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Angewandte Sozialpolitik

6. Oktober 2010

Im Hamburger Abendblatt finde ich ein langes Gespräch mit Susanne Lothar zur Krise am Deutschen Schauspielhaus. Und so gerne ich Frau Lothar mag, ganz einleuchten will mir nicht, warum ausgerechnet sie hier als Spezialistin befragt wird (okay, sie hat mal am Schauspielhaus gespielt, aber es würde Hunderte anderer Künstler geben, die da ebenfalls kompetent wären). Naja, Journalismus funktioniert ja viel stärker nach den prosaischen Gesetzen des Alltags, Lothar wird wohl gerade greifbar gewesen sein, außerdem ist sie hinreichend prominent und muss den Abendblatt-Lesern nicht erst noch vermittelt werden.

Auf jeden Fall spricht Lothar an einer Stelle über den Wert von Kultur:

Kurt Körber, der große Hamburger Mäzen, hat so viel in die Hamburger Kultur investiert, weil er wusste, dass seine Fachleute, seine tollen Ingenieure nicht in Hamburg geblieben wären, wenn sie kulturell keine guten Angebote vorgefunden hätten. Wenn die Stadt weniger Geld für die Kultur ausgibt, verarmt nicht nur die Kulturlandschaft, sondern die Stadt insgesamt, dagegen möchte ich mich als gebürtige Hamburgerin und Hamburg-Liebhaberin wehren. Wenn man will, dass die Menschen hier gerne wohnen bleiben, muss man ihnen etwas bieten.

Und an dieser Stelle wird mir zum Heulen. Weil nämlich, wenn Lothar hier recht hätte, ich sofort dafür plädieren müsste, alle Subventionen zu streichen. Meine Steuergelder werden also dafür gebraucht, eine Abendbespaßung für die „tollen Ingenieure“ des Pfeffersacks Körber zu finanzieren? Können die denn ihre Unterhaltung nicht selbst bezahlen? Das ist genau das Denken übers Theater, das in den meisten Köpfen vorherrscht und das sich dann in strunzdummen, selbstgerechten und verletzenden Leserbriefen wie dem von „Dr. Gunter Alfke“ Bahn bricht:

Hamburg sollte es als Fügung und Chance sehen, dass Herr Schirmer seinen Platz räumt. Als Chance, wieder Theater für Erwachsene zu machen, dem Wort und dem geistreichen Wortwitz wieder die erste Stelle auf der Bühne einzuräumen, statt Banalitäten und „Action“ zu servieren. Zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Curt Goetz ist da viel Platz. Klassische Stücke klassisch inszeniert servieren.

Oder, direkt daneben, ein Erguss von „Hans Martin Kölle“, der Alfke an Dumpfbackigkeit durchaus das Wasser reichen kann:

Ein Loch zwischen Einnahmen und Ausgaben ließe sich zumindest verringern, indem die Erträge aus dem Theaterbetrieb erhöht werden. Das heißt praktisch: mehr Zuschauer durch ein attraktives Angebot ins Theater holen und auf abstoßende Inszenierungen verzichten, die vor allem der eitlen Selbstverwirklichung der Regisseure dienen und viele Zuschauer aus dem Schauspielhaus vertreiben.

Solche bräsigen Meinungen möchte Susane Lothar natürlich nicht bedienen, klar. Aber in ihrer Betonung auf Theater für die Upperclass geht sie vollkommen an dem vorbei, was Theater auch sein kann: Ein Fenster in die Welt der Ästhetik, und zwar für Leute, die von ästhetischen Diskursen weitgehend abgehängt sind. Ein Begegnungsort. Ein Ort für Bildung. Nicht zuletzt kann Theater sein: angewandte Sozialpolitik. Und darüber sollte Lothar einmal sprechen, nicht darüber, dass ein gutes Theater Spitzenkräfte in einer Stadt hält. Ist das so jenseits ihrer Vorstellungskraft?

Was Theater sein kann, das hat das Schauspielhaus übrigens jüngst gezeigt. Mit Volker Löschs Inszenierung „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“. Unabhängig davon, ob man die Aufführung jetzt wirklich gelungen fand oder nicht.

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