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Und das ist mein Leben

23. November 2010

Ich bin reingefallen. Ich habe mich dem Hype um Helene Hegemann verweigert, weil ich das doof fand, eine höhere Tochter, die qua Geburt Teil des Kultur-Establishments ist und dann darüber rumjammert, wie langweilig ihr Leben doch sei. Ich habe die Rezensionen zu Hegemanns Debütroman „Axolotl Roadkill“ gelesen, von Ursula März in der Zeit, „was man heraushört, ist weniger die Stimme irgendeiner Generation als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart“, von Tobias Rapp im Spiegel, „die Menschen, die die Welt zusammengezimmert haben, in der sowohl die reale Helene als auch die erfundene Mifti leben“, es kotzte mich an. Weil da ältere Journalisten die Stimme der Jugend vernehmen wollten, noch einmal echt sein, noch einmal authentisch sein, das wahre Berlin spüren, „und das ist mein Leben“.
Das ärgerte mich, weil Hegemann ein Berlin beschrieb, das so anders war als das, das ich geliebt hatte. Ich bin 1998 nach Berlin gezogen, da war Hegemann sechs und lebte in Bochum. Wenn Hegemann gleich Mifti in „Axolotl Roadkill“ war, dann war der Erfolg, den dieses Buch bei den Älteren hatte, der Beweis dafür, dass auch ich mittlerweile zu den Älteren gehörte, dass hier ein Berlin existierte, das ich nicht kannte.

Dass ich die Rezeption des Buches Frau Hegemann anlastete, war unfair. Für die Rezeption konnte sie nichts.

Denn vielleicht ist das ja alles ganz anders. Vielleicht ist „Axolotl Roadkill“ ja gar nicht das ultraauthentische Bekenntnisbuch einer 17-Jährigen. Vielleicht gibt es das ja alles gar nicht, in der realen Welt da draußen, das Berghain, die Technonächte und die Drogen, von denen Hegemann erzählt. Vielleicht ist das ja alles: Kunst?
Zumindest ist das die These von Regisseur Bastian Kraft und Dramaturg Tarun Kade, die „Axolotl Roadkill“ fürs Thalia in der Gaußstraße bühnentauglich gemacht haben. Fünf Miftis (Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trautmansdorff und Sebastian Zimmler) bevölkern die Bühne, heulen, jammern, flirten und beschwören immer wieder: „Und das ist mein Leben!“ Um in der nächsten Sekunde gleich wieder zu beweisen, nein, das ist ganz und gar nicht ihr Leben, das ist Theater, was da mit Video und Laufband und großteils easy swingendem Soundtrack über die Bretter geht. Und kurz vor Schluss fällt ohnehin der Vorhang zur Hinterbühne, auf dass die ganze wahnsinnig ausgeklügelte Maschinerie offensichtlich wird, damit auch der Letzte kapiert: Ihm wurde hier etwas vorgespielt.
Kraft und Kade treiben der Vorlage also alles Authentische aus, und plötzlich bekommt dieser Text eine neue Qualität. Plötzlich wird klar, dass hier eben kein eigenes, echtes Leben beschrieben wird, sondern einzig eine Idee von Leben. Und plötzlich wird mir auch klar, was mich so wahnsinnig an Hegemanns Roman störte: Dass man ihn, wenn man ihn authentisch liest, eben auch als konservatives Pamphlet lesen kann, als echtes Angewidertsein an einer durch und durch künstlichen Welt, als unerfüllte Sehnsucht nach einem anderen, echten Leben. Das missfiel mir auch an dem viel gelobten Film „Somewhere“ von Sophia Coppola: dass die Regisseurin mit großem Aufwand eine Welt aus Plastik zeichnet, aus der in der Schlussszene ein zumindest möglicher Ausweg konstruiert wird. Kein Gedanke daran, dass die Plastikwelt vielleicht langweilig und öde sein mag aber immer noch besser als alle unerträgliche Ehrlichkeit. Indem sie „Axolotl Roadkill“ konsequent in einen Kunstraum verfrachten, wagen Kraft und Kade diesen Gedanken zumindest. Lustig, dass sie selbst im Ausstellen des Spielvorgangs nicht authentisch bleiben: Die Mittel hierzu, die gescratchten Dialoge, das Wechselspiel von Laut und Leise, die Rampenrede sind nämlich auch geklaut, von René Pollesch, hihi.

„Was mich interessiert ist, dass es ein Text ist über Wohlstandsverwahrlosung“, verteidigte sich Thalia-Intendant Joachim Lux gegen den Vorwurf, mit „Axolotl Roadkil“ auf einen Hype aufzuspringen (und dann auch noch eineinhalb Jahre verspätet zu sein). Ganz glaube ich ihm das nicht, zumal gerade Hegemanns Roman nicht wirklich ein gelungenes Beispiel für diese Wohlstandsverwahrlosungsliteratur ist. Was nichts an dem beglückenden Erlebnis dieses Theaterabends ändert. Weil ich mich mit einem Schlag verstanden fühlte, in meiner Sehnsucht nach dem Unauthentischen. Weil ich in dieser Aufführung eine Schauspielerriege sah, deren Begeisterung fürs Thema mich ansteckte, allen voran Birte Schnöink, die mir schon in „Hamlet“ positiv aufgefallen ist. Und weil Regisseur und Dramaturg es geschafft haben, einen womöglich doch ganz interessanten Text der Interpretationshoheit des alternden Feuilletons zu entreißen.

(Die Hegemann wahrscheinlich in alle Ewigkeit verfolgende Diskussion um Original und Plagiat interessiert mich übrigens kein Stück.)

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