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Ich, Konservativer

13. September 2010

Die CDU befürchtet, dass Konservative sich nicht mehr in der Partei heimisch fühlen dürften. Das verstehe ich. Ich fühlte mich noch nie in der CDU heimisch, und konservativ, das bin ich zweifellos.

1. Ich bin ein Freund von Ritualen. Rituale strukturieren das Dasein, Rituale sorgen für ein Verknüpfen von Ästhetik und Alltag. Ich bin nicht gläubig, und wenn man mich fragt, welche Institution sofort verboten gehört, dann sage ich: katholische und evangelische Kirche, aber der katholische Ritus übt einen großen Reiz auf mich aus. Im ästhetischen Sinne, meine ich.
2. Ich bin ein Bildungsbürger. Irgendwann habe ich aufgehört, mich gegen meine Herkunft zu wehren, irgendwann musste ich anerkennen, dass es eine gute Sache war, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem gelesen wurde, in dem die Beschäftigung mit Kunst und Theater geschätzt wurde, in dem ich ein klassisches Musikinstrument gelernt habe (auch wenn von Anfang an klar war, dass ich es an diesem Instrument zu nichts bringen würde). Mehr noch: Mir will nicht einleuchten, wie man gegen so etwas, man nennt es: klassisches Bildungsideal, wirklich etwas haben kann.
3. Ich mag Tradition. Doch, ist so. Ich höre gerne Popmusik, der man anhört, wo sie herkommt, bei der gewisse soziale Strukturen durchscheinen. Sachen wie die Südafrikanischen White-Trash-Afrikaans-HipHopper Die Antwoord, bei denen man trotz aller ironischen Brechungen merkt, was für eine Welt hinter ihnen steckt. Und eben keine Sachen wie die Parlotones, die ebenso aus Südafrika kommen, bei denen aber kein normaler Mensch hört, was da hinter steckt.

4. Schließlich vertrete ich noch konservative Werte. Zum Beispiel den Wert der Solidarität, war für mich immer sehr wichtig. Außerdem einen Wert, nach dem Reichtum unbedingt verpflichtend ist. Daraus kann man einen gewissen Etatismus ableiten: Steuererhöhungen sind für mich erstmal eine gute Sache, weil ich wie jeder gute Konservative glaube, dass der Mensch nicht von Grund auf gut ist und man ihn besser dazu zwingt, ein wenig von seinem Besitz abzugeben, als dass man auf seinen guten Willen und seine Spendenbereitschaft hofft.
5. Und ich will bewahren. Ich finde es durchaus nicht in Ordnung, wenn Stadtviertel platt gemacht werden, nur um des Profits willen. Ich finde nicht okay, wenn die Lebensleistung von Menschen von einem Tag auf den anderen entwertet wird. Mir gefällt es nicht, wenn immaterielle Güter wie Musik oder Kunst lächerlich gemacht werden, wenn ihre Verwertbarkeit nicht sofort einleuchtet.

Natürlich hatten Konservative wie ich noch nie ihre Heimat in der CDU. Die CDU war von Anfang an die Partei der Herrschenden, die CDU interessierte am Konservatismus ein einziger Aspekt, und das war die Autoritätshörigkeit. Wenn man auf Autoritäten hörte, dann war man in den Augen der CDU konservativ, und Autoritäten definierten sich für die CDU nach drei Kriterien: 1. Sie waren alt (Eltern, Lehrer, Vorgesetzte) 2. Sie ware althergebrachte Autoritäten (Kirche, Militär, Polizei) und 3. Sie waren Autoritäten qua Besitz (Establishment). Dieser dritte Punkt erklärt, weswegen die momentane CDU-FDP-Koalition wahrscheinlich wirklich die natürliche Machtinstitution dieses Landes ist: Beide Parteien haben eine wahnsinnige Aversion gegen die Vorstellung, dass Hierarchien in diesem Land in Bewegung geraten könnten, beide Parteien sind eigentlich Vertreter derjenigen, die die Macht schon haben und diese, bitte schön, nicht abzugeben gedenken. Das Problem der momentanen Regierungskoalition ist, dass sie mittlerweile überdeutlich alles diesem Machtgedanken unterwirft und nicht einmal versucht, das durch, beispielsweise, Bildungsideale zu übertünchen. Diese angeblich Konservativen sind dumm wie Stroh, aber sie sind beseelt von der Annahme, die Macht zu recht in den Händen zu halten. Und dieses Beseeltsein blöken sie auch noch stolz raus.

Natürlich bin ich kein Konservativer. Bloß weil man gerne ins Theater geht, wird man nicht konservativ, zumal wenn man andere konservative Charakteristika wie zum Beispiel die Autoritätshörigkeit von Herzen ablehnt. Aber dass der CDU die Konservativen davonlaufen, das wundert nicht. Wo die CDU doch seit Jahren nichts anderes gemacht hat als den (schon per se nicht unbedingt hübschen) Konservatismus auf sein hässlichstes Merkmal zu reduzieren.
Schön.

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