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Kein Text zu Thilo S.

8. September 2010

Ich habe mich entschieden, nicht über Thilo Sarrazin zu schreiben. Über Sarrazin haben schon andere geschrieben, ausführlicher, weitergehender, schärfer und lustiger als ich es gekonnt hätte. Also steht hier nichts über Sarrazin.

Hier steht etwas über Mavericks.

Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Maverick“ einen Querdenker. Einen Menschen, der Ansichten vertritt, die nicht konform mit dem Mainstream gehen, und der diese Ansichten polemisch, satirisch, manchmal auch verletzend artikuliert. Der Maverick handelt oft aus purer Lust an der Provokation, meist aber, weil er durch seine Polemiken einen Diskussionsprozess in Gang setzen will. Ein Maverick ist ein von allen Seiten unabhängiger Intellektueller.
Solche Mavericks scheint es in den USA zu geben, in der Bundesrepublik gibt es sie nicht. Weil Querdenken in der Bundesrepublik heißt: rechts zu denken. Das muss man erklären. Wenn man in der europäischen politischen Diskussion nur lange genug nachdenkt, dann landet man früher oder später unweigerlich links. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Hildegard Hamm-Brücher anschaulich, wie der Rechtsruck der FDP unter Guido Westerwelle mit einer intellektuellen Verflachung einher ging:

Er (Westerwelle, F.S.) hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer. (…) Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns?

Wenn Intellektualität in der politischen Diskussion aber bedeutet, offen nach Links zu sein, dann kann ein Querschläger zu diesem Denken schlicht nur offen nach rechts sein. Und so agieren die selbst ernannten deutschen Mavericks auch: Sie geben das Denken auf und kämpfen stattdessen gegen alles, was nach Reform, Entwicklung und Hierachieabbau klingt, sie sind, ganz klassisch, Rechte.
Sie kämpfen gegen die Rechtschreibreform, die sie mit ihrem unbeholfenen Sinn für Ironie konsequent „Schlechtschreibreform“ nennen. Sie hetzen gegen die kreative Weiterentwicklung von Sprache und lästern über „Dummdeutsch“ und „Denglisch“. Sie suchen ihr Heil im klassischen Bildungskanon und gründen Bürgerinitiativen zum Erhalt der Gymnasien. Sie sind gegen das, was sie sich unter „Regietheater“ vorstellen, ohne den Begriff auch nur rudimentär mit Inhalt füllen zu können. Sie haben sich noch nie mit dem Konzept der „Political Correctness“ beschäftigt, sind aber davon überzeugt, dass alles, was auch nur von fern den Anschein erweckt, pc zu sein, von übel ist. Sie lassen sich vom Pöbel feiern und glauben, todesmutig gegen den Meinungsmainstream gekämpft zu haben.
Und kommen dabei doch erst im Mainstream an.
Es tut mir leid, ich muss doch noch einmal auf Sarrazin zu sprechen kommen. Sarrazin, der Kämpfer gegen Denkverbote, Sarrazin, der unbequeme Wahrheiten ausruft, die doch niemand auszusprechen wagt: Er tut das per Vorabdruck seines Buches. In Spiegel und Bild. Vorabdrucke in den reichweitenstärksten Medien des Landes! Und so jemand wagt es, für sich in Anspruch zu nehmen, unterdrückten Meinungen eine Stimme zu geben!

Es hilft nichts: Wer sich hierzulande als Maverick geriert, der ist so was von Meinungsmainstream, das tut schon weh. Er ist einfach von der linken Konvention mit fliehenden Fahnen zur rechten Konvention übergelaufen. Nur aufs Denken und auf Intellekt hat er unterwegs verzichtet.

13 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2010 21:07

    Oha, hier werden aber lauter Dinge in einen Hut geworfen, die dort definitiv nicht gemeinsam reingehören. Beispielsweise wird der Orwell-artige geistige Totalitarismus der PC in der zitierten Arbeit überwältigend evident, vor allem in Passagen wie diesen:

    „… Dort sollten männliche Studenten beim Sex mit einer Frau vor jedem Schritt, den sie zu tun gedachten, um Erlaubnis bitten, um so späteren Vorwürfen von sexueller Belästigung, bis hin zu Vergewaltigung, zu entgehen. An anderen Universitäten war es verboten, Angehörige von Minderheiten abfällig anzuschauen oder in deren Gegenwart laut zu lachen, da dies als Beleidigung aufgefasst werden könnte. Dass man eine bestimmte Person nicht habe beleidigen wollen, galt nicht als Ausrede, da die Regel galt, das Opfer bestimmt, wann es diskriminiert wurde und nicht der vermeintliche Täter. Verstöße gegen die Speech Codes und gegen die Codes of Conduct hatten mannigfaltige Folgen, die bis hin zur Zwangsexmatrikulation reichten. … Neben Verhaltensreglementierungen für Studenten und Professoren wurden auch die Lehrpläne geändert, um politisch korrekten Ansprüchen gerecht zu werden. Diese Ansprüche verlangten nach einer Einschränkung der Verwendung von Literatur von sogenannten Dead White European Males, also vor allem Europäischen Schriftstellern zu Gunsten von Schriftstellern, die Minderheiten angehören. So wurden aus dem Kanon von Literaturkursen Klassiker wie Kant oder Rousseau teilweise gestrichen und Minderheiten Literatur an deren Stelle aufgenommen. Diese Änderungen wurden vorgenommen, um Angehörigen von Minderheiten nicht den Eindruck zu geben, sie seien biologisch unterlegen, weil die gesammelte Weltliteratur aus Europa komme. … In einigen, auf Minderheiten bezogenen Studiengängen wurden, laut Kritiker, wissenschaftliche Fakten bewusst durch Mythologie ersetzt, um nicht die Gefühle der Angehörigen von Minderheiten zu verletzen.“

