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Was alles nicht ging

26. September 2010

Man könnte natürlich einen Bericht schreiben, wie es denn so war, bei der Premiere von „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ am Hamburger Schauspielhaus. Dann könnte man schreiben, dass es schwierig war, sich in die Ästhetik von Regisseur Volker Lösch reinzudenken, dass seine vorangegangene Produktion „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ politisch schärfer war, dass man eine ganze Weile das unangenehme Gefühl von Sozialvoyeurismus hatte, man ist Schauspielhaus-Bildungsbürgertum und geht jetzt Mümmelmannsberger Assis gucken. Man könnte aber auch schreiben, dass sich dieses Gefühl plötzlich umdrehte, dass plötzlich wir Zuschauer die Angegriffenen waren, die ein großes Interese daran haben, dass der soziale Brennpunkt Mümmelmannsberg bitteschön weiterhin sozialer Brennpunkt bleibt, man könnte schreiben, dass die Inszenierung von diesem Moment ab plötzlich funktionierte, als nämlich mit einem Mal Ross und Reiter genannt wurden. Oder man könnte schreiben, dass man Marion Breckwold noch nie so gut sah, wie gestern abend, man könnte auch etwas zum Einsatz des Chores in der Ästhetik Volker Löschs schreiben, ach, man könnte so vieles.

Und in jedem Fall wäre man am Thema vorbei geschliddert.

Weil nämlich das Schauspielhaus gerade ganz andere Probleme hat als das Gelingen oder das Misslingen einer Premiere: eine Etatkürzung in Höhe von 1,2 Millionen Euro. Was viel ist, zu viel, es ist vollkommen verständlich, dass das Team diese Kürzung als Kampfansage auffasst, und es ist großartig, dass das Team bereit scheint, diesen Kampf aufzunehmen. Zumal das Schauspielhaus seit dem überraschenden Rücktritt von Intendant Friedrich Schirmer ein leichtes Opfer zu werden schien, führerlos wie es war.
Gestern abend auf jeden Fall skandierte das Ensemble „Wir sind das Schauspielhaus!“, worauf das Publikum im Chor „Wir auch!“ antwortete. Was mich allerdings ein wenig irritierte: Ich bin gerne solidarisch mit dem Schauspielhaus, nur nicht bedingungslos, tut mir leid. Und: Es muss doch einen Grund geben, weswegen mir dieses „Wir auch!“ schwer über die Lippen ging, weswegen ich manchmal bezweifelte, dass das Schauspielhaus tatsächlich uneingeschränkt mein Theater ist. Warum ich das bezweifle, dafür suche ich jetzt ein paar Gründe.

1. Tom Stromberg
Der Vorgänger Schirmers als Schauspielhaus-Intendant. Ästhetisch lief bei Stromberg längst nicht alles rund, aber Stromberg hatte das Glück, dass während seiner Intendanz die CDU-Schill-Koalition in Hamburg ihr Unwesen trieb und mit ihr die unsägliche Kultursenatorin Dana Horáková. Gegen die machte Stromberg von Anfang an Front, weswegen sein Theater schnell den Ruch des Widerständigen hatte, einen Nimbus, der ästhetisch eigentlich nicht begründet war. Nachdem Strombergs Provokationen zur Nichtverlängerung seines Vertrags führten, musste sich sein Nachfolger Friedrich Schirmer entsprechend dagegen wehren, als handzahmer Intendant von Regierungsgnaden zu gelten. Dass er das nicht schaffte, lag nicht zuletzt am

2. Delphin
Das Wappentier von Schirmers Schauspielhaus, ein entsetzliches Missverständnis. Schirmer wollte damit an die Macht der Phantasie appellieren, an die Kraft des Glaubens an Unmögliches, er wollte Hamburg ans offene Meer führen, ungeachtet der 100 Kilometer hoch industrialisierter Elbe bis zur Mündung. Was er mit dem doofen Meeressäuger schaffte, war: an ein hochintelligentes, im Volksglauben aber schwer harmloses und zudem von blöden Esoterikern vereinnahmtes Tier zu gemahnen. Eine der ersten Aktionen nach Schirmers Rückzug war: den Delphin durch einen Hai zu ersetzen. Zähne zeigen, endlich, gut so.

3. Dramaturgie
Das erfolgreiche Thalia-Theater in direkter Nachbarschaft zum Schauspielhaus hatte unter Intendant Ulrich Khuon eine schillernde Dramaturgie: den leutseligen Netzwerker Michael Börgerding. Die coole Karrieristin Sonja Anders. Den Hansdampf in allen Gassen John von Düffel. Das Schauspielhaus hatte Michael Propfe, einen älteren Herrn mit dem Image eines Oberstudienrats, sehr klug sicher, aber im Verein mit der übrigen Dramaturgenriege Nicola Bramkamp, Florian Vogel und Stephanie Lubbe doch nie von der intellektuellen Strahlkraft der Nachbarbühne. Statt dessen: brav. Kein Widerpart zu Regie, zu Kritik, zu Publikum und vor allem: kein Widerpart zur Intendanz.

4. Falsche Freunde
Für die Inszenierung „Frühlings Erwachen/Kids“ arbeitete das Schauspielhaus mit dem Verein „Werte erleben e.V.“ zusammen. Da hat niemand was dagegen, Werte zu erleben, ist ja eine gute Sache, und das ist eben das Problem: Alles ist hier schwammig, unentschieden, passt nicht zusammen. „Werte erleben“ hieß früher übrigens „Atlantic Forum“ und war ein übelster bildungsbürgerlicher Zusammenschluss, der als wichtigsten Wert die Westorientierung schon im Namen führte. Ich wage zu behaupten: Am Thalia hätte man solche Gestalten nicht einmal mit dem Hintern angeschaut.

Kein Grund: Stücke
Sicher gab es am Schauspielhaus unter Schirmer Flops, arge. Die gab es auch am Thalia. Und die gab es auch unter Stromberg. Es gehört zum Theatermachen, Flops zu produzieren und vor allem, Flops auszuhalten, wenn man klug ist, schafft man es sogar, den Umgang mit Misserfolgen zu einer eigenen Ästhetik umzudeuten. Das schaffte das Schauspielhaus nicht, zugegeben. Was es aber schaffte, waren viele ganz großartige Inszenierungen, nur mal zum Beispiel:
Hanns Henny Jahnn, Die Krönung Richards III., Regie: Sebastian Nübling
Ödön von Horváth, Zur schönen Aussicht, Regie: Martin Kusej
Simon Stephens, Pornographie, Regie: Sebastian Nübling
Rocko Schamoni, Dorfpunks, Regie: Studio Braun
Ödön von Horváth, Glaube Liebe Hoffnung, Regie: Karin Henkel
Volker Lösch nach Peter Weiss, Marat, was ist aus unserer Revolution geworden, Regie: Volker Lösch
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Regie: Roger Vontobel
Maxim Gorki, Unten (Nachtasyl), Regie: Jürgen Gosch

Und wegen dieser Stücke bin ich: solidarisch. Weil sie mich hoffen lassen, dass das Hamburger Schauspielhaus einmal wieder uneingeschränkt mein Theater sein wird. Bald.

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