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Ich-Maschine

18. Dezember 2010

Wenn ich einen Künstler interviewe, dann hat das in der Regel keinen Einfluss darauf, wie ich seine Kunst finde. Manchmal verstehe ich nach dem Interview ein bisschen mehr, das schon, aber eine grundsätzliche Einstellungsänderung, nein. Sven Regener benahm sich im Gespräch unmöglich, arrogant und desinteressiert, aber das ändert nichts daran, dass Regener erstens ein toller Schriftsteller ist und zweitens mit seiner Band Element of Crime ganz tolle Musik macht. Bei Friedrich Schirmer hatte ich im Interview den Eindruck einen sehr klugen, theaterbegeisterten und wachen Menschen vor dem Mikro sitzen zu haben, aber das änderte nichts daran, dass mich Schirmers Intendanz am Hamburger Schauspielhaus über weite Strecken kalt ließ.
Mit Angela Richter war das anders. Ich habe Richter zweimal interviewt, ein erstes Mal, weil sie ein Theater in Hamburg gegründet hatte, wir sprachen über die Grenzgänge zwischen freier Szene, festem Hafen und Stadttheater. Ein paar Jahre später traf ich sie noch einmal, es ging wieder um Grenzgänge, diesmal aber zwischen Theater, Bildender Kunst, Party und Musik. Und während wir dieses zweite Gespräch führten, wurde mir plötzlich klar, dass diese Theatermacherin mit absolut offenem Visier ins Interview ging, mehr noch: wie sie eine Ästhetik des offenen Visiers entwickelte, es gehörte zu ihrem Konzept, sich dem Gespräch mit einem Journalisten auszuliefern. (Ein Prinzip, das allerdings auch umgekehrt funktionierte: 2006 interviewte ich Richters Mann, den Maler Daniel Richter, und fand kurz darauf ganze Passagen des Gesprächs in Angela Richters Theaterstück „Verschwör dich gegen dich“ wieder.)
Auf jeden Fall war ich durch die beiden Interviews in die Gedankenwelt der Angela Richter eingedrungen: Diese Gedankenwelt hatte etwas damit zu tun, dass sich da jemand als verletzlich ausstellte, als angreifbar, als fehlerhaft. Und damit, dass jemand aus dieser Verletzlichkeit eine eigene ästhetische Qualität zog. Bis dahin hatten ihre Theaterstücke für mich einen eher spröden Charme, zwischen Installation und Literaturtheater, zwischen freier Szene und Stadttheater. Und plötzlich kapierte ich: Das ist überhaupt nicht spröde, darum geht es hier überhaupt nicht. Da öffnet sich jemand schonungslos. Und da reflektiert jemand dieses Öffnen eben auch, die naive Nabelschau war nie Richters Thema, eher ein mehrmaliges Um-die-Ecke-Denken, wer bin ich, in welcher Position bin ich, und wo führt mich diese Position hin? Soviel vorneweg: Ich mag Angela Richter.

Im Sommer inszenierte Richter bei den Salzburger Festspielen Jon Fosses „Tod in Theben“. Die Aufführung war, so hört man, ein Desaster: Richter war mit der Premiere unzufrieden und stellte die Inszenierung zur zweiten Vorstellung radikal um, was allerdings im traditionsverliebten Salzburg einer Todsünde gleichkam, die Kritiken waren verheerend. Weswegen im koproduzierenden Hamburger Kulturzentrum Kampnagel nun nicht „Tod in Theben“ zu sehen war, sondern „Der Ödipus Antigone Komplex“, genauer: eine Aufarbeitung der traumatischen Salzburg-Erfahrung. Was bedeutet, dass gleich zu Beginn die Schauspielerin Melanie Kretschmann an die Rampe tritt, sich als „Regisseurin Angela Richter“ vorstellt und erstmal erzählt, wie das so war, an der Salzach. Dann werden einzelne Passagen aus „Tod in Theben“ als eine Art Leseprobe präsentiert, kurz wird auch geschauspielert (allerdings im Dunkeln), eine Kritik zur Salzburger Aufführung wird verlesen. Das ist ganz großartig, das geht einem ziemlich nahe (so nahe, dass das Paar in der S-Bahn hinter mir gar nicht verstanden hat, dass hier eine Schauspielerin sprach und nicht etwa die wirkliche Angela Richter), das ist aber auch extrem auf sich selbst bezogen.
Was es aber, verdammt noch mal!, auch sein darf! Warum denn nicht, Selbstbezug galore! „Der Ödipus Antigone Komplex“ beschäftigt sich mit einer Arbeit, die an einem bestimmten Punkt aus dem Ruder gelaufen ist, die Inszenierung umkreist diesen Punkt, holt Persönliches ganz nahe an der Zuschauer ran, und kurz bevor man denkt, dass einem das vielleicht zu intim wird, haut sie einen Verfremdungseffekt rein, bitteschön! So funktioniert Theater doch!

Und natürlich versteht man, dass es Leute gibt, die das nicht mögen, die das eitel finden und selbstbezüglich und zu intellektuell, was auch immer. Dürfen sie, auf eine bestimmte Weise haben sie recht. Aber: Warum akzeptiert man im Bereich Bildende Kunst eigentlich bereitwillig, dass es Abstraktion gibt und konzeptionelle Kunst und Realismus, und dass nicht jeder sich jeden Schuh anziehen muss, während im Theater jeder Schritt weg vom eigenen Inszenierungsideal gleich ein Weltuntergang ist?

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