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Der Blick ins Freie

18. Juli 2010

Foto: Michael Schmidt, aus der Serie „Frauen“ (1997–99), Copyright Michael Schmidt, Courtesy Galerie Nordenhake (Berlin)

Überall in Berlin hängen diese Fotos: Schwarzweißaufnahmen junger Frauen, meist ungeschminkt, meist kurzhaarig, meist in Bewegung. Nichts weiter, kein Bildhintergrund, keine Requisiten, kein Text. „Frauen“ heißt die Fotoserie, sie stammt von Michael Schmidt, und sie ist so etwas wie das zentrale Kunstwerk der diesjährigen Berlin Biennale. Kunst, die von einer provozierenden Unkünstlichkeit lebt. Und Kunst, die rausgeht aus dem Museum, auf Plakatwände, Websites, Zeitschriften. Für Schmidt repräsentieren die Porträtierten „eine Generation von jungen Frauen, die für einen Umbruch und ein neues weibliches Selbstbewusstsein stehen.“ Was aus dem Mund eines 1945 geborenen Fotografen ein bisschen unangenehm an eine schwiemelige Männerfantasie erinnert, dennoch: Diese Bilder zeigen tatsächlich eine neue Form von Weiblichkeit, sie zeigen einen Frauentypus, wie er sich um die Jahrtausendwende in Berlin breit gemacht hat, unbekümmert desillusioniert, ungezwungen erotisch, im Bewusstsein, dass die Multioptionalität der Gegenwart erstens eine Zumutung darstellt und dass man zweitens aus dieser Zumutung das Beste machen sollte. Wenn man so will, hat Schmidt für „Frauen“ einen Augenblick der Realität eingefangen, so gut das Kunst eben kann.

Darum geht es in dieser Ausstellung: einen Zugang zu realistischer Kunst zu finden, trotz aller Berechtigten Zweifel am künstlerischen Realismuskonzept. „Die in der Ausstellung versammelten künstlerischen Positionen verbindet ihr Blick auf die Wirklichkeit. (…) Das Ziel der Ausstellung ist dabei nicht die Verwechslung der Welt mit dem Ausstellungsraum; ihr Ziel ist es, den Betrachter zurück auf die Welt zu verweisen, auf das, was draußen wartet“, schreibt Kuratorin Kathrin Rhomberg im Katalog. In der Praxis sieht das dann so aus: In den Kunst-Werken ist ein Stockwerk in grelles Licht getaucht, ein riesiger, leerer, weiß getünchter Raum ohne jedes Kunstwerk. Nur in einer Ecke gibt es ein Fenster, das den Blick in den Nachbarraum erlaubt. Und dort sehen wir die riesige Installation „The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real“ (2010) von Petrit Halilaj: die Holzverschalung eines Hauses, das der Künstler in seiner Heimatstadt Pristina baut. Der Blick geht aus dem White Cube hinaus auf ein Kunstwerk, das seinerseits den Blick weiter leitet in die soziale Realität des Kosovo, so funktioniert die Theorie dieser Biennale.

Oft hat die hier gezeigte Kunst eine dokumentarische Anmutung, so etwa wenn Bernard Bazile Demonstrationen in Paris filmt, wenn Mark Boulos Rituale nigerianischer Terroristen in einer Zweikanalinstallation mit der kollektiven Exstase einer Termingeschäftsbörse koppelt, wenn Renzo Martens mit Haut und Haar eine nüchterne Bestandsaufnahme der ökonomischen Ungerechtigkeiten zwischen erster und dritter Welt torpediert und so eine Art Michael Moore für den Kunstbetrieb wird. Sehr selten spürt man einen sinnlichen Reiz, manchmal aber schleicht sich ein stiller Humor in die Schau: Wenn Ron Tran zwei Reihen von Parkbänken fast unbemerkt verrückt, wenn Anna Witt in einem Video ihre eigene Geburt nachstellt. Und eine Arbeit rührt einen dann doch an, von Herzen: Ferhat Özgürs Video „I can sing“ (2008), in dem verschleierte Frauen zwischen Ankaraer Baustellen, Brachflächen und Moscheen singen. Beziehungsweise: die Lippen zu Jeff Buckleys Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ bewegen.
Neben Özgür gibt es noch eine weitere Künstlerin aus der Türkei: Nilbar Güres. Ihre Fotoserie „Circir“ (2010) ist härter als der melancholische Religions-Clash Özgürs, sie zeigt die Bewohnerinnen eines Istanbuler Vororts und damit eine durchmischung von Generationen, Lebensstilen, sozialen und sexuellen Identitäten. Das Stadtviertel wird zum Körper, und Güres dokumentiert die Veränderungen dieses Körpers – wobei die finale Veränderung nur in zwei, drei Fotos spürbar ist: Das Viertel wird über kurz oder lang einem Tunnelbau weichen.

