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Umzug

6. Januar 2012

Es hat sich angekündigt. Etwas musste anders werden, mit meinem Leben, mit meinem Alltag, vieleicht auch mit diesem Blog. Also wird etwas anders, einiges wahrscheinlich, zunächst etwas formales: Die Bandschublade zieht um. Auf eine eigene Domain, weil, das sieht schicker aus und irgendwie auch professioneller. Wobei, allzu professionell sollte es auch nicht werden, also bleibt der Name dieses Blogs, der schon seit Jahren eigentlich in die Irre führt. Bandschublade bleibt Bandschublade, vertrauen Sie einfach auf unseren guten Namen. Nur die Adresse ändert sich. Und die Einrichtung. Und inhaltlich gibt es auch Neuigkeiten, aber das ist noch nicht spruchreif. Wer weiter folgen möchte, der möge zu falkschreiber.com nachkommen, ist schön, da. Und zur Eröffnung gibt es auch einen Keks. Falls mich jemand auf seiner Blogroll stehen hat, dann wäre es natürlich schön, würde er den Link aktualisieren: http://falkschreiber.com/bandschublade. Danke.

Und was wird aus diesem gastlichen Ort hier? Der wird noch eine Weile weiter bestehen bleiben und dann wahrscheinlich dem Erdboden gleich gemacht. Allzu häufig schaue ich nicht mehr vorbei, im neuen Zuhause gibt es viel einzurichten, kennt ihr ja. Das bedeutet: Kommentare hier bei WordPress werden wohl eher sporadisch moderiert, also, wer unbedingt noch etwas sagen möchte: Nicht böse sein, wenn es ein wenig dauert. (Man kann aber auch drüben im Neubau kommentieren).

War schön hier, Danke.

Tofuwürstchen

1. Januar 2012

Thesenkrimis sind eine schwierige Sache. Einerseits: schwer formatierte Geschichten, vorhersehbar, kaum spannend. Andererseits: Man spürt beim Thesenkrimi, dass der Drehbuchautor mehr will als bloße Unterhaltung, er will den Finger in eine Wunde legen, er will von einem gesellschaftlichen Missstand erzählen. Thesenkrimis sind damit die Nachfolger des klassischen Fernsehspiels, Kriminalfilme aus dem Geist des Geimeinschaftskundeunterrichts, in letzter Konsequenz sozialdemokratisch. Ich mag die Sozialdemokraten ja, immer noch, irgendwie.
Unter den hartgesottenen Tatort-Fans schätzt kaum jemand Thesenkrimis. Was vor allem daran liegt, dass diese Disziplin im Tatort-Konzert vor allem von Teams gepflegt wird, die nicht wirklich für Innovation stehen, man könnte sogar sagen: die ihren Zenit längst hinter sich haben. Das ist zum einen sicher Köln, wo die These grundsätzlich dialektisch diskutiert wird. Wenn in Köln zu Beginn die Leiche eines Schwarzafrikaners gefunden wird, dann behauptet Kommissar Schenk, dass der doch sicher ein Drogendealer war, während Kommissar Ballauf die Meinung vertritt, dass Schwarze alles in allem dufte Typen seien, nur damit in den letzten fünf Minuten des Krimis an der ikonographischen Würstchenbude erörtert werden kann, dass in diesem konkreten Fall wohl wirklich mit Drogen gedealt wurde, Schwarze aber alles in allem aber dennoch ganz in Ordnung sind, also: Menschen wie du und ich, mit Fehlern.

