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Phantomschmerz

20. Februar 2011

Ich habe auch promoviert. Beziehungsweise, ich habe damit angefangen, ähnlich wie Herr von und zu Emporkömmlings, äh, Dingens, Guttenberg. Ich wusste nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen, nach dem Studium, Arbeitsplätze für examinierte Literaturwissenschaftler waren rar, außerdem hatte ich Lust, mich intensiv mit einem in erster Linie mich interessierenden Thema zu beschäftigen. Das Thema lautete „Körper/Schrift. Zur Ästhetik der Gewalt bei Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Valie Export und Ernst Jünger“. Ich habe Exposés geschrieben, eine Gliederung gemacht, die Gliederung wieder verworfen, Referate gehalten, Sekundärliteratur gelesen, bin vom Weg abgekommen und habe den Weg wieder gefunden. Nebenbei habe ich ein wenig journalistisch gearbeitet. Und weil ich Geld brauchte, und weil sich plötzlich doch noch eine Perspektive neben der brotlosen Wissenschaft auftat, habe ich immer mehr journalistisch gearbeitet. Irgendwann war ich in einer festen Anstellung, irgendwann war ich im Volontariat und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich wirklich noch weiter an dieser Doktorarbeit arbeiten wollte.
Ich entschied mich. Gegen die Promotion, das heißt, ich scheiterte. Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben. Technisch wäre es möglich gewesen, Petra Kohse, meine Ex-Praktikumsbetreuerin bei der taz, promovierte während ihrer Redakteurinnentätigkeit über Friedrich Luft, davor ziehe ich den Hut, ich aber traute es mir nicht zu. Meine Doktormutter reagierte ein wenig enttäuscht, riet mir aber zu: Gerade in der damaligen wirtschaftlichen Situation sei es wichtig gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen. Wirklich vermisst habe ich den Doktortitel nie, ein wenig spüre ich aber einen Phantomschmerz: Da fehlt etwas, da wurde etwas nicht zu Ende gebracht. Andererseits nehme ich auch etwas mit: die Erfahrung, dass man auch auf die Nase fallen kann, und trotzdem geht es irgendwie weiter, eigentlich immer. Nicht die schlimmste Erfahrung.

Karl Theodor zu Guttenberg, „KT“, wie ihn seine Fans nennen, hat auch promoviert. Der Verteidigungsminister dieses Landes ist Doktor der Rechte, mit der besten möglichen Note summe cum laude wurde er an der nicht unbedingt in der ersten Liga spielenden Universität Bayreuth prmoviert. Zu seiner Doktorarbeit gibt es eine ganze Menge Vorwürfe, von denen einer zumindest unstrittig ist: Guttenberg hat die Zitate in der Arbeit nicht ausreichend als solche kenntlich gemacht. Das sieht dann so aus, als ob fremde Formulierungen die eigenen seien, wenn so etwas Absicht ist, dann ist es ein Plagiat und damit strafbar, wenn es keine Ansicht ist, dann ist es schlampig (und es verbessert die wissenschaftliche Reputation der Uni Bayreuth nicht gerade, wenn schlampige wissenschaftliche Arbeit dort mit der Bestnote bewertet wird, aber egal). Der wissenschaftlich versierte Teil des Netzes auf jeden Fall schäumt, am eindeutigsten im GuttenPlag Wiki, wo in mühevoller Kleinarbeit nachgewiesen wird, an welcher Stelle Guttenberg welche Passage ohne korrekte Quellenangabe übernommen hat. Das ist löblich, womöglich wird die Arbeit der GuttenPlag-Kollegen dafür sorgen, dass Guttenberg einige unangenehme Fragen beantworten muss, womöglich hat das sogar zur Folge, dass der Verteidigungsminister offen legt, wer den Fehler denn tatsächlich gemacht haben könnte (der Spiegelfechter etwa mutmaßt schon ganz offen, dass wohl ein Ghostwriter die Doktorarbeit geschrieben haben dürfte). Aber wird es die politische Karriere Guttenbergs beenden? Wohl kaum.

Guttenberg verteidigt sich. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler (sic). Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Das mag stimmen. Es ist schwierig, eine Doktorarbeit zu schreiben, wenn man gleichzeitig Familie und Job hat, mehr noch: Es ist unmöglich. Nur: Warum lässt man es dann nicht bleiben? Der Doktortitel ist keine Voraussetzung für den Beruf des Verteidigungsministers, wenn er einem also dennoch so wichtig ist, dass man für ihn womöglich eine strafbare Handlung begeht, dann weist das auf ein zumindest etwas angeknakstes Selbstbewusstsein hin. Herr von und zu ist ein Gernegroß, soviel zur Psychologie. (Übrigens gab es schon einmal einen deutschen beziehungsweise österreichischen Gernegroß-Politiker, einen, der immer nur Anerkennung wollte und sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, einen Kunstmaler. Das nur zur Erinnerung, falls Von und zu demnächst planen sollte, Kanzler zu werden.)

Die Fans sehen aber nicht den Gernegroß, sie sehen nur den zukünftigen Kanzler, den KT, glänzend und erfolgreich und so ganz anders wie man sich den Deutschen als solchen immer vorstellt. Guttenbergs Haus-und-Hof-Blatt Bild etwa titelte am Samstag ganz unverblümt, wie „gut“ es des Verteidigungsministers Entscheidung findet, nicht zurückzutreten. Den GuttenPlag-Engagierten werfen die KT-Fans vor, Erbsenzähler zu sein, die die Größe dieses Politikers gar nicht erkennen könnten, und wenn man entgegnet, dass korrektes wissenschaftliches Arbeiten eben zum Teil darin bestünde, Erbsen zu zählen, hauen sie auf die Wissenschaft ein. „In manchen Berufen sollte der Doktor Titel ganz abgeschafft werden. In den Naturwissenschaften und der Medizin kann ich sowas ja nachvollziehen, aber was kann schon ein Jurist erschaffen, dass die Menschheit wissenstechnisch vorwärts bringt“, blökt „Gast“ in etwas eigenwilliger Rechtschreibung auf Welt Online, das Web ist voll von Meinungen aus der Richtung „Guttenberg hat zwar Mist gebaut, aber dazu hat ihn doch nur das System gezwungen, wenn man statt wissenschaftlich richtig arbeitet, dann zeigt man, was man kann, und richtig arbeiten kann KT!“ Wenn der Deutsche mal in Fahrt ist, dann holt er die antiintellektuelle Keule raus.

Und deswegen habe ich Angst davor, wo uns diese Affäre noch hinführt. Nicht auszudenken, wenn Guttenberg die Angriffe politisch überstehen würde.

2 Kommentare leave one →
  1. feliksdzerzhinsky permalink
    20. Februar 2011 19:19

    „Ich traute mir schlicht nicht zu, gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten und mich dennoch mit Haut und Haaren einer Dissertation zu verschreiben.“ – Genau, es ist der überragenden Intelligenz eines Herrn Dr. zu Guttenberg geschuldet, dass ER das eben mit seiben Pflichten als Abgeordneter und Familienvater vereinbaren konnte, und das, ohne sich ein einziges Mal zu verschreiben. Das gehört gewürdigt und mindestens mit der Kanzlerschaft belohnt, daher:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

Trackbacks

  1. Rechts, hässlich und fies « Bandschublade

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