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Keine Gutmenschen hier

21. Juni 2010

Ich finde Pornographie ja unglaublich interessant, also, von der ästhetischen Warte aus. Killerspiele sind in meinen Augen bedeutende künstlerische Äußerungen. Und auch wenn ich mich im Splatterbereich überhaupt nicht auskenne, bin ich der erste, der sich dagegen wehren würde, wenn jemand Hardcore-Horror verbieten möchte, schon Altersbeschränkungen sind mir hier ein Gräuel: Es geht hier um Kunst, wie kann der Jugendschutz es wagen, da Grenzen zu ziehen, Denkverbote auszusprechen.

Denkverbote. Ganz schlimm.

Zumindest im Kunstbereich. Da muss alles gezeigt werden dürfen, auch noch das Dreckigste, auch noch das Ärgste hat seinen ästhetischen Wert, dem keinerlei Fesseln angelegt werden dürfen. Das mag jetzt so pathetisch klingen, dass man denken könnte, ich würde gar nicht ernst nehmen, was ich hier behaupte. Aber es ist mein voller Ernst: Die. Kunst. Ist. Frei. Und Pfaffen, Moralisten und Beamte haben ihr nicht reinzureden. In allem Pathos.

So sieht es zumindest mit der Kunst aus. Und was ich ihr zugestehe, das lasse ich im Bereich des gesprochenen, mehr noch aber des geschriebenen Wortes plötzlich nicht mehr gelten. Es ist nämlich so: Matthias hat einen Artikel geschrieben, über die zurzeit das Land überschwemmende Flut von schwarzrotgoldenen Scherzartikeln. Der Autor vertritt hier die These, dass das nicht schlimm sei, die Dummdeutschen würdendie Fahne nicht aus blödem Nationalismus schwenken, sondern weil sie damit ihre Zuneigung zu einer bestimmten Fußballmannschaft zeigen wollten, ähnlich einem Vereinswimpel. Da bin ich zwar anderer Meinung, aber gut. Was mich aber schon schockierte, waren die Kommentare, die Matthias damit anzog; gleich als Zweiter schrieb ein anonymer „Sven“:

„Endlich mal eine angebrachte Kritik über die ‚linken Spießer‘ von heute.“

Und darauf reagierte ich allergisch. Weil, „linke Spießer“, das ist ein Jargon, den ich kenne. Wer von „linken Spießern“ spricht, der spricht auch von „Gutmenschen“, von der „linken Systempresse“, von „Mohammedanern“. Mein Kommentar:

„‚Linke Spießer‘ ist Junge-Freiheit-Jargon. Das rülpsen die Jungrechten, wenn sie beschwören, dass die Coolen doch bitte auf ihrer Seite der Barrikade stehen sollten. Hilft aber alles nichts: Spießertum ist ebenso wie Nationalismus und Diskussionunfähigkeit immer noch meist rechts zu finden, auch wenn die Rechten sicher kein Abo mehr darauf haben.“

Darauf Matthias:

„Zahnwart, entweder es gibt linke Spießer oder nicht, und wenn ja, dann werde ich mir auch die Freiheit (übrigens ein wichtiger und oft unterschätzter Begriff!) nehmen, sie so zu nennen – und mir keinesfalls von ein paar dahergelaufenen Rechten das Vokabular für Realitätsbeschreibung vorschreiben lassen.“

Womit er, das muss ich zugeben, recht hat. Und auch wieder nicht. Ja, als Urheber ästhetischer Produkte (zu denen Blogeinträge auf jeden Fall zählen) muss man schreiben dürfen, was man für richtig hält. Aber gleichzeitig ist das Gelände vermint: Die Freiheit, von der Matthias spricht, ist eigentlich ein Kampf gegen Political Correctness. Die ist abzulehnen, ohne Zweifel, Political Correctness ist in ihrer institutionalisierten Form die Versachlichung sinnlichen Sprachgebrauchs. Nur lässt sich dieser Kampf nicht so einfach führen: Weil diejenigen, die am lautesten gegen Political Correctness kämpfen, die Rechten sind. Die allerdings nicht in erster Linie gegen die Auswüchse politisch korrekter Spracheiferer kämpfen wollen, sondern gegen den Antrieb dieser Eiferer: Den Rechten geht es darum, Ziele wie Gleichheit, Solidarität, Achtung vor dem Anderen zu diskreditieren. Und das machen sie, indem sie einen bewussten Sprachgebrauch lächerlich machen. Und kaum kämpft man mit Matthias‘ lauteren Motiven für die Freieheit der Sprache, hat man gleich die jubelnden Rechten auf seinem Blog.