Für den Tatort „Tödliche Häppchen“ wurde die Würstchenbude von Köln rheinaufwärts nach Ludwigshafen verlegt, allerdings bietet sie hier ausschließlich Tofuwürstchen an, weil die zu erörternde These in der Pfalz lautet: In der Lebensmittelindustrie gehts eklig zu. Wir sind beim zweiten Thesenkrimiteam, den Ludwigshafenern Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe). Stehen aber die Kölner unter der Verantwortung des SPD-nahen Westdeutschen Rundfunks, kommen die Ludwigshafener vom deutlich konservativeren SWR. Mit Dialektik haben es Konservative aber nicht so, also stellen sie eine These in den Raum, die gefressen werden soll. Wobei Fressen hier eine hübsche Doppelbedeutung hat, wir lernen, nein, wir wissen schon längst, dass derjenige, der Tiere tötet, auch bereit ist, Kindergärten mit ungenießbarem Schlachtabfall zu beliefern beziehungsweise einer verletzten Mitarbeiterin final das Genick zu brechen. Und weil wir das längst wissen, müssen wir nicht noch langwierig diskutieren oder ermitteln, stattdessen wird dem offensichtlichen Mörder solch ein gekünsteltes Lachen verpasst, dass auch der letzte Zuschauer kapiert: Der muss es gewesen sein.
Vorneweg: „Tödliche Häppchen“ ist nicht spannend. Macht keinen Spaß. Hat eigentlich auch keine These, zumindest nichts auch nur annähernd Kontroverses. „Tödliche Häppchen“ ist, das kann man ohne jedes schlechte Gewissen sagen, der bis dato schlechteste Tatort des Jahres. Es ist zum Heulen, was die eigentlich geschätzte Ulrike Folkerts hier spielen muss (Regie: Josh Broecker), an manchen Stellen glaubt man sogar zu spüren, wie diese Schauspielerin leidet. Als ihre Kommissarin im Kühlhaus eingeschlossen wird, schlunzt Folkerts diese eigentlich hochdramatische Szene zum Ultralangweiler runter, sie hat so wenig Bock, das ist nahezu Arbeitsverweigerung. Wobei, Langweiler, das passt natürlich zur Tofuwürstchenszene.
Vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Komödie, manchmal hat man den Eindruck: in den unvorstellbar gekünstelten Dialogen, in denen Kopper die möchtegern-sexy Tanzlehrerin (Kathrin Kühnel) beim Rumbatanzen nach ihrem Alibi fragt und das durch den Raum wabert, was ein Regisseur wie Broecker für Erotik hält. Vielleicht haben wir das ja ganz falsch verstanden, vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Satire auf Fernsehkrimikonvention? Ach, hätten wir es doch nur falsch verstanden!

Aber nein. Es ist ganz einfach so: Der CDU-Sender SWR ist gegen das Behandeln von gesellschaftlichen Problemfeldern im Fernsehkrimi, deswegen produziert er Tatorte, die das Image des Thesenkrimis ins Bodenlose fallen lassen sollen. Tatorte, die jenseits allen Niveaus stehen, Tatorte, die dem Reihentitel Hohn sprechen, überall könnten sie gedreht sein (Ludwigshafen! Größter Chemieindustriestandort des Landes! Hat man schon einmal einen SWR-Tatort gesehen, in dem dieser Industriezweig vorkommt?), und, tatsächlich, er wird ja auch überall gedreht, in Karlsruhe, in Baden-Baden, in irgendeiner namenlosen Mittelgebirgslandschaft, nur nicht in Ludwigshafen selbst.
Sogar die Würstchenbude, sie steht am falschen Rheinufer. In Mannheim nämlich, ach.

(Erwartungen erfüllt: der livebloggende Stadtneurotiker. Spannungsfrei: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Traurig: Matthias Dell im Freitag. Angeekelt: Christian Buß auf SpOn. Voller Mitleid: der Wahlberliner.)

Jahresrückblick 2011

30. Dezember 2011

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Erst zugenommen, dann abgenommen, am Ende wieder ein bisschen zu. Jojo.
Haare länger oder kürzer? Alles in allem länger. Was vor allem daran liegt, dass meine geschätzte Friseurin Ayshe in meiner freien Zeit oft nicht konnte und ich entsprechend auf den Friseurbesuch ganz verzichtete.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Minimal kurzsichtiger. Für eine neue Brille langte es.
Mehr ausgegeben oder weniger? Alles in allem wohl ganz ähnlich.
Der hirnrissigste Plan? Eine neue Küche kaufen zu wollen. So hirnrissig, das wird uns noch die gesamte erste Hälfte von 2012 vermießen.
Die gefährlichste Unternehmung? Gefährlich? Hier? (Mit einer Großfähre über den Skagerrak zu schippern, zählt nicht wirklich, oder?)
Die teuerste Anschaffung? Eine Zahnkrone. Ach.
Das leckerste Essen? Im Restaurant Apples/Hyatt Hotel Hamburg. Eigentlich das gesamte Menü, großartig war aber schon alleine das geeiste Melonensüppchen als Amuse-Gueule.
Das beeindruckendste Buch? Christina Maria Landerl, Verlass die Stadt.
Der beste Comic? Kati Rickenbach, Jetzt kommt später.
Der berührendste Film? How I ended this summer, ganz großartiger russischer Psychothriller. Taiga-Einsamkeit, übersteigertes männliches Autoritätsgehabe, Eisbären, kaputte Natur – alles da.

