktionäre Kategorie erschien, begann ich, mich für meine Dalí-Verehrung schämen zu müssen.

Damit wurde ich Dalí untreu. Ich hängte die Drucke ab, ersetzte sie durch Jackson Pollock, durch Nobuyoshi Araki, schließlich durch einen Filmstill von Daria Martin, hier bin ich mehr zu Hause, zweifellos.
Und damit in der Lage, langsam wieder zu meiner Beigeisterung für diesen Künstler zu stehen: Von Dalí in Erinnerung bleiben soll nicht das Bild eines Museumsshops, in Erinnerung bleiben soll der Blick aus dem riesigen, wunderschönen (und leider auch unglaublich überlaufenen) Museum in Dalís Geburtsstadt Figueres. Der Blick aus einem malerischen Innenhof über eine surrealistische Statue bis zum Kirchturm. Und von dort aus in den blauen, katalanischen Himmel. Wenn man diese Verbindung, Musenort-Surrealismus-Religion-Kathalonien, verstanden hat, dann hat man viel mehr verstanden, als wenn man eine brennde Giraffe als Stofftier, billig in China zusammengenäht, im Arm hält. Dann hat man allerdings auch viel mehr verstanden, als wenn man sich über jemanden mit solch einem Stofftier beömmelt. Dann kann man, endlich, sagen: Irgendwo war er auch wirklich gut, der Dalí.

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4 Kommentare leave one →
  1. 19. Oktober 2010 20:10

    Sei froh, dass es Dalí war! Ich hatte eine Hundertwasserphase, und in meinem Jugendzimmer hängt ein Michelangelo-Druck. Aber gut, ich bin auch nicht Kunstredakteur geworden :)

    • 20. Oktober 2010 05:57

      Nix gegen Michelangelo. Und Hundertwasser, okay, da muss man vielleicht deinen geographischen Hintergrund mit einrechnen, der entschuldigt auch vieles. Und als “mein peinlichstes Liebeslied, äh, -bild” taugt Hundertwasser doch ganz gut.

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