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Vögeln vor Interlaken

28. Dezember 2010

Alle Dinge auf der Welt,
seien sie schlecht oder hell,
und das Ding auf dem ich fahr‘,
fährt, glaube ich, zu schnell …
Lass mich stehen, denn ich saß
die ganze Fahrt.
Es war ein langer Weg nach Hause,
aber jetzt bin ich da.

Tomte, Voran Voran (2008)

Kaum ein deutsches Unternehmen wird so angefeindet wie die Deutsche Bahn, nicht Siemens, obwohl Atomkonzern, nicht Jung von Matt, trotz Bloggerbeleidigungen, nicht die katholische Kirche, trotz des ganzen Kladderadatschs, der da dran hängt. Nein, die Bahn. Wenn man über die Bahn motzt, erntet man immer Zustimmung, damit füllt man ganze Blogs (und die sind dann nicht einmal öde zu lesen sondern durchaus unterhaltsam), man ist Mainstream, aber man braucht sich für die eigene Mainstreamhaftigkeit nicht zu schämen, weil: Man steht auf der richtigen Seite. Man hat recht. Hat man?
Die Aufgabe der Bahn ist es, einen für einen angemessenen Preis von A nach B zu befördern. Und man kann sagen, was man will: Diese Aufgabe erfüllt das Unternehmen (okay, darüber, ob die Bahn-Preispolitik angemessen ist, kann man streiten, ich persönlich finde sie zu teuer, andererseits: Wenn man sie mit Auto oder Flugzeug vergleicht …). Manchmal gibt es Ärger, zu häufig, eigentlich, andererseits finde ich die Regelung, nach der man bei über 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstattet bekommt und bei über 120 Minuten Verspätung 50 Prozent, durchaus in Ordnung. Klar, wenn ich wegen einer eingefrorenen Weiche einen wichtigen Termin verpasse, dann hilft mir diese Entschädigung auch nicht weiter, aber was soll die Bahn denn machen? Sie sagt einem, dass man Rechte hat, diese Rechte kann man einklagen, das ist schon ein Grad an Kundenfreundlichkeit, der durchaus mal honoriert werden kann. Oder bin ich jetzt zu unkritisch? Ach, egal, ich kritisiere ja, durchaus.

