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Real life? Oh my fucking god!

14. November 2010

Das wahre Leben ist ja nichts wirklich tolles. Das wahre Leben ist trivial, ist mythisch überladen, ist, zumindest meistens, auch recht langweilig. Man braucht entsprechend nicht anzunehmen, dass Dokumentartheater etwas mit dem wahren Leben zu tun hätte, auch wenn Gerhard Stadelmaier schon vor drei Jahren genau das in der FAZ behauptet hatte: „Es herrscht im subventionierten Betrieb eine gewisse Sehnsucht nach richtigem Laienspiel, also nach Verrat: an der Kunst. Und nach Selbstaufgabe: hin ans unverdichtete Leben.“
Mit der Realität, also, dem was um mich herum passiert, hat das, wie gesagt, nichts zu tun. Denn womit beschäftigen sich Theatermacher im Dokumentarbereich gerade? Rimini Protokoll etwa, die Erfinder und ästhetisch prägenden Akteure dieser Theaterrichtung, behandelten in „Black Tie“ die Biografie einer als Baby nach Deutschland adoptierten Koreanerin, in „Hauptversammlung“ Daimler-Aktionäre, in „Breaking News“ Nachrichtensprecher, Journalisten und Medienspezialisten. Nicola Unger untersuchte mit „Unserdeutsch“ die Nachwehen der einstigen Kolonie Deutsch-Neuguinea. Und Volker Lösch, Peter Kastenmüller und Nuran Çalış holten für Inszenierungen Arbeitslose und Bewohner von Problemsiedlungen auf die Theaterbühne. Natürlich, es gibt die Aktionäre und die Arbeitslosen, das ist die Realität, aber ist das – das wahre Leben? Hat Deutsch-Neuguinea mehr mit meinem Leben zu tun als, nur als Beispiel, „Maria Stuart“? Und spricht das dann wirklich für Nicola Unger oder nicht viel eher gegen Friedrich Schiller? Lola Arias, auf jeden Fall, beschäftigt sich in „That enemy within“ mit Zwillingen, und, tut mir leid, Zwillinge spielten bislang keine nennenswerte Rolle in meiner Welt.

Die Argentinierin Lola Arias arbeitet für „That enemy within“ mit der Schauspielerin Esther und der Regisseurin Anna Becker zusammen, eineiige Zwillinge, 30 jahre alt, durch ihre Berufe mit der Bühnensituation vertraut. Die Beckers erzählen: von ihrer Kindheit, von der Suche nach Identität, von der Abgrenzung voneinander, von der Wiederannäherung. Spielen vierhändig Klavier. Sprechen über historische Zwillingsforschung, schauen in Abgründe, ja, auch nach Auschwitz. Machen Witze. Sind sehr echt und liebenswert und charmant (und wissen gleichzeitig, dass man auf der Bühne nie wirklich „echt“ ist). Zwillinge bedeuten mir nichts, und trotzdem packt mich dieses Stück, mich interessiert, was hier verhandelt wird, und ich bin enttäuscht, als sich die Darstellerinnen nach 70 Minuten verbeugen.
Mein Begleiter hat die Strukturen hinter dem zeitgenössischen Dokumentartheater durchschaut. Ja, die Stücke sind immer recht ähnlich aufgebaut, ob sie nun von Rimini Protokoll kommen oder von Lola Arias: Die Autoren sprechen mit ihren Protagonisten, sehr intensiv anscheinend, sehr ausdauernd, sie sezieren Biografien nach fürs Theater Verwertbarem, und dann überlegen sie, welche Bilder sie für diese Biografien finden. Und schließlich setzen sie diese Recherche um, auf der einen Seite, indem sie auf den Charme des Authentischen vertrauen, auf der anderen Seite, indem sie die technischen Möglichkeiten eines Theaters im 21. Jahrhundert durchaus exzessiv nutzen. So funktioniert das, mit anderen Worten: Hier findet eine Formierung statt.

Eine Formierung, sicher, aber: Wir bewegen uns in einer ganz kleinen Nische. Auch wenn die FAZ lästert, dass man gar kein Theater mehr besuchen könne, ohne echte Menschen zu sehen, die einem von der Bühne herab ihr langweiliges Leben erzählen: Stücke wie die von Rimini Protokoll sieht man in der freien Szene und auf Festivals, gerade mal Volker Lösch hat sich im Stadttheaterbereich (als Hausregisseur in Stuttgart) mit dokumentarischen Formen etabliert. „That enemy within“ sah ich auf Kampnagel, das ist keine kleine Hütte, aber die meisten Menschen sehen, wenn sie ins Theater gehen, immer noch „Maria Stuart“. Das ist weder gut noch schlecht, nur von einem Trend hin zum Dokumentarischen lässt sich nicht wirklich sprechen. Was man sagen kann: Es gibt ein paar Leute, die weitgehend untereinander vernetzt sind und eine ganz eigene Bühnenästhetik entwickelt haben. Diese Ästhetik hat nicht mehr oder weniger mit dem wahren Leben zu tun als das, was ansonsten so auf den Bühnen passiert, aber sie fußt nicht in erster Linie auf einer literarischen Vorlage oder einer These, sie fußt darauf, dass sich der Regisseur mit jemandem zusammensetzt und einfach mal lange zuhört, was der so zu sagen hat.
Und Leute, die sich für andere Leute interessieren, das sind nicht die schlechtesten. Bin ich überzeugt.

Edit: Für das demnächst erscheinende Dezember-uMag habe ich ein Interview mit Lola Arias geführt, kurz aber nichtsdestotrotz interessant, meiner Meinung nach. Außerdem bin ich ganz begeistert von Arias‘ Textsammlung „Liebe ist ein Heckenschütze“, das schon im November als mein Buch des Jahres abgespeichert ist.

Foto: Kampnagel/Lola Arias

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