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Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens

3. Oktober 2010

Manchmal träume ich vom Ulmer Hauptbahnhof, also, ich träume davon, wie der Ulmer Hauptbahnhof war als ich klein war. Ein riesiger Bau, düster, verwinkelt, stinkig. Der Hauptbahnhof stand für alles, was unübersichtlich war, bürokratisch, abweisend und fremd, also ein Abenteuerland für einen Fünfjährigen. Es gab Unterführungen, bei denen man nicht ahnte, wo sie einen hinbrachten, es gab eine baufällige Fußgängerbrücke, es gab Pilsschwemmen, in denen schon am frühen Mittag Alkoholiker saßen und kleinen Kindern, die sich hier zufällig rein verirrt hatten, den Kopf tätschelten. Es gab nach Pisse stinkende Nischen, Fahrkartenschalter mit schlecht gelaunten Bahnmitarbeitern, unverständliche Lautsprecherdurchsagen mit Fahrtzielen, die einem fremd waren, „auf Gleis 5 erhält Einfahrt der verspätete Intercity nach Hamburg-Altona mit Halt in Stuttgart, Frankfurt, Hannover“, „auf Gleis 2 Eurocity aus Amsterdam, Köln, Stuttgart zur Weiterfahrt nach Salzburg über Augsburg und München. Dieser Zug hat 15 Minuten Verspätung“. Im Keller gab es Toiletten, die man, wenn es irgend ging, nicht aufsuchen sollte, in der angrenzenden Passage außerdem einen fetttriefenden McDonalds, in den mich manchmal, selten, meine Großmutter ausführte, Pommes und heiße Apfeltaschen essen.
Der Ulmer Hauptbahnhof war ein Moloch, eine der zwei Berührungen mit der Welt der Industrie für mich Vorstadtkind, die andere war das Industriegebiet Donautal, rauchende Schlote, Arbeiter, die mit leerem Blick in die Fabriken schlurften, Manchester. Ich war gut im Dramatisieren, damals, aber ich kannte Industrie auch nicht anders, war bis dahin weder im Ruhrgebiet gewesen, noch in Bitterfeld noch im Hafen, das kam alles viel später.

Einschub: Ich bin, grundsätzlich, dafür, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Das ist nämlich so: Stuttgart ist extrem hügelig, eigentlich weniger eine echte Stadt mit Zentrum und umliegenden Vororten, sondern vielmehr eine Ansammlung von bebauten Tälern, und in deren Mitte liegt der Hauptbahnhof. In einem Talschluss, was zur Folge hat, dass wir es hier mit einem Kopfbahnhof zu tun haben. Kopfbahnhöfe aber sind problematisch, auch aus ökologischen Gründen, weil ein Zug immer die doppelte Strecke von der Bahnlinie zum Bahnhof und zurück braucht. Außerdem fressen sie Reisezeit, aber gut. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument für einen Umbau, ist in den Stuttgarter Tälern kein Platz für einen Flughafen, der liegt entsprechend auf einem der umliegenden Hügel Richtung Ulm. Wenn man nun aus Ulm zum Stuttgarter Flughafen möchte, dann fährt man erstmal zum Hauptbahnhof, steigt dort in die S-Bahn und fährt in der Gegenrichtung wieder zurück. Würde die Bahnlinie von Ulm aus über den Flughafen ins Stuttgarter Zentrum führen, dann könnte man eine knappe Stunde Fahrtzeit einsparen. Ich bin aus ökologischen Gründen dagegen, dass in jedem Kaff ein Flughafen gebaut wird, ich bin dagegen, dass man mit seinem stinkenden PKW zum Flughafen zockelt, ich bin dafür, dass einige wenige Flughäfen mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal angebunden werden. Und deswegen muss in Stuttgart was gemacht werden, Einschub Ende.

Was gemacht wird, ist Stuttgart 21: Ein monströses Neubauprojekt, das, grob gesagt, die gesamte Stuttgarter Innenstadt untertunnelt, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof macht und die Linie straight auf die Berge zum Flughafen (und dann weiter nach Ulm) führt. Es gibt Argumente für dieses Projekt, einige habe ich oben zitiert, es gibt auch Argumente dagegen, dazu zählen ungeklärte geologische Probleme mit dem Stuttgarter Erdreich, dazu zählen die exorbitanten Kosten, die in Zeiten leerer kommunaler Kassen andernorts fehlen, dazu zählt der massive Eingriff in das Stuttgarter Stadtbild, unter anderem die Vernichtung öffentlicher Parkanlagen. Es haben sich mehrere wichtige Protestgruppen gegen diese Pläne gebildet, meist als neue Form des entidelogisierten Bürgerprotests, der von gemäßigt links bis weit ins Bürgertum hineinreicht, charakterisiert. Die Machtelite hingegen reagiert auf diese neue Form des Protests ganz klassisch: mit Knüppeln.
So heterogen die Gegnerschaft zu Stuttgart 21 auch aufgebaut ist: Sie wird geeint durch das Gefühl, einer abgehobenen, arroganten und extrem brutalen Macht gegenüber zu stehen. Die Gegner sind wie ich nicht unbedingt gegen die Optimierung des Stuttgarter Bahnsystems, aber sie wären gerne gefragt worden. Sie möchten miteintscheiden. Sie möchten nicht, dass sie unter Entscheidungen zu leiden haben, die sie gar nicht verantworten – und leiden werden sie. Denn wer soll denn das Neubauprojekt bezahlen, wenn nicht die Bürger, mit Einschnitten ins Sozialsystem, mit Einschnitten in die kulturelle Grundversorgung zum Beispiel?

Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1914, Architekt waren Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, die unter dem Titel „Umbilicus Sueviae“ (Nabel Schwabens) ein hoch repräsentatives Bauwerk in die württembergischen Hügel gesetzt haben. Die Pläne zu Stuttgart 21 sehen vor, dieses als Kulturdenkmal geschützte Gebäude zu entkernen, die Seitenflügel würden abgerissen, übrig bliebe eine reine Fassade. Ein Witz.
Bahnhöfe sind nicht mehr das dunkle Abenteuer, das ich als Fünfjähriger kennengelernt habe, Bahnhöfe sind heute hell und offen und radikal durchkommerzialisiert. Fassaden, Witze. Der Berliner Hauptbahnhof, Leipzig, Frankfurt: Das sind nicht mehr die wilden Schlünde, von denen ich träume, das sind Malls mit Gleisanschluss. Manchmal finde ich noch Bahnhöfe meiner Kindheit, in der Provinz, große Bauwerke, viel zu groß für die umgebenden Städte, Bad Harzburg etwa. Oder im Ausland, in Ländern, in denen man die Sprache nicht versteht, wo ein Stimmengewirr einen umschwirrt, man am Schalter A die Bahnsteigkarte holt, damit man sich am Schalter B den Fahrschein kaufen kann, um am Schalter C die Verbindung genannt zu bekommen. Riga war so ein Bahnhof, in dem ich mich verlieren konnte. Ein Moloch.

Edit: Das Bild zeigt den Hauptbahnhof Dortmund. Ein Gleisgewirr, ein Verlorengehen, etwas, das zu groß ist, als das man es verstehen könnte.

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