Das beste Lied? Boy, „Little numbers“. (Luftiger Sommerfolkpop, gar nicht so unbedingt meine Musik, hier passt aber alles, nicht zuletzt das tolle Video. Und ein schönes Konzert spielten Boy ebenfalls.)

Die beste Platte? PJ Harvey, Let England shake. Folkbluespunk, längst nicht mehr so selbstquälerisch und introspektiv wie auf den vorangegeangenen CDs, sondern hasserfüllt, leidenschaftlich, politisch. (Ja, ich bin mittlerweile ein alter Mann, der nicht mehr dem neuesten Hype hinterherrennt, schon verstanden.)

Das schönste Konzert? Vorhersehbar, trotzdem toll: Ja, Panik im uebel & gefährlich, Hamburg. (Das Video ist nicht aus Hamburg, sondern aus dem Berliner HAU, aber immerhin von derselben Tour.)

Die schönste Theatererfahrung? „7 Schwestern“ von She She Pop, ganz großartiges Erwachsenwerdtheater.
Die interessanteste Ausstellung? Gilbert & George, „Jack Freak Pictures“ in den Hamburger Deichtorhallen. Eigentlich mag ich ja thematisch aufgebaute Geschichten mehr, hier stimmte aber alles.
Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.
Vorherrschendes Gefühl 2011? Trauer. Frust.
2011 zum ersten Mal getan? Einen kleinen Hund ins Herz geschlossen.
2010 nach langer Zeit wieder getan? Jemandem die Pistole auf die Brust gesetzt und eine grundsätzliche Entscheidung abverlangt.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Erfahrung, dass Religion nicht einmal theoretisch ein Trost sein kann. Was hilft es, sich einzureden, dass alles einen höheren Sinn haben soll? Was soll denn da für ein Sinn drin liegen, wenn es am Ende dennoch einen der liebsten, freundlichsten und sympathischsten Menschen überhaupt trifft, ganz gnadenlos? Und diese Erfahrung überschattet alles andere, hätte ich auf diese Erfahrung verzichten dürfen, dann hätte ich den gesamten Rest mit Freuden in Kauf genommen.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? So geht das nicht weiter, wir müssen ein neues Modell finden.
2011 war mit einem Wort…? A. beschrieb 2010 als stinkenden Hund. Ich beschreibe 2011 als stinkenden Hund ohne Charakter, der auch nichtmal süß ist. Sondern Würmer hat.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Kommander Kaufmann zurück, Mark, der eine von den Post Artcore-Jungs und auch der andere. Außerdem Anke Gröner und Don Dahlmann.

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst

28. Dezember 2011

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: „Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.“ (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung „Wunder“ in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: „Eurasienstab“, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie „Wunder“.
„Wunder“ haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, „Wunder“ ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als „Wunder“ zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist „Wunder“ eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie „Der Ball ist rund“ anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder „Schmerz“ im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit „Wunder“ bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: „Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?“

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)

Volpe!

