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Kopf, Bauch, Brust

7. November 2010

Nachdem ich im Kino von „Carlos“ gerade mal so lala überzeugt war (ist ein Film schon gut, nur weil er besser ist als der ähnlich aufgebaute „Baader-Meinhof-Komplex„?), versuchte ich, mein Bild von Regisseur Olivier Assayas halbwegs zu retten und schaute mir noch einmal „Irma Vep“ an, den Film, mit dem ich Assayas vor zwölf Jahren kennenlernte und der seither als eine Art Lieblingsfilm in meiner Erinnerung rumgeistert. „Irma Vep“ ist in Deutschland nicht auf DVD erschienen, was man über UK-Import erhält, ist die englische Version, also, die französische Originalversion mit englischen Untertiteln, ohne Extras, in einer Qualität, die irgendwie an eine auf DVD gebrannte VHS erinnert. Und die zudem das Problem hat, dass Passagen, in denen Englisch gesprochen wird, nicht untertitelt sind, also, „Englisch“, Franzosen, die Englisch sprechen. Mit vollem Mund. Unter Tranquilizern. Nicht wirklich schön, das.

Und dann packte es mich, doch, nach fünf Minuten des Nichtverstehens. Echt jetzt, „Irma Vep“ von Olivier Assayas, Frankreich 1996, Lieblingsfilm. Handlung: Regisseur René (Jean-Pierre Léaud) dreht fürs französische Fernsehen ein Remake des expressionistischen Films „Les Vampires“ (1915) und besetzt in der Hauptrolle Hongkong-Action-Star Maggie Cheung. Die Dreharbeiten verlaufen chaotisch, alle sind eifersüchtig auf Cheung, der Regisseur scheint nicht einmal in Ansätzen zu wissen, was er will, die Hauptdarstellerin versucht sich im Method Acting, es gibt eine kurze, enttäuschte Liebesgeschichte, und nach zwei Drehtagen hat René einen Nervenzusammenbruch und wird von den hochtourig gestressten Produzenten geschasst. Also: Film-in-Film-Chaos wie aus dem Klischeelehrbuich, einerseits. Andererseits: eine Liebeserklärung an ein französisches Kino, das mehr sein will als filmische Bebilderung von Paris mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil in den Hauptrollen (ich mag Binoche, aber darum geht es hier nicht).
Assayas will etwas anderes: Er versteht französisches Kino als Teil eines Weltkinos, und als Beleg für diese These stellt er Kontexte her. Das Interessante ist, dass diese Kontexte eben nicht wie beispielsweise bei Luc Besson oder, jünger, Christophe Gans nach Hollywood weisen, sondern durch die Besetzung der Hauptrolle ins asiatische Actionkino. Weitere, vielleicht noch interessantere, Bezüge stellt der Soundtrack her. Einmal hören wir Serge Gainsbourg, klar, eine französische Ikone, aber es läuft sein Song „Bonnie & Clyde„, und da stellt Gainsbourg eben in erster Linie einen Bezug zu einem US-amerikanischen Mythos her. Und ein andermal, in einer Schlüsselszene des Films, dröhnen ohrenbetäubend Sonic Youth durch leere Hotelflure, „Tunic (Song for Karen)“, US-Dissidenten, New Yorker Noise. Das ist wichtig, geographisch.

An zwei Stellen wird aktuelles Mainstreamkino angesprochen: Einmal, als ein Journalist Cheung interviewt und sich selbstverliebt in die These hineinsteigert, dass das französische Kino tot sei, Intellektuellenkino, das am Geschmack des Publikums vorbei gedreht werde. Seine atemberaubende Ahnungslosigkeit vom Kino zeigt der (extrem unsympathisch gezeichnete, so etwas ärgert mich natürlich immer wieder) Journalist, indem er dem angeblich publikumsfeindlichen Intellektuellenkino große „Regisseure“ gegenüber stellt: nämlich unter anderem Schwarzenegger, haha.
Der andere Kinobezug findet in der schon oben zitierten Schlüsselszene statt: Cheung belauscht eine Frau, wie sie am Telefon mit ihrem Liebhaber streitet, anscheinend hat er sie im Hotel geparkt, sie fühlt sich abgeschoben und langweilt sich. „Ich kenne niemanden in dieser Stadt, ich habe letzte Woche jedes Kino gesehen, ich war in jedem Scheißfilm, sogar in einem Stephen-Seagal-Film, das vergesse ich dir nie!“ Und dabei ist sie nackt und schön und wütend. Stephen Seagal, Schwarzenegger, das sind die Bösen.

Die Guten aber, sagt „Irma Vep“, das ist die Kunst, die von den Rändern bei uns reinlappt, Hongkong-Kino, zum Beispiel, oder Sonic Youth. Dafür liebe ich „Irma Vep“, selbst wenn ich kaum etwas verstehe. Hach!

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