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Das Ende des Pop

25. Juli 2010

Auch ich bin in Arkadien geboren. (Novalis)

Auch ich bin auf der Loveparade gewesen. 1998 in Berlin, die Veranstaltung war gerade am Kippen, im Vorjahr hatten sie eine Million Raver geknackt, die Berichterstattung konzentrierte sich auf den Wirtschaftsfaktor Parade, auf die Kosten für die Reinigung des Tiergartens, auf die zunehmende Kommerzialisiserung. Die Berliner CDU hatte einen Wagen, die Jungen Liberalen, Gotthilf Fischer dirigierte einen Chor, das Publikum bestand zu gefühlt 90 Prozent aus hessischen Bundeswehrsoldaten ohne echten Technohintergrund, und RTL 2 zeigte sechs Stunden am Stück, wie angebliche Raverinnen ihre T-Shirts lüfteten. Der Coolnessfaktor lag knapp über Ballermann und knapp unter Kölner Karneval, mir egal, ich wollte da hin.

Kurz zuvor war ich nach Berlin gezogen und mitten im kulturellen Sommerloch gelandet, da erschien mir die Parade ein Highlight, und überhaupt: Lauter Technoenthusiasten fuhren von weither, um hier dabei zu sein, ich aber mochte erstens Techno und war zweitens ohnehin in der Stadt, da war ein Besuch doch alternativlos. Nur wusste ich nicht, wohin. Die Parade ging damals durch den Tiergarten an der Siegessäule vorbei, das müsste ich doch finden, war ja eine Großveranstaltung, und laut war es auch.

Es war unglaublich öde.

Truck an Truck schob sich über die Straße des 17. Juni, es lief ödester Kirmestechno, es war heiß, die Raver hingen zerschossen am Straßenrand, es waren nicht einmal viele (also, „viele“ im Sinne von: Es ging nicht mehr vor noch zurück). Eine halbnackte Frau herrschte mich an: „Los, freu dich endlich!“ Ich freute mich nicht. Am Himmel zog ein Gewitter auf, ich schwang mich aufs Rad und fuhr nach Hause, gefrustet.

In der Nacht vibrierte die Stadt. Ich war bis spät im Prater, hinterher noch im Prenzlauer Berg, dann radelte ich durch die Friedrichsstraße nach Hause, immer versprengten Ravern ausweichend. Ich hatte keine Ahnung, wohin, ich war nicht in der Szene drin, aber es war egal. Irgendwo auf Höhe des alten E-Werk legte jemand auf einem Parkplatz auf, ich stieg vom Rad, blieb eine, zwei Stunden. Monotoner, harter Techno, ein paar Tänzer, sehr laut, sehr dunkel. Mir gefiel das alles nicht, aber ich stand damals sehr auf die emotionslose Kälte des Punk, inhaltlich hatte ich hier einen Andockpunkt gefunden. Ein wenig tanzte ich, das heißt, ich bewegte mich ein wenig zu den Beats, ich dachte: „Cool, du bist auf der Loveparade!“ Dann wurde mir langweilig, und ich ging ins Bett.

1999 überschritt die Loveparade ihren kommerziellen Zenit, eineinhalb Millionen Besucher, die mit Techno fast gar nichts mehr zu tun hatten. In den Folgejahren schrumpfte die Parade wieder zu einer Nischenveranstaltung, 2003 hüpften gerade mal 500000 durch Berlin, dann wurde sie abgesagt. Um 2006 wieder aufzuerstehen, größer denn je, erst in Berlin, dann im Ruhrgebiet. Essen, Dortmund, 1,2 Millionen, 1,6 Millionen. Spätestens mit dem Umzug in den Pott ging es nicht mehr um Techno, es ging um Pop: mehr, mehr, mehr. Und dann die Enttäuschung, als Bochum 2009 die Veranstaltung absagte: Man sei in der verhältnismäßig kleinen Stadt nicht auf solche Besuchermassen eingestellt, hieß es. Aber jetzt, 2010, wollte es Duisburg besser machen, nicht so skrupulös wie die Bochumer, postiv, nach vorne schauend, unter dem Motte „The Art of Love“. Tschaka!

Katastrophe, Desaster, das Ende.

Das Ende der Loveparade. Das Ende der Zwangsfreude. Das Ende von Pop als positivem System.

Los, freu dich endlich!

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