Sprache ist etwas Schönes, etwas Schillerndes. Und Politisch Korrekte wollen uns diese Schönheit nehmen. Die Schönheit besteht aber darin, dass Sprache in der Lage ist, ein Schimpfwort zu nehmen und in einen Ehrentitel zu verwandeln, ein Beispiel: „schwul“. Aber diesen Job konnte nicht ich machen, den konnten nur die Schwulen selbst machen. Im alltäglichen Sprachgebrauch. Als Blogger aber bin ich Beobachter: Meine Sprache beschreibt, sie ist starr und darf demnach politisch korrekt gefangen sein. Mit anderen Worten: Kunst darf alles, Journalismus nicht. Und Blogs demnach auch nicht.

In der Bandschublade wird nichts stehen von Gutmenschen, von linken Spießern und von der Systempresse.

3 Kommentare leave one →
  1. 21. Juni 2010 22:49

    Über deine Definition von Political Correctness muss man, glaube ich, auch streiten. Ich halte sie, anders als du, nur selten für „die Versachlichung sinnlichen Sprachgebrauchs“, sondern in aller Regel für eine Euphemismusdiktatur, die mir Denk- und Sprechverbote aufzwingen möchte. Nach dem Motto: Kleine Menschen darf ich nicht mehr klein nennen, sondern nur noch „vertikal herausgefordert“. Lächerlich und peinlich.

    Von ähnlich lachhaften Absurditäten wimmelt es in der sogenannten Political-Correctness-Bewegung, und auch hier gilt wieder: Nur weil die Rechten gegen sie kämpfen, muss sie noch lange nicht per se in Ordnung sein. Mir ist es jedenfalls lieber, ich erkenne an jemandes Sprache, wes Geistes Kind er ist, als dass er mich mit taktischen pc-Euphemismen hinters Licht führt. Will sagen: Ich persönlich käme nie auf die Idee, einen Menschen mit dunklerer Hautfarbe als meine als „Neger“ zu bezeichnen; wer das tut, verrät mir hingegen alles über seine reaktionäre Gedankenwelt, ich kann ihn also richtig einschätzen.

    Die Kommentare im Blog sind übrigens ganz überwiegend von sachlicher Diskussion geprägt.

    PS: Ich spreche auch hie und da von Gutmenschen – meistens, wenn ich Bono meine.

    • 22. Juni 2010 06:37

      Das ist so eine Sache, mit der Political Correctness: Ursprünglich ist Political Correctness ja der Gedanke, dass sich gesellschaftliche Hierarchien auch in der Sprache ausdrücken und dass man, um sich dieser gesellschaftlichen Hierarchien bewusst zu werden, ganz genaue Sprachkritik üben muss. Finde ich gut und richtig. Was sich daraus aber entwickelt hat, ist Sprachpedantentum, dein Beispiel mit dem „vertikal herausgeforderten Menschen“ zeigt das ganz gut.
      Das Problem ist nur: Wenn man gegen dieses Sprachpedantentum kämpft, dann kämpft man automatisch auch gegen die, die gesellschaftliche Hierarchien hinterfragen wollen. Also, indem man gegen de PC-Generation 2 kämpft, kämpft man automatisch gegen die PC-Generation 1. Und hat damit auch gleich ganz unangenehme Kampfgenossen. Daran sind schon Schwergewichte wie Matthias Matussek zerbrechen, momentan hat Max Goldt ein vergleichbares Problem, fürchte ich.

      Ich bin mir unsicher, wie ich damit umgehen soll. Bis ich eine Lösung gefunden habe, gehe ich von der Gleichung aus: Kunst = Position des Schaffenden = darf alles. Blogs = Spielart des Journalismus = Position des Beobachtenden = darf nicht alles. Ich bemühe mich also, pc zu sein. Ach wenn es mir nicht immer gefällt.

Trackbacks

  1. Alle schwul « Bandschublade

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