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Hölle Hölle Hölle

25. Juni 2010

Dass ich nicht glaube, hat nichts mit Walter Mixa zu tun. Das hat, wahrscheinlich, gar nichts mit irgendwelchen Glaubensvertretern zu tun, das ist auch keine irgendwie politisch begründbare Entscheidung. Es ist nur so, dass ich, wohl mit 14, 15, zu dem Schluss kam: Das macht alles überhaupt keinen Sinn. Wenn es einen allmächtigen Gott geben würde, warum funktioniert hier rein gar nichts? Ist dieser Gott zwar allmächtig aber schludrig? Oder ist er womöglich böse, wenn er uns in diese Welt geworfen hat, mit der wir wohl oder übel klarkommen müssen? Und warum soll ich diese Type dann, bitteschön, anbeten? Ist die Theorie nicht stimmiger, dass es eben keinen Gott geben dürfte, dass das Wunder des Lebens kein Wunder ist sondern eine Kohlenwasserstoffverbindung, die sich durch, jawohl, Zufall zum genau richtigen Zeitpunkt unter den genau richtigen klimatischen Bedingungen bildete und jetzt immer noch über den Globus krebst, vergleichbar einem Schimmelpilz auf dem Joghurt?

So verlor ich meinen Glauben.

Woran ich lange Zeit immer noch glaubte: an den Mummenschanz, an die Inszenierung, an Prunk und Weihrauch, an die Akustik in alten Kirchebgebäuden, Gesänge, deren Ursprung nicht lokalisierbar ist. Ich trat aus der Kirche aus, ich glaubte nicht mehr, kulturell blieb ich aber Katholik. Kein Urlaub, in dem ich nicht begeistert von Kirche zu Kirche rannte, keine Diskussion über Glauben und Sexualität, in der ich nicht provokant das sadomasochistisch-sinnliche Motiv der absoluten Hingabe an Gott ins Gespräch warf, ein Motiv, das insbesondere Protestanten nicht verstehen konnten.

Überhaupt war das Ziel meiner Angriffe immer nur der Protestantismus. Den nahm ich als sinnesfern, unkünstlerisch, spießig wahr, während der Katholizismus für mich ein Spiel war, ein So-tun-als-ob. Wenn Protestanten mir spöttisch entgegenhielten, dass insbesondere der Zölibat ja wohl der Inbegriff von Sinnlichkeitsentsagung sei, antwortete ich, dass ich gerne auf Sexualität verzichten würde, dürfte ich mich dafür mit Kunst beschäftigen. Und dass der Protestantismus erschreckend kunsfrei sei, liege ja wohl auf der Hand, man müsse doch nur die schmucklose Ödnis evangelischer Kirchengebäude mit dem überbordenden Prunk ihrer katholischen Pendants vergleichen (wobei ich natürlich Bauwerke wie das Münster meiner Heimatstadt, den Hamburger Michel oder als Beispiel für großartige moderne Kirchenarchitektur die Temppeliaukio-Felsenkirche in Helsinki vollkommen unter den Tisch fallen ließ).

Auch politisch schien mir der Katholizismus sympathischer als der Protestantismus: Im 3. Reich waren die Protestanten deutlich systemnäher als die Katholiken, auch die protestantisch geprägten USA waren mir immer unsympathisch (gut, Bush war in einer Freikirche, aber es ist doch auch bezeichnend, dass der Protestantismus solche radikalen Abspaltungen zulässt, während der Katholizismus sie grundsätzlich ablehnt). Ebenso wie in der Architektur blendete ich hier die Gegenbeispiele für Rechtskatholiken wie Johannes Dyba konsequent aus.

Und jetzt der Missbrauchsskandal. Man muss nicht lästern, das Zerrbild des lüsternen Pfaffen, der vor allem deswegen Priester wird, weil er glaubt, so seine als problematisch empfundene Sexualität nicht ausleben zu müssen, ist so bekannt wie lächerlich. Was aber nicht lächerlich ist: Ein Fall nach dem anderen wird bekannt. Und fast immer in der katholischen Kirche. Walter Mixa ist in diesem Zusammenhang eine Nebenfigur. Ein problematischer Charakter, ja, aber die gibt es überall. Das Problem: Im Katholizismus scheint es sie zuhauf zu geben. Und plötzlich stelle ich mir die Frage: Was, wenn dieses massive Auftreten gar nichts zu tun hat mit diesem Glauben? Was, wenn es viel mehr zu tun hat mit, ja: Mummenschanz, Inszenierung, Weihrauch. Was, wenn diese Kultur des So-tun-als-ob, des Glaubens, dass ein Glas Wein zu Blut werde und eine trockene Oblate zu Fleisch, wenn all das problematische Charaktere wie Mixa anzieht? Und wenn Leute wie Mixa nur deswegen so lange ungestört agieren können, weil sie umgeben sind von ebenso problematischen Charakteren.

Mummenschanz, Inszenierung, So tun als ob. Was diese Erkenntnis fürs Theater bedeutet, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ans Theater glaube ich übrigens. Noch.

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