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Rosenkranz and Guildenstern are one

19. September 2010

Ach, was für eine Sehnsucht: als Hamburger Theatergänger endlich wieder eine Premiere zu sehen, von der man von Herzen angetan ist und nicht irgendwie indifferent (die Thalia-Eröffnung „Vor uns die Sintflut“), verärgert (die Schauspielhaus-Eröffnung „Frühlings Erwachen/Kids“) oder mit Hörnern auf dem Kopf (weil der Schauspielhaus-Nachklapp „Penthesilea“ zwar durchaus begeisterte, allerdings seine Premiere bei den Ruhrfestspielen hatte und in Hamburg demnach schon durchgenudelt war, ius primae noctis, Sie verstehen?). Überhaupt einmal: eine Premiere zu sehen und sich für die Ästhetik zu interessieren und nicht für die Mühen der kulturpolitischen Ebene. Ach!

Vielleicht kam am Samstag ja die eigentliche Spielzeiteröffnung, zwei Wochen verspätet: Luk Perceval inszeniert am Thalia „Hamlet“. Jeder Regisseur möchte „Hamlet“ inszenieren, jeder Schauspieler möchte Hamlet spielen, jeder Dramatiker möchte „Hamlet“ geschrieben haben, Perceval macht es möglich: Er lässt Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine Neufassung des Shakespeare-Textes schreiben, und die Titelrolle bietet er auch gleich zwei Schauspielern an: Josef Ostendorf, alt, breit, schwer, und Jörg Pohl, jung, cool, lebendig. Was wie eine Schrulle klingt, aber ein Geniestreich ist: Perceval verändert die Figur des Dänenprinzen damit hin zum Pathologischen, lässt ein schizophrenes Krankheitsbild durchscheinen, das so tatsächlich auch schon bei Shakespeare angelegt ist. Aber: Die Besetzung Ostendorf/Pohl mag spektakulär sein, um einen Hamlet, der im Mittelpunkt steht, geht es hier nicht. Jede Rolle ist genau ausgearbeitet, jeder Darsteller weiß seine Rolle perfekt zu füllen, von Birte Schnöink als wunderbare Tomboy-Ophelia über Gabriela Maria Schmeide, die Hamlets Mutter mit Mut zu allen Pölsterchen eines Frauenkörpers gibt, bis hin zu Mirco Kreibich, in dem Rosenkranz und Güldenstern zu einer einzigen Slapstick-Figur des Grauens vereint sind. Man kann gar nicht genug schwärmen von diesem Ensemble, von dieser klugen Regie, die allen Darstellern ihren Raum gibt und sie dennoch in einen Inhalt zwingt, der Shakespeares Helsingör als monströs-grotesken Kinderalptraum zeigt.
Und darum geht es ja in erster Linie: um Inhalte. Perceval hat schon einmal mit dem Team Zaimoglu/Senkel einen Shakespeare bearbeitet, „Othello“, 2003 an den Münchner Kammerspielen. Thomas Thiemes Othello war damals der angepasste Fremde im Establishment, „Abitürke“ würde ihn Zaimoglu nennen, der zwar deutscher ist als die Deutschen, aber dennoch nie akzeptiert wird (und gegenüber dem alle Aggressionen aufgefahren werden, sobald er es wagt, die Blutsdeutsche zu ficken). Das war kluges, kraftvolles, vor allem eindeutig aufs Heute bezogenes Theater, und Perceval hätte es sich leicht machen können, indem er Zaimoglu und Senkel auch den „Hamlet“ konsequent in die Gegenwart schreiben ließe. Dass er das nicht gemacht hat, ist der größte Pluspunkt dieser Inszenierung: Perceval lässt Hamlet in einen zeitlich nicht einmal in groben Zügen fixierten Alptraum fallen, er ist ein Kind, das Grauenhaftes durchgemacht hat, Vater tot, Mutter frisch verheiratet, Kind einsam und ohne Freunde. Dass die Umgebung auf den Jungen grotesk wirkt, wer mag es ihm verdenken? Dass er ins Trauma und in den Wahnsinn flüchtet – ist es ein Wunder? Dass er sich aufspaltet, dass er mit sich selbst redet: klar, wo er doch nicht weiß, wem er trauen kann.

Langer Applaus, selbst für das Regieteam, was in Hamburg bemerkenswert ist: Ach, was für eine Sehnsucht. Und doch, und doch: Etwas ging verloren. Ein wenig nämlich der Charme des Thalia Theaters, seit Joachim Lux vor einem guten Jahr hier die Intendanz übernommen hatte: Eine Ästhetik des Unfertigen, der Angreifbarkeit hatte sich hier entwickelt, ein Bewusstsein der Brüchigkeit eigenen Könnens. Das war manchmal spröde, manchmal ärgerlich, vor allem war es aber ein Zugriff aufs Theater, den sonst kaum ein Haus wagte. Das scheint vorbei, die Macher dieses „Hamlet“ wissen wohl sehr gut, welche Qualität diese Inszenierung hat. Andererseits: Wenn diese Arbeit nicht zum Theatertreffen eingeladen wird, dann weiß ich auch nicht, und ein Stück weit kommt es auch darauf an, klar.

Edit: Diese Arbeit ist der fünfte Hamlet, der an einem großen Hamburger Theater gezeigt wird, seit ich in der Stadt wohne. Und ob solche eine Häufung von Dänenprinzen in einer ja nicht unbedingt als Theatermetropole zu bezeichnenden Stadt optimal ist, sollte man schon einmal überlegen. Die übrigen:

1999, Hamlet, Schauspielhaus/Wiener Festwochen, Regie: Peter Zadek
2000, Hamlet, Thalia, Regie: Jürgen Kruse
2008, Hamlet, Thalia, Regie: Michael Thalheimer
2009, Hamlet, Schauspielhaus/Malersaal, Regie: Klaus Schumacher

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