Skip to content

Habemus Papam

1. Juli 2010

Endlich haben wir einen Bundespräsidenten. Klar, wäre ja auch schlimm, wenn Deutschland ins Endspiel der Fußball-WM käme, und dann müsste da ein Vertreter den Spielern beim Verlieren zuschauen, Bundesratspräsident Jens Böhrnsen etwa, ein Sozialdemokrat, das auch noch. Aber jetzt ist ja alles gut, nach langer Zeit wurde endlich Christian Wulff gewählt, der Kandidat, der im Interview erzählte, dass er zum letzten Mal in Zweiohrküken im Kino gewesen sei. Mit übertriebener Intellektualität wird Wulff uns wohl nicht nerven, das darf man jetzt schon mutmaßen.

Aber bevor das jemand falsch versteht: Ich finde Christian Wulff okay. Gut, er pflegt sein Image des schlichten Gemüts, gut, er ist Christdemokrat, gut, er zeigt eine beunruhigende Nähe zur religiösen Rechten. Aber: Christian Wulff ist zumindest kein Scharfmacher. Er gibt sich als ultrasensibler Verstehertyp, und genau das ist eine Eigenschaft, die man in der Position des Bundespräsidenten braucht. Eine Eigenschaft, die seinem Kontrahenten Joachim Gauck fehlt: Gauck betont, dass Hartz IV eine gute Sache sei, Gauck findet den Afghanistaneinsatz in Ordnung, Gauck ist grundsätzlich der Meinung, dass von Links nur Übles kommen kann. Darf er ja alles finden, nur: Präsidial ist das nicht.

Aber: Es war ja nie im Bereich des Möglichen, dass Gauck wirklich Präsident werden würde. SPD und Grüne haben den Stockkonservativen nur aus einem Grund aufgestellt: Sie wollten die Regierungsparteien CDU und FDP sowie deren Kandidaten Wulff blamieren. Das ist ihnen gelungen. Man muss den Hut ziehen vor diesem Strategiespiel, nachdem Gauck erstmal nominiert war, konnten die Regierungsparteien nur verlieren, die Opposition konnte nur gewinnen.

Ein Opfer musste dafür allerdings über die Klinge springen: die Linkspartei. Die konnte Gauck nicht wählen. Nicht, weil der sie schmerzhaft an ihre Stasi-Vergangenheit erinnern würde, sondern wegen seiner Haltung zu Afghanistan, zum Sozialabbau. Und wegen seiner Haltung zu linker Politik im allgemeinen. Wie hätten die Linken das machen sollen, jemanden wählen, der sie bei jeder Gelegenheit beschimpft? Dafür müssen sie sich jetzt vorhalten lassen, Wulff ermöglicht zu haben. Die Alternative wäre natürlich gewesen: Die Linken schlucken alle Kröten und wählen Gauck (tatsächlich hätte das zumindest im dritten Wahlgang auch nichts mehr gebracht, aber egal). Dann wäre die Linke genau die machtgeile Umfallerpartei gewesen, die sie in Regierungsverantwortung schon längst sind: Die Partei, die einen ultraliberalen Kommunistenfresser gewählt hätte. So ist sie nur die Partei, die einen profil- und kulturlosen Christen nicht aktiv verhindert hat. Mir ist das lieber.

Denn: Zumindest meine Stimme hätte eine Partei, die Gauck gewählt hat, bei der nächsten Wahl nicht mehr bekommen.

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 3. Juli 2010 15:49

    Schon irgendwie seltsam, dass Sie Wulff okay finden. Von ihm verlangt man keine Ablehnung von Afghanistankrieg und Hartz IV (als CDU-Mitglied ist das wohl überflüssig?). Bei ihm deuten Sie das Apparatschikhafte als „ultrasensibler Verstehertyp“, bei Gauck aber verstehen Sie denselben üblichen Kotau vor dem politischen Mainstream (der in Deutschland nun mal rechts ist zur Zeit) als Scharfmacherei. Und das soll nichts mit der Stasi zu tun haben? Schwer zu glauben.

    • 3. Juli 2010 16:29

      Ja, wahrscheinlich haben Sie recht: Bei einem CDUler erwarte ich gar nichts anderes als Bejahung von Kriegseinsätzen und Hartz IV. Und wenn dann der Christdemokrat und sein Opponent einander gegenüber stehen und die gleiche Meinung zu diesen Themen haben, dann kommt der Christdemokrat leider besser weg … Irrational, ich weiß. Dass ich Wulff als „ultrasensiblen Verstehertyp“ gelobt habe, war allerdings ironisch – konkret hätte ich weder Wulff noch Gauck gewählt und habe damit ein gewisses Verständnis für die Vertreter der Linken.

      Aber Ihren Schlusssatz mit der Stasi? Verstehe ich leider nicht.

      • 3. Juli 2010 16:45

        Mein Schlusssatz bezog sich vielleicht weniger auf Ihren Text – ich habe einfach in den letzten Tagen zu viele Anti-Wulff-Tiraden gelesen, bei denen hinter dem laut vorgetragnenen Afghanistan-Argument die Wut über den Behördenchef Gauck spürbar war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: