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Totally naked, baby, totally nude

31. Januar 2011

Zuletzt sah ich splitternackte Schauspieler im Hamburger Schauspielhaus, Samuel Weiss in „König Lear“, und am Thalia, Jörg Pohl in „Hamlet“. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Nackte Schauspieler kommen durchaus vor, im Theater. Und zweitens: Sie kommen längst nicht so häufig vor, wie empörte Bildungsbürger einen glauben lassen. (Drittens: Sie kommen in erster Linie in Shakespeare-Inszenierungen vor, nein, Blödsinn.)

Die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub hat an der Uni Bochum eine Doktorarbeit geschrieben, „Theater der Nacktheit“. Diese Arbeit erfuhr eine öffentliche Ressonanz, wie sie wissenschaftlichen Dissertationen in der Regel nicht gewährt wird, selbst die theaterwissenschaftliche Fachpublikation Bild veröffentlichte eine Rezension, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Interessanter sind die Kritiken aus der Welt (in weiten Teilen von der dpa) und von Tobias Becker aus dem Spiegel. Während Welt und Schwesterblatt Bild (und auch die Pressestelle der Uni Bochum) das Thema entrüstet mit den Fragen „Warum müssen Shakespeares Hexen nackt sein?“ beziehungsweise mit „Warum muss Theater so oft nackt sein?“ angehen, haut der Spiegel die großartige Überschrift „Die Blut- und Hoden-Ideologie“ raus. Inhaltlich bewegen sich aber alle auf der gleichen Ebene, und die sagt: Es existiert ein Mainstream, der verlangt, dass auf der Bühne Nackte zu stehen haben, und wer sich gegen diesen Mainsteam wendet, der braucht ein dickes Fell. Dass es Inszenierungen gibt, in denen (mit gutem Grund) nackt gespielt wird, und dass es (wahrscheinlich mehr) Inszenierungen gibt, in denen nicht nackt gespielt wird, unterschlägt diese Argumentation. (Ebenso wie die Erkenntnis, dass es natürlich auch unvorstellbar viele Inszenierungen gibt, in denen Nackte ohne guten Grund auftreten, sondern nur, weil der Regie irgendwie nichts anderes eingefallen ist. Aber so prosaisch ist man nicht, wenn man den Untergang des Abendlandes an die Wand malt, ach.)
Fröhlich pickt man sich ein paar Zitate raus, die die Annahme der Zwangsnacktheit bestätigen. So zitiert die Welt die Thalia-Schauspielerin Lisa Hagmeister: „Als Gretchen im Urfaust am Hamburger Thalia-Theater musste sie 2009 ‚wild vögeln‘. Erotisch fand sie das nicht, eher technisch, erzählt die junge Schauspielerin.“ Ach was, sie fand es nicht erotisch, was für eine Überraschung! Aer die bösen Regisseure (in diesem Fall Andreas Kriegenburg) verlangen es eben, was soll man machen? Dass der „Urfaust“ unter anderem davon handelt, wie eine junge Frau ungewollt schwanger wird, und dass man eben häufig nackt ist, wenn einem so etwas passiert, die Nacktheit in besagter Szene also durchaus inhaltlich begründet ist, interessiert in dieser Argumentation natürlich nicht. (Dass das Problem des Sex auf der Bühne ein ganz anderes ist, dass nämlich Sex schwer dargestellt werden kann und Nicht-Profis bei der Alternative echter Vollzug häufig Probleme haben, könnte man zwar tatsächlich erwähnen, führt die Kollegen von der Welt aber wohl zu weit.) Und der Spiegel ist nicht besser, wo er behauptet, „dass sich oft junge Schauspieler ausziehen müssen, dass diese jungen Schauspieler oft durchtrainiert und zurechtgehungert und intimrasiert sind, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später ausziehen müssen – und begaffen lassen“. Wer so etwas behauptet, der hat noch nie gesehen, wie sich Bruno Cathomas ausgezogen hat, Cathomas, der wohl der Schauspieler ist, dessen körperliche Eigenarten ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Und so toll Cathomas als Schauspieler auch ist – zurechtgehungert kann man ihn nicht nennen.
Überhaupt führt die Debatte um die inhaltliche Begründung von Nacktheit auf der Bühne in die ganz falsche Richtung. Inhaltlich diskutieren lässt sich alles, Gründe für einen nackten Schauspieler findet man ebenso leicht wie Gründe dagegen, dass sich da jetzt schon wieder jemand auszieht. Dass die Rezensionen zu Traub aber ausschließlich auf dieser inhaltlichen Ebene argumentieren, ist schlicht verwerflich. Weil sie nämlich gar nicht einrechnen, dass es noch einen ganz anderen Grund für die Regie gibt, einen Schauspieler nackt auf die Bühne zu schicken: Der Schauspieler spielt anders, sobald er nackt ist. Seine Professionalität wird erschüttert, Momente von Scham, Unsicherheit, Unkontrolliertheit brechen sich Bahn. Nacktheit ist damit keine inhaltliche, sondern eine schauspielpraktische Entscheidung, egal, da lässt sich nicht so gut drüber polemisieren. Vor drei Jahren habe ich den Schauspieler Christoph Franken interviewt, Franken, der übergewichtig ist und dennoch (oder gerade deswegen) häufig Nacktszenen spielt. In diesem Interview habe ich viel erfahren über die Besonderheiten der Bühnensituation, wie die Rampe einen Schutzraum markiert, in dem Schamgrenzen verschoben werden. Man könnte sagen: So etwas zu erfahren, das ist spannend. Um so etwas zu erfahren, muss man das Prinzip Nacktheit im Theater miterleben.
Aber wenn man sich auf dieser Ebene mit Theater beschäftigt, dann provoziert man natürlich nicht so tolle Leserbeiträge im Forum wie die Welt mit ihrem uninteressierten Geblöke: „Und dieser Schund wird mit unseren Steuergeldern subventioniert! Eine Unverschämtheit, wie man unser Geld vergeudet!“

Das Bild oben ist übrigens kein Beispiel für die Unsitten des heutigen Theaters. Sondern ein Theaterplakat, das in der Spielzeit 1989/90 in Ulm rumhing: Es warb für das Tanzstück „Frau im Exil“ von Philippe Talard, Fotos von Gert Weigelt. Vor 22 Jahren.

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2 Kommentare leave one →
  1. Thomas permalink
    22. September 2011 12:56

    In „Der Fall der Götter“ am Schauspielhaus Hamburg wird man ab 22. September 2011 den stark behaarten Schauspieler Samuel Weiß wieder im Adamskostüm bewundern können. Das Schauspielhaus wirbt mit einem Foto, auf dem alle Darsteller nackt (aber die entscheidenden Stellen verdeckt) abgebildet sind. Im Internet wurden jetzt unter picturesberlin.de Vorabfotos veröffentlicht, auf denen allerdings nur Samuel Weiß komplett nackt ist. Das Foto zeigt ihn von vorne, so dass seine Behaarung und sein Penis sehr gut zu sehen sind.

    • 23. September 2011 07:52

      Ah. Hm. Das war hier eigentlich nicht so gedacht, dass sich dieser Post zum Diskussionsforum für die Nacktauftritte unterschiedlicher Theatermimen entwickeln sollte, aber gut. Von der gestrigen Premiere kann ich berichten, dass Weiß nicht allein bleibt, nach einiger Zeit gesellt sich Ute Hannig zu ihm. Die Inszenierung lohnt aber vor allem aus anderen Gründen.

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