Denn eigentlich ist die Bahn ein Beispiel dafür, was in diesem System grundsätzlich falsch läuft. Ästhetisch, ökonomisch, politisch.
1. Konkurrenz. Die Bahn sieht sich in der Konkurrenz mit anderen Verkehrsmitteln. Was nicht grundsätzlich etwas Schlimmes ist, man steht ja vor der Frage, ob man jetzt mit dem Zug nach Lüneburg fahren soll oder mit dem Auto, das ist also schon von vornherein ein Konkurrenzverhältnis zwischen Zug und Auto. Nur die Bahn nimmt diese Konkurrenz nicht an: Die Bahn sieht sich als Konkurrenz zum Flugzeug. Weil man hierzulande nichts gegen den individualisierten Autoverkehr sagen darf, gehen Bahn und PKW eine Art Koexistenz ein, Autofahren ist schon in Ordnung, nur Fliegen, das sollte man sich nochmal überlegen. Dass ich als Autogegner mich von solch einer Haltung abgeschreckt fühle, nimmt man achselzuckend in Kauf.
2. Amerika. Die Bahn wirkt massiv amerikanisiert. Ein Sprachästhet wie Matthias würde sich angesichts der Anglizismen-Häufung in der Bahnsprache über „Gammelsprech“ aufregen, aber ich bin kein Sprachästhet, ich nehme die Anglizismen nur als Symptom der Tatsache, dass die Bahn radikal durchamerikanisiert ist, will sagen: radikal dem Kapitalismusdogma hörig. Inclusive eines pervertierten Servicegedankens, inclusive massiv runtergefahrener Arbeitnehmerrechte. Was bei dieser Amerikabegeisterung allerdings unter den Tisch fällt: Die USA sind nicht unbedingt als Paradies der Bahnfahrer bekannt. Die USA sind eigentlich das Mutterland des Individualverkehrs.
3. Luxus. Es gibt hier ein Werbemotiv für das Nachtzugangebot der Bahn, das eine Frau im Negligé zeigt, die gerade an ihrem Frühstückskaffee nippt. Die Schlafbrille ist in die Stirn geschoben, hinter ihr gleitet der Eiffelturm vorbei, ihr Blick ist leicht vernebelt und flirty. Alles an diesem Bild strahlt Lazyness und Paarungsbereitschaft aus. Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, dass die Zielgruppe der Bahn anscheinend in erster Linie männlich und heterosexuell ist, aber das ist mir jetzt zu blöde. Ich will auch kein negatives Wort übers Vögeln im Schlafwagen verlieren, das ist ja sicher ganz toll, und insgeheim träumen wir doch alle davon, einmal in den City Night Line nach Interlaken-Ost zu steigen, weil uns hier ein zauberhaftes Wesen so einladend angelächelt hat, obwohl wir doch eigentlich nur nach Lüneburg wollten. Aber. Das würden wir doch wegen des zauberhaften Wesens mache und nicht, weil der City Night Line eigentlich ein fahrendes Luxushotel ist, in dem man den Champagner ans Bett geliefert bekommt. Denn wir sind ja nicht blöde. Wir wissen, eine Fahrt mit dem Nachtzug ist eine ziemliche Strapaze, die wir manchmal auf uns nehmen, weil es eben nicht anders geht. Die Bahn aber verkauft uns für blöde.
4. Urbane Provinzialität. Natürlich ist es klasse, dass die ICEs zu Stoßzeiten halbstündlich zwischen Berlin und Hamburg hin und her rasen. Finde ich, weil ich beruflich oft in Berlin bin. Nicht so gut ist das aber für den Regionalverkehr. Dort werden die Fahrpläne massiv ausgedünnt, nach Erndtebrück fahren Züge, deren Komfort gegen null geht, am Wochenende und nach 20 Uhr fahren sie gar nicht, getaktete Anschlüsse sind auch Mangelware, und wenn sie denn mal fahren, dann fahren sie höchstens nach Siegen. Klar, Erndtebrück ist nicht so cool wie Berlin, ist halt Provinz. Wobei sich die Bahn mit diesem Provinzverständnis selbst als zutiefst provinziell outet: Bei der Bahn hat man noch nicht verstanden, dass das Dorf nicht das große Andere zur Stadt ist, sondern die Rückseite der gleichen Münze.

Ach, Bahn. Ich will doch nur, dass du mich nach Berlin bringst, nach Erndtebrück und nach Ulm. Ich sehe dir auch nach, wenn nicht immer alles perfekt funktioniert, kann passieren. Wenn ich am Vorabend vor Heiligabend nicht rechtzeitig reserviere, dann stehe ich eben im Gang, ich würde nie behaupten, dass da jemand anders schuld sei außer mir selbst, versprochen. Für diesen Service bin ich bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen (vielleicht ein bisschen weniger als bisher, ließe sich da was machen? Hm?), und mehr Service brauche ich nicht. Ich wüsste auch schon, wie du deine Tickets günstiger machen könntest: Trenn‘ dich von deiner Werbeagentur, die tut dir nicht gut. Verzichte auf wichtigtuerische Großprojekte wie Stuttgart 21. Mach‘ einfach deinen Job. Danke.

2 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2010 08:33

    Guter Artikel. Abonniere Dich seit gestern… Aber: Was findet die Welt nur an Tomte? Diese Band für sensible Beckstrinker… ;-)

  2. 29. Dezember 2010 14:42

    Ach, Tomte, mich nerven sie ja auch. Doch dann treffen mich einzelne Songs doch immer wieder ins Herz, aber ich bin ja auch ein sensibler Beckstrinker … Vor Urzeiten, im alten Blog, habe ich einmal was über sie geschrieben, hier: http://bandschublade.twoday.net/stories/tomte/
    Das Zitat aus „Voran Voran“ kam aber ausschließlich, weil es inhaltlich so gut passte.

    Und außerdem: Übers Lob, mehr noch aber übers Abonnieren freue ich mich.

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