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Intendantenkarussell, revisisted

15. September 2010

Intendant Friedrich Schirmer verlässt das Deutsche Schauspielhaus. Innerhalb von zwei Wochen, zum Ende des Monats. Offiziell wegen verweigerter Mittelerhöhungen für die größte deutsche Sprechbühne, die allerdings schon seit November vergangenen Jahres bekannt waren. Wahrscheinlicher ist dieser Grund: Unter Schirmer manövrierte sich das Schauspielhaus konsequent in Richtung ästhetischer Bedeutungslosigkeit, Schirmer verantwortete in den fünf Jahren seiner Intendanz einen Spielplan, der vor allem durch Mittelmäßigkeit auffiel. Es gab Erfolge, sicher, es gab auch grauenhafte Flops, vor allem aber gab es unglaublich viel Mutloses. Und weil Schirmer die Kritik an dieser Mutlosigkeit nicht mehr aushielt, macht er jetzt einen Strich. (Was allerdings auch nicht ganz logisch ist: Die Spielzeiteröffnung wurde kritisiert, auch hier, die jüngste Premiere aber, „Penthesilea“ in der Regie Roger Vontobels, kam bei der Kritik recht gut weg.)
Nur: Wie geht es jetzt weiter? Die restliche, künstlerisch schon fertig geplante Spielzeit macht der Kaufmännische Geschäftsführer Jack Kurfess den Interimsintendanten, aber dann? In der Regel braucht ein Theaterleiter mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit, wie die Stadt da einen Nachfolger für Schirmer finden soll, ist schleierhaft. Zumal der Markt mehr oder weniger leer gefegt ist: Vor einem Jahr wurden mehrere große Häuser neu besetzt, wer ans Schauspielhaus passen könnte, hat sich erst frisch neu gebunden und ist entsprechend nicht verfügbar. Trotzdem, ein kurzer Überblick über die Szene.

Jens Hillje, Dramaturg, gründete gemeinsam mit Thomas Ostermeier 1998 die Baracke am Deutschen Theater Berlin. 1999 übernahmen Hillje, Ostermeier und das Tanz-Duo Sasha Waltz und Jochen Sandig die Berliner Schaubühne. Vom Ziel eines Autorentheaters entfernten sich Hillje und Ostermeier immer mehr, trotz einiger Rückschläge spielt die Schaubühne aber immer noch in der A-Klasse der deutschen Bühnen. Vor einem Jahr schied Hillje aus der Theaterleitung aus, in der Berliner Zeitung deutete er an, irgendwann einmal ein Haus leiten zu wollen.
Klaus Schuhmacher, Regisseur, leitet bislang am Schauspielhaus die Jugendsparte Junges Schauspielhaus. Schuhmacher wäre eine interne Lösung, also nicht unbedingt ein Schlussstrich unter die ästhetisch unbefriedigenden Schirmer-Jahre, zumal Schuhmachers eigene Regiearbeiten eher wenig visionär waren. Allerdings ist das Junge Schauspielhaus die mit Abstand erfolgreichste Sparte am Schauspielhaus. Nur: ein Künstler mit Jugendtheater-Hintergrund für das größte deutsche Sprechtheater?
Sebastian Nübling, Regisseur, verantwortete mehrere Erfolge der Schirmer-Zeit („Zur schönen Aussicht“, „Pornographie“). Steht für eine eigene, entschiedene Regiehandschrift, allerdings dürften es andere Handschriften schwer haben, neben ihm zu bestehen. Außerdem ist fraglich, ob Nübling überhaupt Interesse haben dürfte, eine Intendanz zu übernehmen, so gut wie er als Regisseur im Geschäft ist.
Elmar Goerden, Intendant und Regisseur, scheiterte diesen Sommer am Schauspielhaus Bochum mit ganz ähnlichen Rezepten wie Schirmer in Hamburg: Mutlosigkeit, Dünnhäutigkeit, kaum Verknüpfung der eigenen Arbeit und Person mit der Stadt. Als Regisseur gilt Goerden als sensibler Textarbeiter, eine Ästhetik, mit der er sich am Bayerischen Staatsschauspiel München einen guten Ruf erarbeitet hat. Zudem gilt er als extrem gut vernetzt – und meldete angeblich schon vor Jahren Interesse am Schauspielhaus an. Aber ob die Bochumer Erfahrungen ihn wirklich für Hamburg empfehlen?
Barbara Mundel, Dramaturgin und Regisseurin, leitete das Theater Luzern, wäre beinahe Kölner Opernintendantin geworden, war dann Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen, und ist seit 2006 Chefin des Theater Freiburg. Eine Lösung aus der Provinz also, wenn auch jenseits aller Provinzialität. Mundel hat einen postdramatischen Hintergrund und kann den mit einer genauen Analyse ihres städtischen Umfelds verbinden – besseres Theater als sie kann man in Freiburg kaum machen. Allerdings ist sie gebunden: Ihr Vertrag läuft bis 2013. Ein Vertrag lässt sich auch lösen – aber will Mundel das?

Sofort sind noch weitere Namen in der Diskussion, Michael Thalheimer, Sebastian Hartmann, Matthias Lilienthal. Alles möglich, und wahrscheinlich in dem Moment schon wieder verbrannt, wie sie genannt sind. Was leider keine Antwort auf die Frage ist: Wie, um Himmels Willen, geht das nur weiter, hier. Eine letzte Möglichkeit spukt diversen Kulturpolitikern sicher schon im Kopf rum:

Die Schließung des Deutschen Schauspielhauses.

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