22. Dezember 2011

Ein paar Jahre spielte der WDR mit im „Polizeiruf 110“-Konzert. Zwischen 1995 und 2004 entstanden acht Krimis, die nicht nur in Bezug auf den Sendeplatz sondern auch inhaltlich die Vorläufer zu den heutigen „Tatort“-Folgen aus Münster waren: explizit provinziell, selbstironisch, mehr Krimikomödien als echte Krimis. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Während der „Tatort“ in einer zwar provinziellen aber dennoch realen Stadt (nämlich Münster) spielt, war der „Polizeiruf“ mit den beiden Dorfpolizisten Sigi (Martin Lindow) und Kalle (Oliver Stritzel) in Volpe beheimatet, einem fiktiven Dorf im Bergischen Land, irgendwo zwischen Köln und Lüdenscheid – also im absoluten, metaphorischen Nirgendwo. Das machte es den Krimis leichter, die Grenzen der Realität hinter sich zu lassen, sorgte aber auch für die Gefahr der hemmungslosen Klamotte. Außerdem ließ dieser Kunstgriff die Geschichte von Sigi und Kalle verhältnismäßig schnell an ein Ende kommen: Dass in Münster immer mal wieder Verbrechen passieren, mag man ja noch glauben. Aber in Volpe? Einem Dorf von geschätzt vielleicht 15000 Einwohnern?

Wenn man sich jetzt, zehn Jahre später, noch einmal die vorletzte Volpe-Folge „Fliegender Holländer“ anschaut, dann merkt man schon, wie stark der Zahn der Zeit an dieser Ästhetik genagt hat. Zwar spielen Stritzel und Lindow ihre Provinzler mit einigem Charme (überhaupt ist das eine erfrischend andere Herangehensweise, mal keine Kommissare ins Zentrum der Handlung zu stellen, sondern Streifenbullen), zwar traut sich Regisseur Ulrich Stark, die Krimihandlung (das LKA vermutet Drogenhändler in Volpe) immer wieder durch Abschweifungen auszubremsen. Was aber nicht darüber hinweg täuscht, dass einige Witze nicht mehr als Schenkelklopfer sind, dass insbesondere die Nebenrollen mehr als ungenau ausgeführt sind und nicht zuletzt dass die filmischen Mittel 2001 anscheinend noch erschreckend in der Fernsehkonvention gefangen waren.
Das aber ist egal, wenn man sich anschaut, wie Volpe (als eigentlicher Hauptdarsteller der WDR-Polizeirufe) gezeichnet wird: eben nicht als das schmucke Bilderbuchdorf als das Münster in den späteren „Tatorten“ immer wieder auftaucht, sondern so hässlich wie es Dörfer und Kleinstädte hierzulande eben sind. Selbst Fachwerkhäuser wirken in Volpe nicht malerisch, sondern wie schnöde Zweckbauten, die vor allem der Durchgangsstraße im Weg stehen. Und am Ortsrand wartet das typische Gewerbegebiet mit den Würfelbauten, vordergründig modern, tatsächlich absolut reizlos. Und erst die Bewohner: Autoritätshörig buckeln alle vor den Dorfhonoratioren, alle saufen sie, alle haben sie Dreck am Stecken, und wenn davon was rauskommt, dann schmieren sie den Dorfbullen Kalle beziehungsweise vögeln ihn, also, die Frauen (dieser negative Charakterzug aus dem ersten Volpe-Krimi „1A Landeier“ ist in „Fliegender Holländer“ allerdings zum harmlosen Provinzcasanovatum abgeschliffen). Bei allem Humor zeigen die Volpe-Krimis eben auch die Abgründigkeit des Dorfes, eine Anlage, die der WDR Jahre später in der von mir schon einmal massiv empfohlenen Serie „Mord mit Aussicht“ fortführte, diesmal allerdings in einem (ebenso fiktiven) Dorf in der linksrheinischen Eifel und nicht im rechtsrheinischen Bergischen Land.

„Fliegender Holländer“ noch einmal gesehen zu haben, ist okay. Weil man aus diesem Film immer noch etwas mitnehmen kann, weil man immer noch etwas erfährt über das, was das Dorf so abschreckend, so eng, so gewalttätig macht. Es ist aber auch okay, weil man dadurch gnädiger wird gegenüber den Krimis der 2010er-Jahre: Man weiß, selbst der doofste Münsteraner „Tatort“ wird filmisch nicht so schwach daherkommen wie dieser Krimi. Und einen Schlussgag wie das pseudolesbische Liebesspiel im Biobauernhof, nein, den würde man sich in Münster auch nicht mehr trauen. „Fliegender Holländer“ sagt einem auch: Früher war nicht alles besser.

Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen!

18. Dezember 2011

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)

Wellen um Wellen um Wellenberge

17. Dezember 2011

Zunächst macht es in erster Linie Spaß, Detektiv zu spielen: durch die Sammlung Falckenberg zu spazieren und sich die Bilder anzuschauen, hier „Wo wird das enden“, ist von Robert Lucander, klar, hier „Supermodel“, ist von Ena Swansea. Man kann die Künstler gut auseinanderhalten, auch wenn man darauf verzichtet, auf die Beschilderungen zu linsen. Das macht Spaß, ist aber nach einer Weile zu einfach, als dass man einen Abend lang seine Freude dran hätte. Und ein wenig ist das dann auch das Problem der aktuellen Falckenberg-Ausstellung: dass hier zwei Künstler gezeigt werden, die verhältnismäßig wenig gemein haben außer der Tatsache, dass beides Maler sind, dass beide mehr oder oder weniger das gleiche Alter haben.
Halbwegs gelungen rettet sich Harald Falckenberg in eine Interpretation, die die Familiengeschichte beider Künstler als eine Geschichte der Zerrissenheit und des Blutes erzählt: Lucander, der zur schwedischen Minderheit in Finnland zählt, Finnland, das über Jahrtausende abwechselnd von Schweden und von Russland besetzt und ausgebeutet wurde. Und Swansea, die aus North Carolina stammt, einer der Südstaaten an der Grenze zu den Nordstaaten, ein Transitraum, in dem um die Jahrhundertwende Thomas F. Dixon Jr. wirkte, Ku-Klux-Klan-Vordenker und außerdem Urgroßvater Ena Swanseas, deren Mutter außerdem eng befreundet war mit dem antisemitischen Dichter Ezra Pound. Hübsche Familiengeschichten, die da auf die Kunst einstürmen. Was einerseits den Ausstellungstitel „Psycho“ verständlich macht, andererseits aber auf geschätzt 95 Prozent der Kunstproduktion zutreffen würde. Eine Familienhistorie des Blutes als Alleinstellungsmerkmal für Swansea und Lucander ist, nunja, ein wenig bemüht.

Wobei das aber auch vollkommen egal ist. Weil nämlich Harald Falckenberg und Kuratorin Miriam Schoofs mit „Psycho“ eine zwar ein wenig beliebige, gleichzeitig aber die beeindruckendste Ausstellung gelungen ist, seit die Sammlung Falckenberg vor einem Jahr zur Außenstelle der Deichtorhallen avancierte. Anders als bei den Präsentationen von Marilyn Minter und Dieter Meier fehlt diesmal der Celebrity-Überbau, der die Vernissagen damals etwas unkonzentriert daherkommen ließ. Anders als die thematisch konzipierte Schau „Atlas. How to carry the world on one’s back“ ist „Psycho“ keine Koproduktion mit großen Häusern wie dem Karlsruher ZKM und dem Madrider Museo Reina Sofia, sondern eine Eigenleistung, volles Risiko: Für zwei (verhältnismäßig) unbekannte Maler werden die riesigen Phoenixhallen (fast) vollständig leergeräumt, hier ein ikonographisches, vom Pop beeinflusstes Gemälde Lucanders, dort ein großformatiges, narratives detailverliebtes Bild Swanseas, viel Platz.
Mir persönlich steht Lucander näher, ich mag sein Spiel mit Zeichen, ich mag seine Ironie, ich mag auch die Materialität, die entsteht, wenn er auf Holz malt, aber der Raum wird besser genutzt durch Swansea, Swansea, die das riesige „Above the Ocean in a Storm“ fast als Suchbild daherkommen lässt, hier eine riesige, abendliche Wasserfläche, Wellen um Wellen um Wellenberge und dort dann plötzlich ein Hubschrauber, dort, ganz klein, ein Fischkutter, dort ein Segelboot. Es ist ziemlich klug erkannt, dass vor allem diese Bilder Platz brauchen, viel Platz. Platz, den ihnen die Sammlung Falckenberg bietet.

Und alles weitere: macht Spaß.

(„Psycho“, bis 25. März 2012, Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg.)

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