    Wer die PC-Ideologie NICHT als reaktionäre Versklavungsmethode des Intellekts und freien Denkens auffasst, sondern als „links“ bezeichnet, der hält gewiss auch Stalin für links – oder er muss selbst schon Opfer dieser Ideologie geworden sein; anders ist das nicht mehr zu erklären.

    Und was hat das überhaupt mit Sarrazin zu tun? Und wieso wird Verarmung der Sprachfähigkeit als „kreativ“ bezeichnet?

    Ich bin verwirrt – oder Sie wirr.

  2. 9. September 2010 08:04

    Oha, hier springt aber jemand erwartungsgemäß auf ein Schlagwort an. Nun gut, ein paar Antworten:

    1. Dieser Text hat nichts mit Sarrazin zu tun, steht sogar im Titel. Okay, mittelbar vielleicht. Weil Sarrazin von bestimmten Medien gerade als Maverick aufgebaut wird, versuche ich darzulegen, weswegen es hierzulande keine Mavericks gibt.

    2. Ich denke nicht, dass eine Erweiterung der deutschen Sprache eine „Verarmung“ darstellt. Für mich ist solch eine Erweiterung, Bastardisierung, Dekonstruktion kreativ, ist sie nicht?

    3. Political Correctness heißt in erster Linie, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass unsere Beziehungen untereinander immer Machtbeziehungen sind, Machtbeziehungen, die sich z.B. in der Sprache ausdrücken. Die Herstellung dieses Bewusstseins hat noch keine Verhaltensregeln zur Folge (das meint pc auch nicht – Political Correctness ist eine Gesellschafts- und Kommunikationsanalyse, kein Knigge), allerdings bedeutet es natürlich schon, dass man das eigene Verhalten auch überdenkt. Dass es (insbesondere in den USA, denen ich ja grundsätzlich kritisch gegenüber stehe) heftige Auswüchse gegeben hat, steht außer Frage – die zitierte Arbeit kritisiert diese Auswüchse auch ganz deutlich (wobei ich es durchaus in Ordnung finde, vor dem Sex erstmal abzuklären, ob das Geplante im Moment überhaupt gewünscht ist). Aber das beste Mittel kann sich in den Händen spießiger Idioten in sein Gegenteil verwandeln. Sollte man deswegen diese Machtstrukturen negieren? Nein, wenn man das tut, dann ist man meiner Meinung nach entweder intellektuell nicht in der Lage, solche Strukturen nachzuvollziehen oder aber, man findet diese Strukturen eigentlich ganz in Ordnung und bemüht sich, sie zu zementieren. Was meine Argumentation aber mit Stalin zu tun hat, verstehe ich nun wieder nicht.

    • 9. September 2010 08:53

      „dann ist man meiner Meinung nach entweder intellektuell nicht in der Lage, solche Strukturen nachzuvollziehen oder aber, man findet diese Strukturen eigentlich ganz in Ordnung und bemüht sich, sie zu zementieren”

      Genau das war ja zu erwarten. Wer die eigene Meinung nicht teilt, ist entweder dumm oder bösartig. Und damit haben wir auch die Brücke zu Stalin geschlagen.

      • 9. September 2010 09:16

        Wenn Sie meinen – darum geht es mir allerdings nicht. Aber vielleicht haben Sie ja ein Gegenargument? Weswegen man es tatsächlich ablehnen sollte, Machtstrukturen zu hinterfragen? Auf Argumente lasse ich mich eigentlich immer ein.

  3. 9. September 2010 10:02

    Nein, Sie schreiben ja ganz deutlich: Entweder man stimmt Ihnen zu, oder man ist bösartig. Das deckt sich ja auch mit dem Text über die Schanze: Sie ziehen anscheinend gar nicht in Erwägung, daß jemand, der eine zu Ihnen völlig konträre Meinung vertritt, nicht dumm oder bösartig sein könnte.

    Das macht es so schwierig.

    Ich möchte das Thema Machtstrukturen aufgreifen:

    1. These: Eine Beziehung zwischen Menschen ist IMMER eine durch Machtstrukturen geprägte. OK, das ist eine lange, philosphische Diskussion. Wenn Sie zu denjenigen Menschen gehören, die glauben, daß es bei Beziehungen zwischen Menschen stets ein „oben” und ein „unten” gibt – nun denn, ich glaube nicht daran. Das mag ein Unterschied sein, aber es macht zunächst einmal keinen von bösartig.

    Dann verstehe ich aber auch beim besten Willen den Satz nicht, den ich oben schon zitierte: Sie sagen, diese Strukturen bestünden. Also negieren Sie sie nicht, sondern nehmen sie als gegeben hin. Wenn nun jemand widerspricht, dann drehen Sie das Argument so um, daß er, wenn er nicht dumm ist, diese Machtstrukturen dadurch, daß er sie negiert, auch noch zementiert – im Gegensatz zu Ihnen, der an diese Strukturen glaubt? Das ergibt für mich keinen Sinn.

    Unabhängig aber von dieser, Verzeihung, etwas verschwurbelten Diskussion: Political Correctness ist ein Modewort. Sie ist keine neue Erfindung. Früher hieß es: Gewisse Themen sind tabu. Gegen die Tabuisierung der Themen der älteren Generation steht meist die jüngere Generation. Aber: Tabus gibt es eben immer. Alte werden aufgebrochen, neue kommen hinzu.

    Soweit zunächst einmal gar nichts Schlimmes. In einer politischen Meinungsfindung aber kann die PC dazu führen, daß sich Menschen nicht mehr trauen, über bestimmte Gruppen etwas Positives zu sagen (wie im „Dritten Reich” es eben PC war, Juden zu hassen).

    Wichtig ist aber, daß wir uns – bei aller notwendiger Beschränkung auf einen angemessenen Ton untereinander, und hier berühren sich Knigge und PC – nicht darauf beschränken, Tabus als etwas Festes anzusehen. Eine Diskussion muß über Tabus hinweggehen dürfen – nichts anderes forderten auch die linken 68er. Daß es nun eben ihre Tabus sind, die angegriffen werden, ist zwar persönlich etwas anderes, aber in der Gesamtbetrachtung nicht.

    PC ist also immer etwas, das positiv wie negativ benutzt werden kann. Sie ist zum friedlichen Zusammenleben letztlich immer nötig, kann aber eben ins Extreme umschlagen.

    • 9. September 2010 10:39

      Welchen „Text über die Schanze“ meinen Sie denn? Diesen hier: https://bandschublade.wordpress.com/2010/09/03/der-mob/? Nunja, dazu muss man natürlich sagen: In diesem Blog bin ich der Hausherr, und da nehme ich mir manchmal auch das Recht heraus, polemisch zu sein und meiner Wut freien Lauf zu lassen. Daraus zu schließen, dass ich Meinungen, die nicht meiner entsprechen, nicht akzeptieren würde, finde ich schwierig. Immerhin, ich diskutiere ja auch mit Ihnen.

      Und wenn Sie unten schreiben „PC ist also immer etwas, das positiv wie negativ benutzt werden kann. Sie ist zum friedlichen Zusammenleben letztlich immer nötig, kann aber eben ins Extreme umschlagen“, dann ist das nichts anderes als das, was ich schreibe, nahezu wörtlich.

      Bleibt Ihr Argument, dass Sie nicht daran glauben, dass Beziehungen zwischen Menschen durch Machtstrukturen geprägt seien. Mit Glauben ist das natürlich so eine Sache, da halte ich persönlich mich eher fern von. Mir sind Bereiche wie Ökonomie, Soziologie, Kommunikation näher, und in diesen Bereichen lassen sich Machtstrukturen einfach nicht wegdiskutieren. Und um sich dieser Strukturen bewusst zu werden, dafür ist Political Correctness einfach hilfreich.

  4. 9. September 2010 17:16

    .

  5. 9. September 2010 18:14

    Was immer die Ursache der PC gewesen sein mag: Ihre Praxis jedenfalls ist im Kern totalitär – und das ist zwangsläufig so. Denn PC versucht, Dinge zu tabuisieren, das Denken, Sprechen und Verhalten restriktiv zu reglementieren und Menschen, die dagegen verstoßen, zu sanktionieren, bis hin zu Berufsverboten. Sie widerspricht dem Gedanken der persönlichen Freiheit. Zur Freiheit aber gehört es auch unbedingt, Dinge zuzulassen, die einem nicht gefallen. Man muss sich als Demokrat sogar bedingungslos dafür einsetzen, dass jeder, der mag, Unsinn absondern kann.

    Was die Sprache angeht, so schätze ich selbstverständlich ihre Erweiterung (z. B. in der Jugendsprache oder im Türkdeutsch), betrauere aber das Aussterben von Wörtern, das Ausdünnen von Ausdrucksmöglichkeiten. Beispiele müsste man im Einzelnen diskutieren. Dazu gehört die oftmals hirnrissig dumme 1:1-Übersetzung grammatikalischer Strukturen aus dem Englischen ins Deutsche (also Anglizismen wie „Ich bin in Liebe gefallen“). Das ist sicherliche keine Erweiterung, sondern meistens einfach nur peinlich – und semantisch in aller Regel falsch.

  6. 9. September 2010 18:15

    Den Kommentar von L9 fand ich übrigens bisher am versöhnlichsten.

  7. 9. September 2010 21:37

    d’accord.

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