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Kein Glanz, kein Herzklopfen

27. August 2010

Wenn mich jemand fragt, warum ich ins Theater gehe, dann antworte ich: weil das, was da verhandelt wird, etwas mit mir zu tun hat. Weil eine Armlänge von mir entfernt Menschen stehen und sich mit Dingen beschäftigen, die mich ebenfalls beschäftigen: Macht meine Arbeit Sinn? Will ich eigentlich Kinder? Geht das jetzt immer so weiter, die nächsten zehn, zwanzig, fünfzig Jahre? Wenn Theater gut ist, dann bekomme ich zwar keine Antworten auf diese Fragen, aber dann spüre ich, dass diese Fragen auch von anderen gestellt werden. Bei gutem Theater klappt das auch bei Hamlet, bei schlechtem Theater klappt das nicht einmal bei Brecht.

Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel hat die New Yorker Gruppe Nature Theatre of Oklahoma eine Art Musical gezeigt: „Life and Times, Episode one“. Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, also Establishment, wie es etablierter nicht geht, inklusive Einladung zum Berliner Theatertreffen. Gleichzeitig ist es armes Theater, das auf minimalste Mittel setzt: ein Orchester, bestehend aus gerade mal Ukulele, Bass, Keyboard und Flöte, drei Schauspielerinnen, ein Bühnenbild, das einzig durch zurückhaltende Lichtwechsel den Raum akzentuiert. „Life and Times“ ist ein Musical, also wird gesungen, aber wie? Nicht immer wird der Ton getroffen, die Musik ist die ständige Wiederholung eines immergleichen Countryrhythmus, mal lauter, mal schneller, mal langsamer, mal leiser. Un der Inhalt? Die ersten zehn Lebensjahre eines Mädchens in der US-amerikanischen Suburbia, erzählt ohne Punkt und Komma am Telefon, inklusive „Eh“ und „Umm“ und „I don’t think that this is actually interesting“. Understatement as understatement can.

„Life and Times“ ist damit das Gegenbeispiel zu einem Theater des hohen Tons. Dieses Musical verhandelt nichts von Bedeutung, ist in seiner Form so schmucklos wie im Inhalt. Der Dramatiker Botho Strauß meint wahrscheinlich genau solche Stücke, wenn er in seiner in der FAZ abgedruckten Laudatio auf Schauspielerin Jutta Lampe ein negatives Bild des zeitgenössischen Theaters zeichnet: „Wo ist der Glanz? Wo bleibt das Herzklopfen? Wo die Feier? Wo bleibt das Beben des Schweigens, des Entsetzens?“ Beim Nature Theatre of Oklahoma ist es nicht, augenscheinlich.
Ich verstehe Botho Strauß ein wenig. Strauß will schwärmen. Wenn man das Theater transformiert in die Metapher einer Geliebten, dann trauert Strauß einer Frau nach, die ein teures Abendkleid trägt und kunstvoll geschminkt ist. Glanz, Herzklopfen, Feier. Dem darf er nachtrauern, sicher, nur darf ich auch sagen, dass Frauen in Abendkleidern wenig mit meinem konkreten Leben zu tun haben. In meinem Leben tragen die Frauen Chucks statt High Heels, einen leicht verrutschten Kurzhaarschnitt, und wenn sie überhaupt geschminkt sind, dann sehr, sehr zurückhaltend. Und „Life and Times“ zeigt sehr viel von diesen, meinen Geliebten.

Das Musical des Nature Theatre of Oklahoma ist ganz zweifellos in den USA verortet, schon die Beschreibungen des Bildungssystems (die im Leben einer Zehnjährigen naturgemäß einen recht großen Raum einnehmen) lassen sich nicht ohne weiteres auf bundesrepublikanische Verhältnisse übertragen. Und doch bin ich überzeugt: Würde ein Theatermacher mich anrufen und mich bitten, ihm meine Lebensjahre eins bis zehn nach bestem Wissen zu beschreiben, es würde kaum anders klingen. „Life and Times“ war eine der beglückendsten Theatererfahrungen, die ich seit langem gemacht habe: weil ich mich in dem Stück wieder erkannt habe.

Und natürlich sah ich noch weitere Stücke, Philipp Quesnes „Big Bang“ etwa, das im wunderbar leichten Ton die Entstehung der Welt nachzeichnet und mir doch fern blieb, keine Ahnung, weshalb. Oder „The sleep“ von The Big Art Group, das das genaue Gegenteil zeigt, die Apokalypse, und über das ich wenig sagen möchte, weil ich der Produktion nahe bin, zu nahe. Nichts aber berührte mich so wie „Life and Times“.

Als Schlusstwist: Natürlich muss es nicht immer nur darum gehen, mein Leben auf der Bühne zu zeigen. Natürlich kann und muss Theater auch das ganz Ferne zeigen, das Unbekannte. Hier kommt Botho Strauß zu seinem Recht: Wo Strauß Glanz und Herzklopfen einfordert, formuliert er eine Sehnsucht, ein Begehren. Er begehrt etwas, das unerreichbar ist, und er wünscht sich vom Theater eine Ahnung dieses Unerreichbaren. Das ist legitim. Theater ist nämlich auch: ein Wunschbild, eine Lüge, und pure Vernunft darf niemals siegen. In den Stücken, die ich über alle Maßen lobe, geht es nicht um Unerreichbares; das was da eine Armlänge von mir entfernt verhandelt wird, ist das, was heute Nacht ohnehin in meinen Armen liegt.

Foto: Nature Theatre of Oklahoma, „Life and Times, Episode One“, Copyright Reinhard Werner

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