Skip to content

Das muss man doch noch sagen dürfen!

21. Dezember 2010

Ich bin ein Freund der Political Correctness. Ich kann mich nicht besonders für das Minderheiten-Quartett begeistern, das der Spiegelfechter als Weihnachtsgeschenk bejubelt. Ich habe auch schon mit Matthias (und, einmal, mit German Psycho) manch einen Strauß ausgefochten. Ich kenne, nein: Ich verstehe die Argumente, die kluge Leute gegen Political Correctness vorbringen, Denkverbote, Spießertum, Formierung der Sprache, alles richtig. Allein, ich teile sie nicht. Ich will einfach nicht von „Negern“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff diskriminierend gebraucht (oder zumindest empfunden) wird, ich will einfach nicht von „Gutmenschen“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff in erster Linie in rechtsextremen Zusammenhängen eingesetzt wird, um all diejenigen zu diskreditieren, die nicht rechts sind. Tut mir leid, das liegt vielleicht an meinem Beruf, dass ich sprachliche Wendungen erstmal abklopfe, bevor ich sie verwende: Steht da vielleicht etwas zwischen den Zeilen, steht da vielleicht etwas, das nicht direkt ausgesprochen wird? Call me politically correct, call me linker Spießer, die Diskussion langweilt mich mittlerweile ein wenig.
Die spannende Frage ist ja auch nicht, ob man Politische Korrektheit als Religion vor sich hertragen sollte. Auf Metalust wird dem Spiegelfechter „neurechtes Agitieren“ vorgeworfen, wegen eines bei Licht betrachtet eher pubertären „Boah, ich trau‘ mich was!“-Artikelchens, na gut. So denke ich nicht. Nie würde ich jemandem vorwerfen, Regeln der politischen Korrektheit zu missachten, wer möchte – bitte. Nur gut finden muss ich das nicht. Politische Korrektheit, das ist für mich eher so eine Art Leitfaden, ein paar Kriterien, auf die ich mein eigenes Verhalten abklopfe: Mache ich gerade noch alles so, dass ich weiterhin in den Spiegel schauen kann? Ich brauche übrigens nicht zu erwähnen, dass ich diese Frage keinesfalls immer mit „Ja“ beantworte – und dennoch nichts an meinem Verhalten ändere. Inkonsequenz, sei mein Freund.

Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes erzählen. Eigentlich wollte ich die Ausstellung „Freedom of speech“ erwähnen, die noch bis Ende März im Hamburger Kunstverein zu sehen ist. „Freedom of speech“ geht als politische Kunstausstellung dahin, wo es richtig weh tut, stellt die Frage: Was darf Kunst? (Alles! sagt mein linksliberal geschultes Bewusstsein, voller Verachtung für jede Art von Zensur.) Aber ist dann eine Arbeit wie Olaf Metzels „Turkish Delight“ (2006, der Schnappschuss stammt von der Vernissage) tatsächlich nötig? Was bringt es der politischen Diskussion, eine nackte Muslima zu zeigen? Verhärtet das nicht, im Gegenteil, alle Fronten? (Tatsächlich macht es das: Die Skulptur stand zunächst vor der Wiener Kunsthalle und wurde nach Protesten und Vandalismus entfernt.) Und schon ist man ganz weit weg von jeglicher Kunstfreiheit, schon denkt man: Vielleicht ist Zensur gar nicht das allerschlechteste?
Der Kunstverein stellt diese Frage auch, er verpackt sie nur anders. Er fragt: „Was, wenn nur der sprechen dürfte, der die Wahrheit sagt?“ Schon denkt man, dass das durchaus besser wäre, Thilo Sarrazin etwa könnte gleich einpacken, wenn man ihm nachgewiesen hätte, dass seiner biologistischen Argumentation Hand wie Fuß fehlt. Aber: Wer entscheidet eigentlich, was die Wahrheit ist? Bei Sarrazin wäre das nicht schwer, eigentlich muss man nur zwei und zwei zusammenzählen, um zu merken, was für einen Blödsinn der Ex-Bundesbanker zusammenschwafelt, aber was ist mit Fällen, bei denen es nicht so eindeutig ist? Zum Beispiel bei Kunst, der Paradedisziplin des Uneindeutigen?
Was toll ist an „Freedom of speech“: dass die Ausstellung selbst uneindeutig bleibt. Sie zeigt die vor vier Jahren viel diskutierten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten und provoziert damit einen billigen „Das muss man doch noch sagen dürfen!“-Ausruf. Dem stellt sie die Bild-Kampagne für Thilo Sarrazin „Wir wollen keine Sprechverbote“ gegenüber. Und kontrastiert das mit der Bild-Schlagzeile vom 15. Dezember: „Stephanie zu Guttenberg: Wir finden die gutt! Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“

„Freedom of speech“ macht es einem nicht leicht. Und weil man merkt, dass es hier nicht einfach zugeht, weil man hier keine klaren Antworten bekommt, wird einem auch deutlich, wie schal die eigene politische Korrektheit ist. Die nämlich läuft immer Gefahr, Redefreiheit in erster Linie für linke Positionen zu gewähren, während man rechts ganz gerne mal ein wenig Zensur üben würde. Allerdings behauptet die Ausstellung auch nicht, dass eine bloße Erweiterung der Redefreiheit alle Probleme lösen würde. Wäre alles gut, wenn links wie rechts ihre Argumente in den Raum blöken könnten?
Ein Blick auf die Mohammed-Karikaturen lässt einen Zweifeln.

Abbildung: Olaf Metzel, Turkish Delight (2006), Copyright Sammlung Hamburger Kunsthalle, Foto: Falk Schreiber

P.S. Die Bandschublade verabschiedet sich in die Weinachtsferien. Ich lasse die Kommentare offen, werde aber unter Umständen ein wenig brauchen, bis ich sie freischalte – nicht beleidigt sein.

4 Kommentare leave one →
  1. 28. Dezember 2010 13:21

    Danke für diesen Artikel. Hätte es nicht besser ausdrücken können!

Trackbacks

  1. Immer diese Neuen Rechten | Links und Liberal
  2. Wie konnte das alles nur so den Bach runter gehen? (Teil 4 und Schluss) « Bandschublade

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: