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In Richtung Nordsee tröten

5. September 2010

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

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