Skip to content

Ästhetik des Scheiterns (3): Kohl

11. Januar 2011

Ich bin aufgewachsen mit Helmut Kohl. Als ich anfing, mich für Politik zu interessieren, war er da, als mich die Politik zu frustrieren begann, war er immer noch da, Kohl durchzog meinen politischen Sturm und Drang, und Kohl durchzog mein Politikstudium. Irgendwie war kein Entkommen, vielleicht ist das der Grund, weswegen mich Kohl kulinarisch weniger interessiert. Obwohl er ja gut schmeckt, muss ich sagen, es gibt keinen Grund, Kohl nicht mit Freuden zwischen den Zähnen zu spüren. Nur beschäftigen möchte ich mich nicht mit ihm.

Daher: mein Dank an die Kollegen von der Beef!, einer Zeitschrift, die ich längst nicht so schlecht finde, wie mir immer alle einreden wollen (Hallo! Das ist doch eine gute Idee, ein Männermagazin, das das Mannsein nicht an der Frage „Welche meiner großbusigen, intimrasierten Sekretärinnen vernasche ich denn heute abend?“ festmacht, sondern an der Frage „Was soll ich denn heute abend kochen?“). Dankeschön, dass ihr in der Ausgabe 3/2010 die Renaissance des Kohls einläutet. „Beef! befreit Rot-, Grün und Rosenkohl aus ihrem matschigen Beilagendasein und erklärt sie endlich zum Hauptgericht“, das ist doch mal ’ne Ansage!
Und dann das: Das Rotkohl-Rezept (hier gehts zum pdf-Download, ich rate aber vom Nachkochen ab) ist eine schwere Enttäuschung.

Versuchsanordnung:
1. Einen Kopf Rotkohl (im Rezept stand 600 Gramm, meiner war geringfügig schwerer, egal, ich nahm auch von den übrigen Zutaten ein wenig mehr) putzen etc., in feine Streifen schneiden. Zwei (in meinem Fall also drei) Zwiebeln ebenfalls in Streifen schneiden und in drei Esslöffeln Butter andünsten, in einem (bzw. zwei, ich lass‘ das jetzt mit dem Umrechnen, schreibe immer nur auf, was ich tatsächlich genommen habe) Esslöffel braunem Zucker glasieren lassen. Kohl und 60 Gramm getrocknete Cranberrys zugeben, kurz andünsten. 350 Milliliter Cranberrysaft zugeben (ihr wolltet 300 Milliliter, aber daran konnte es doch nicht gelegen haben, dass das Gericht nahezu ungenießbar war. Cranberrysaft, das ist un-glaub-lich sauer, meintet ihr vielleicht Sirup? Oder irgendein Mischgetränk? Oder ganz was anderes? Rotwein vielleicht?), drei Lorbeerblätter zufügen, bei schwacher Hitze zugedeckt dünsten. (Wie lange, stand da nicht, ich dünstete einfach, bis der Kohl weich war und dann noch eine Ecke weiter.)
2. Inzwischen 75 Gramm Nüsse (ich nahm einfach die Nussmischung, die noch übrig war, laut Beef! hätten es Walnusskerne sein sollen … Wahrscheinlich eine gute Idee, die Walnüsse in der Mischung waren am Ende die mit Abstand leckersten) ohne Fett rösten, dann grob hacken. Fruchtfleisch von acht reifen Feigen grob zerkleinern. Alles zusammen unter den Rotkohl mischen. Mit Balsamico, Zucker (wegen des Cranberrysafts: viel Zucker!), Salz, Pfeffer und drei Teelöffeln Pfefferkuchengewürz (im Rezept stand Lebkuchengewürz, ist das nicht dasselbe? Diese komischen norddeutschen Produkte in diesen komischen norddeutschen Regalen bringen mich immer noch durcheinander, trotz mittlerweile knapp zehn Jahren Hamburg) abschmecken. Kurz vor dem Servieren eineinhalb Esslöffel kalte, fein gewürfelte Butter unterrühren.

Ergebnis:
Wie schon angedeutet: an der Grenze zum Ungenießbaren. Viel zu sauer, und das lag nicht an meinen leichten Abwandlungen des Rezepts, das lag am Cranberrysaft. Auch optisch wenig ansprechend, alles in allem eine rote, undefinierbare Pampe. Mal ehrlich, Beef!, wäre nicht das Anschlussrezept Brokkoli mit Feta nicht zumindest halbwegs essbar gewesen (wenn auch nicht weltbewegend … Also, mich hätte man damit nicht ins Bett kochen können, zumindest nicht ohne eine gewisse Grundsympathie), dann wärst du als Medium für mich, hihi, gegessen gewesen.
So aber: Eine Chance hast du noch. Weil ich, wie gesagt, die Idee hinter dir als Zeitschrift nicht ohne Reiz finde.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: