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Regenbogenschwäne

26. Januar 2011

Ach, das ist doof. Natürlich will ich nicht über einen Film lästern, den ich gar nicht gesehen habe, einerseits. Andererseits jubeln momentan alle ohne Unterlass über „Black Swan“, so dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, mir mit Natalie Portman den Abend zu versauen. Denn ein Abendversauen würde es werden, davon bin ich überzeugt, seit ich gelesen habe, was John Neumeier (mit dem ich eigentlich wenig anfangen kann) im Hamburger Abendblatt (mit dem ich auch wenig anfangen kann) über „Black Swan“ sagt. Er sagt:

Die ganze Ballettwelt wird als eine Welt von Kranken dargestellt, in der monströse Menschen junge Mädchen ausnutzen, die natürlich alle magersüchtig sind. Das stimmt doch alles nicht. Ballett ist eine Kunst, in der viele verschiedene Künstler Platz haben. Nicht nur Frauen im Alter von 17 bis 24 Jahren, die sich noch dazu jeden Tag quälen. (…) Man sieht nur den Auftritt vom weißen Schwan und sie (Natalie Portman, FS) macht die ersten Armbewegungen, die im Übrigen nicht mal auf der Musik draufliegen. Dann sieht man 15 Sekunden vom schwarzen Schwan und (sic) das Corps de Ballett huscht über die Bühne. Irgendwann gibt es auch noch ein bisschen modernen Tanz. Mit offenen Haaren. Warum diese Szene kommt, wird aber nicht klar. (…) „Schwanensee“ ist eine traditionelle Choreografie, aufgebaut wie eine Pyramide. Oben die Primaballerina und der Haupttänzer, darunter Nebenrollen, kleine Rollen und das Corps de Ballett. Ein moderner Choreograf arbeitet eher vertikal, mit allen Tänzern.

Das lese ich. Und habe keinen Bock mehr, mir den Film anzuschauen. „Aber“, werfen die Fans ein, zu Recht, „es geht in ‚Black Swan‘ doch gar nicht um Ballett, das hat Neumeier überhaupt nicht verstanden, es geht um Ehrgeiz und Selbstzerstörung.“ Ah, so. Pathologischer Ehrgeiz, das hat Elfriede Jelinek zwar schon vor 28 Jahren in „Die Klavierspielerin“ beschrieben, und Michael Haneke fand immerhin vor zehn Jahren beeindruckende filmische Bilder für den Komplex, aber, ach, egal, es stimmt ja wohl, „Black Swan“ ist ein toller Film, schauen möchte ich ihn trotzdem nicht. Erstmal.

Erstmal möchte ich ein Tanztheater empfehlen, „The Offside Rules“ von Constanza Macras‘ Compagnie Dorky Park, noch bis kommenden Samstag auf Kampnagel. Ein tolles Stück, produziert vom Goethe Institut Johannesburg anlässlich der Fußball-WM in Südafrika vergangenes Jahr, und ich empfehle es, obwohl ich zu Fußball bekanntermaßen keinen Zugang habe. Es geht um Differenz, um Aggression, um soziale Segregation, die ganze Bevölkerungsgruppen mit einem Schlag ins Abseits stellt. Um Fußball geht es, trotz des Aufführungsanlasses, trotz der Ästhetik, trotz einzelner Handlungsstränge eher nicht.
Das um diverse südafrikanische Tänzer erweiterte Dorky-Park-Ensemble ist eigentlich keine Tanzgruppe mehr, es gibt hier keine schönen Menschen, die schöne Bewegungen vollführen, es gibt höchstens noch körperbewusste Menschen, die sich ziemlich beeindruckend bewegen: eine füllige Tänzerin, bei der ziemlich viel Fleisch erst wallt, dann zittert, irgendwann fließt, schön. Ein beängstigend dünner Tänzer, dessen ausgemergelter Körper am Ende ein Blasebalg ist, der kaum noch Luft hat. Tänzer, die barfuß tanzen, Tänzer in Gummistiefeln. Darf alles.
„The Offside Rules“ ist ein Stück über die Rainbow Nation, über Südafrika, im weiteren Sinne: ein Stück über Multikulturalismus. Die Qualität dieses Stücks ist, dass Macras den Multikulturalismus zwar als alternativlos erkennt, seine Probleme aber nicht verschweigt, Gewalt, Aggression, Unverständnis tauchen ebenso auf wie harmonische Momente. Einmal steht eine halbnackte Tänzerin an der Rampe und erzählt eine atemberaubende Geschichte von der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, Macras‘ Heimat, als das von der Militärdikatur regierte Land eine harmonisches Fußballfest inszenierte. „Ich hasse Weltmeisterschaften“, schließt die Tänzerin, „weil sie den Klassenkampf aufheben.“ Nur damit mal klargestellt ist, dass die Grenzen nicht zwischen den Zivilisationen, Nationen, Religionen verlaufen, sondern immer noch zwischen oben und unten. So etwas kann Tanztheater nämlich auch erzählen, jenseits von Geschichten über schwarze und weiße Schwäne, ich mein‘ ja bloß.

Natürlich kann man Constanza Macras vorwerfen, dass hier eine argentinische Choreografin mit Wohnsitz Berlin ein Stück in Johannesburg macht, das ich mir in einem freien Theater in Hamburg anschaue: Jetset-Kunst. Aber der Vorwurf geht ins Leere: Zu Ende gedacht ähnelt er der Diskussion, die Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung aufmachte, als der Nigerianer Okwui Enwezor zum neuen Leiter des Münchner Hauses der Kunst berufen wurde: Ruthe fragte sich, ob Enwezor eher Afrikaner sei oder eher New Yorker (sein bisheriger Wohnsitz) und was das für das Ausstellungsprogramm in München bedeuten würde. In letzter Konsequenz eine rassistische Überlegung, die verkennt, dass Leute wie Enwezor Kategorien wie Herkunft oder Ethnie nicht negieren, aber dekonstruieren.
Ich auf jeden Fall höre in der U-Bahn nach Hause Ethnoclub von der angolanisch-portugiesischen Band Buraka Som Sistema. Musik, die unterschiedliche Einflüsse aufnimmt, europäische Elektronik, afrikanische Rhythmen, das Aggropotenzial des brasilianischen Baile Funk, die all das aufnimmt und es dann abspielt, nicht als harmonische Mischung, sondern als dunkles Scharren, durchsetzt von Störgeräuschen und Rückkopplungen. Ich auf jeden Fall bin beseelt, ein wenig. Ich auf jeden Fall werde mir irgendwann sicher noch „Black Swan“ anschauen, versprochen.

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