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Ich habe eine Geschichte mit Christiane Rösinger

13. Februar 2011

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

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2 Kommentare leave one →
  1. 13. Februar 2011 15:21

    Da stand sie in unförmigen Klamotten auf der Bühne, und hättest du meine Mutter da raufgestellt, hätte sie um einiges cooler ausgesehen als die Rösinger. Aber dann, ein, zwei Songs, und ich bin ihr, wie schon der Platte, hoffnungslos erlegen. Dazu der amüsiert lächelnde, grandiose Grantler Spechtl am Klavier, ach, es war einfach nur schön.

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