Skip to content

Krise, Krise

28. November 2010

Die Bandschublade hätte nie ein Rezensionsblog werden sollen. Weil andere diese Nische schon sehr, sehr gut bespielen, die Kollegen von der Nachtkritik etwa oder das geschätzte Hamburger Feuilleton. Vor allem aber auch, weil ich der Meinung bin, dass eine Rezension die langweiligst mögliche Art ist, über Kunst zu sprechen. Weil ich das im Brotberuf schon häufig genug mache. „Ich kann (…) nicht immer doppelt Kritiken schreiben, denn es ist ja nicht so, dass ich ansonsten nichts zu tun hätte“, sagt Christine Dössel, ja. Vor allem, weil man in so einem echten, gedruckten Medium ja doch etwas anderes erzählen möchte, irgendwie seriöser, nicht so aus der Hüfte und der Leidenschaft heraus wie in diesem kleinen Kräutergarten hier. Hier möchte ich weiter blöken, ich will begeistert schwärmen und ich will mich angwidert auskotzen, und ich will mir keine Gedanken darüber machen, ob das, was ich schreibe, jedem Gegenargument standhält, weil, wenn ich Mist schreibe, kann man mir ja mailen oder mir einen Kommentar schreiben, dann versuche ich, mich zu erklären, und wenn die Erklärung nicht funktioniert, dann kann ich was draus machen, einen weiteren Beitrag schreiben, meinen früheren Beitrag modifizieren, das Gegenargument posten, was auch immer. Im Print kann ich das nicht. Und deswegen gibt es hier auch keine Rezension zur gestrigen Premiere von Jan Bosses Shakespeare-Verzückung „Was ihr wollt“ am Thalia.

Stattdessen konstatiere ich eine umgekehrte Krise. Weil nämlich, liebes Thalia, der Premierenoverkill der vergangenen Woche ein eigenartiges Gefühl der Übersättigung zur Folge hatte. Drei Premieren in einer Woche, und von denen ist eine ganz, ganz großartig („Axolotl Roadkill“), eine ist wirklich gut („Was ihr wollt“) und eine ist auch noch ganz in Ordnung („Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“). Und wenn man einrechnet, liebes Thalia, dass ihr im Repertoire auch noch ein atemberaubendes Stück wie „Hamlet“ habt, dann stellt man langsam fest, dass man euer Theater mittlerweile unbesehen besuchen kann, egal was, man sieht eine doch zumindest überzeugende Inszenierung. Aber will man das überhaupt? Will man ein Theater, das wirklich alles richtig macht, tolles Ensemble, tolle Regie, Bühnenbild, in das man sich zum Schlafen legen möchte, und von der Dramaturgie und ihren klugen Programmheften wage ich gar nicht zu reden?
Ich auf jeden Fall will das nicht. Ich will die ständige Krise, ich will den Schmerz im Herzen, ich will ein Messer, das sich in meinem Fleisch einmal umdreht. Und dann will ich umarmt werden, selten, aber dafür von solcher Begeisterung, dass ich alle Enttäuschungen vergesse.

Glückwunsch, Thalia. Das natürlich auch.

P.S. Und gerade kommt eine SMS, dass Schwarz-Grün vor dem Aus steht. Was eigentlich auch wichtiger ist, oder?

2 Kommentare leave one →
  1. 28. November 2010 13:42

    Fühle mich geehrt. Kritik folgt heute noch im Laufe des Tages …

Trackbacks

  1. Ein doppelseitig bedrucketr A4-Zettel « Bandschublade

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: