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Vom Zauber des an der Seite Stehens

2. Januar 2011

Viel gibt es zu sagen über Tom Tykwers 3. Man könnte etwas erzählen über mehrmaliges Überschreiten der Grenze zum Kitsch, darüber, wie nervig handwerkliche Perfektion sein kann, man könnte aber auch von atemberaubend guten Schauspielerleistungen sprechen, von einer hübsch originellen Geschlechterkonstruktion, oder man könnte darüber sprechen, wie aufgesetzt Tykwers Zufallsmetaphorik ist und wie papiern die Figuren. Könnte man, und ich habe das ja auch, in der kulturnews, ein wohlwollendes Gemotze.

Worüber jedoch fast nie gesprochen wird, ist die berufliche Situation von zumidest zwei Drittel der titelgebenden Dreiecksbeziehung. Dabei ist gerade die interessant: Hanna (Sophie Rois) nämlich ist Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen, außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates, woraus ich schließe, dass sie wohl in Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie promoviert hat, alles Professionen, die nicht allzuviel Anerkennung genießen. Und ihr Freund Simon (Sebastian Schipper) ist Kunsttechniker, er baut also nach Anweisungen von Künstlern Installationen und Skulpturen auf. Das heißt, dass sowohl Hanna als auch Simon zwar an den Kunstdiskurs angedockt aber eben keine Künstler sind. Sie sind diejenigen, die dazu gehören und gleichzeitig auch nicht dazu gehören, die auf Vernissagen gehen aber immer irgendwie an der Seite stehen. Diese berufliche Situation problematisiert der Film nicht, sie ist einfach ein akzeptiertes Lebensmodell.
Mit diesem Lebensmodell hat Tykwer eine tatsächlich neue Sichtweise geschaffen, vor allem stellt er eine Verbindung zu mir her, indem er Hanna und Simon als sympathische Figuren einführt: eine Verbindung zum Kritiker, zum professionellen Beobachter. Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich für Kunst brenne, es bei mir zum Künstler aber schlicht nicht reicht (und auch nicht reichen muss). Bloß dem Rest der Menschheit scheint das nicht klar zu sein: Mit Siegfried Lowitz‘ Bonmot „Kritiker sind wie Eunuchen: Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht“ erntet man grundsätzlich mehr Lacher als mit Lessings abwägendem „Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.“ Weil alle Welt nämlich insgeheim denkt, dass derjenige, der sich mit Kunst beschäftigt, doch im Grunde seines Herzens gerne selbst Künstler wäre.
Hanna und Simon wollen aber keine Künstler sein. Bei Simon ist das vielleicht am deutlichsten: Er entscheidet sich für das künstlertypische Leben der prekären Existenz, aber er verzichtet dennoch auf das Lob und auf die Anerkennung, die der Künstler genießt. Weil er kein Künstler ist: Er ist ein Handwerker, der mit Künstlern lebt, mit ihnen spricht, sie versteht.

Und weil Tom Tykwer Leute wie Simon zeigt, Leute wie mich, deswegen kann ich „3“ nur empfehlen. Auch wenn es ansonsten einiges gegen diesen Film zu sagen gäbe, echt.

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