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Haut

20. August 2010

Franziska Finkenstein hat für jetzt.de, die Online-Überreste von Jugendlichkeit der Süddeutschen Zeitung, einen Essay über Musikvideos geschrieben. Titel: „Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos“. Dieser Essay hat mich ein wenig geärgert, und um sagen, weswegen, muss ich ein wenig weiter ausholen.

Musikvideos entstanden in den 1960er Jahren, kurze Filme zu einzelnen Songs beispielsweise der Beatles, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ihre Hochzeit hatte diese Mischform aus Musik, Film und Werbung in den 80ern, spätestens seit 1981 der US-amerikanische Fernsehsender MTV auf Sendung ging, der zunächst ausschließlich Musikvideos spielte. Was für die Form von Musikvideos prägend war: MTV war ein amerikanischer Sender und stand für eine typisch amerikanische Ästhetik (Gewalt konnte nur in Maßen gezeigt werden, Sex gar nicht), Videos, die nicht auf MTV gezeigt wurden, existierten praktisch nicht. Das änderte sich auch nicht, als mit Viva 1993 eine deutsche MTV-Kopie an den Start ging, gespielt wurden zwar anders als beim US-Original auch deutschsprachige Songs, die Bildästhetik aber blieb gleich: kein Sex, kaum Gewalt, praktisch keine Politik. Werbefernsehen.
Mittlerweile haben wir 2010, die (längst unter einem Dach firmierenden) Fernsehsender MTV und Viva haben sich in Trash-Boulevard-Resterampen ohne nennenswerten Musikvideo-Anteil gewandelt, der Werbeeffekt von Musikclips geht gegen Null, und die Plattenindustrie befindet sich ohnehin in der Krise. Was nicht heißt, dass es keine Musikvideos mehr gibt: Im Kunstkontext entstehen noch welche, quersubventioniert beispielsweise über den MuVi-Preis der Kurzfilmtage Oberhausen. An Filmhochschulen. Als Fingerübung. Oder als DIY-Spielerei. Im TV läuft sowas natürlich nicht mehr, dafür im Internet. Youtube mag als erste Anlaufstelle für Musikvideos im 21. Jahrhundert gelten, allerdings hängt Youtube immer noch der US-Moral nach und zensiert fröhlich alles, was nach nackter Haut aussieht. Außerdem sperrt das Unternehmen immer mehr Videos aus urheberrechtlichen Gründen, was die Clipsuche mitunter recht mühsam macht. Mehr Spaß bietet hingegen Vimeo: Auch Vimeo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, allerdings mit Kunsthintergrund, und in der Kunst darf vieles sein, was in der Unterhaltung verboten ist. Nicht zuletzt Sex.

Und hier setzt Finkenstein an. Sie schreibt:

(…) Die Fluktuation dort (auf youtube et al., F.S.) und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.

Ist das so? Tatsächlich gibt es auf Vimeo Sex. Angefangen von „Plug me in“ (2000) von Add N to (X). Hier sehen wir noch ganz klassische Pornografie, allerdings mit einem Zug ins Spielerische.

Ebenfalls gibt es Prodigys „Smack my Bitch up“ von 1997. Auch hier zwar Provokation, aber keine nennenswerte Verschiebung der Körperpolitik – wenn man vom hübsch überraschenden Gendertrouble-Moment in der letzten Minute absieht.

Schließlich Rammsteins „Pussy“ (bei dem mir sicher niemand böse ist, wenn ich es hier nur verlinke aber nicht einbette): alles da. Und alles tolle Belege für Finkensteins These. Nur nennt sie diese Beispiele nicht. Sie nennt dagegen „Gobbledigook“ (2008) von Sigur Rós, ein charmant-sinnliches Peace-and-Love-Filmchen.

Moment mal? Extreme Bildsprache, Provokationen, Schockeffekte? Bei spielenden Nackten im Park? Die Autorin geht weiter, zu „Kids in Love“ (2010) von Mayday Parade:

Jugendliche ziehen sich aus, rangeln, vögeln. Extreme Bildsprache? An keiner Stelle, stattdessen friedliches, ein wenig langweiliges Glück. Kein Vergleich zu den gestählten Hardbodies, die US-kompatibel Sexualität andeuten, in den Mainstreamvideos von Pink, Christina Aguilera, Britney Spears. Nur benennt Finkenstein diesen Unterschied nicht, weil er ihr nicht in die These passt. Wäre ja auch blöde, zuzugeben, dass die Sexualität in den Videos von Mayday Parade und Sigur Rós nicht etwa provokant und pornographisch ist, sondern vielmehr das Gegenteil der zensierten Sexualität im Mainstream. Dass die Freiheit von Zensur auch eine Freiheit der Sexualität bedeuten könnte.

Ich schließe mit einem Video, das Finkenstein gar nicht erwähnt, vielleicht, weil es für den US-Geschmack verpixelt ist: „Lessons learned“ (2009) von Matt and Kim. Weil auch hier eine sexuelle Befreiung zumindest angedeutet wird – und weil der durchaus verstörende Schluss diese Befreiung gleich wieder in Frage stellt. Das können Musikvideos nämlich, im Gegensatz zur Pornografie: Fragen stellen (und die ansonsten sehr geschätzte Frau Neudecker hat die Sache vor über einem Jahr ein bisschen falsch verstanden).

Edit: Dass gerade mal zehn Minuten nach Onlinestellen dieses Textes schon zwei Suchanfragen „Kids Porno“ hier aufgeschlagen sind, ist natürlich widerlich.

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