So wird der Blick ins Freie wieder eröffnet, der Realismus, den die Berlin Biennale einfordert. Und so kommt eben auch ein unangenehmer Aspekt dieser Ausstellung zur Sprache: Was bedeutet es eigentlich fürs soziale Umfeld, wenn die Kunst einfällt? Die Berlin Biennale bespielt neben den Kunst-Werken auch verschiedene Orte in Kreuzberg, zentral ein leerstehendes Kaufhaus am Oranienplatz. Allerdings stieß die Bespielung dieses Ortes nicht auf ungeteilte Begeisterung, in Kreuzberg befürchtet man mit dem Einmarsch der Kunst einen ersten Schritt zur Gentrifizierung des Viertels (Andrej Holm hat Verständnis für diese Befürchtungen, Harald Jähner in der Berliner Zeitung eher weniger).
Ganz falsch ist diese Annahme sicher nicht. In Mitte, im Dreieck Auguststraße-Gipsstraße-Sophienstraße, hat es die Kunstszene geschafft, ein funktionirendes Nebeneinander aus Wohnen, Arbeiten und Ausgehen innerhalb von zehn Jahren zur hochpreisigen Luxusmeile zu verschandeln. Ironischerweise auf eigene Kosten: Immer mehr Galerien kehren Mitte den Rücken, was bleibt sind Boutiquen, schlechte aber teure Restaurants und unbezahlbare Wohnungen. Nur ist die Berlin Biennale nicht der erste Adressat für solche Vorwürfe: Die Biennale ist keine Galerienschau, es geht bei ihr nicht um einen Kunstmarkt, es geht ihr um Theorie. Tatsächlich werden wohl an kaum einem Ort soziale Verschiebungen so klar und selbstkritisch reflektiert wie hier – man denke nur an Güres‘ Video. Ted Gaier, Rocko Schamoni, Melissa Logan und andere Hamburger Künstler haben diese selbstkritische Reflexion durch das Manifest Not in our Name, Marke Hamburg sehr klug formuliert: dass sie selbst gleichzeitig Opfer von Gentrifizierung wie auch Gentrifizierer sind.

Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern, unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen.

„Not in our Name, Marke Hamburg“ hat die Janusköpfigkeit von Kunst und Gentrifizierung recht gut verstanden, soweit ich den Berliner Diskurs überblicke, ist man dort noch nicht ganz so weit. Was der Protest gegen die Biennale aber auf jeden Fall gebracht hat: Der Anspruch der Ausstellung, den Zusammenstoß mit der Realität zu wagen, hat wohl sich radikaler erfüllt, als es die Ausstellungsmacher erwartet haben. Die Kunst ist in die Realität eingebrochen, hat versucht, die Realität zu reflektieren – und derweil hat sich die Realität selbst in den Diskurs eingemischt. Hat darauf hingewiesen, dass das alles gar nicht so toll ist, wie es hier abläuft. „Was draußen wartet“ war das Motto der Biennale – dass das, was draußen wartet, nicht unbedingt freundlich gesinnt ist, ist eine hübsche Volte dieses Gedankens.

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2 Kommentare leave one →
  1. 23. Juli 2010 22:30

    .

  2. 24. Juli 2010 10:48

    Hm. Wie darf ich Ihren Kommentar verstehen? Spam ist es ja wohl keiner. Aber sonst? Ich nehme ihn mal als: Zustimmung, oder?

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