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Dr Zoch kütt

2. März 2011

Ich will heute nicht nach Dortmund. Der Grund, weswegen ich trotzdem fahre, ist kein schöner Grund, vor allem aber ist er nicht aufschiebbar. Und deswegen fahre ich, werktags, mitten in der Woche, kurz vor Redaktionsschluss, ich habe mehrere kurze Texte zu schreiben, egal. Ich nehme das Notebook mit, ich schreibe im Zug, dreieinhalb Stunden hin, dreieinhalb zurück. Das wird, das muss werden.
Das wird nicht. Weil schon ab Hamburg eine Gruppe Pappnasen den Zug entert, klar, der Zug fährt nicht nur nach Dortmund, der fährt weiter nach Köln. Und in Köln wird ab morgen karnevalisiert, da kann man sich schon auf der Hinfahrt die Kante geben, um halb zehn, am Mittwoch. Man kann auch rumgrölen, Frauen auf den Arsch hauen, man kann einen Gettoblaster auf die Gepäckablage wuchten und Karnevalshits auf höchster Lautstärke durchs Abteil dröhnen lassen. Stört ja niemanden.
Einschub: Ich konnte mit Karneval noch nie etwas anfangen. Auch Fasnet war nicht meine Sache, Verkleidung und Besäufnis und das Tier rauslassen: Das war nichts für mich, selbst wenn ich auch meinen Bachtin gelesen habe, von wegen Umwertung der Werte, Karnevalisierung des Alltags. Fand ich gut und einleuchtend, trotzdem, für mich war das noch nie etwas. Aber ich akzeptiere den Kölner in seinem Vergnügen, soll er sich das Hirn wegfeiern, von mir aus. Angeblich versteht man den Reiz dieser Praxis ja schon in Leverkusen nicht mehr, wie soll ich dann in Hamburg da ein Verständnis für entwickeln? Ich akzeptiere das, ist mir recht. Einschub Ende.
Denn gerade muss ich arbeiten, ich brauche einen freien Kopf, ich brauche ein wenig Ruhe, kein Viva Colonia. Außerdem sind wir gerade mal in Hamburg-Harburg, da ist karnevaleskes Ausrasten nicht üblich, man muss sich doch seiner Umgebung anpassen, verdammt noch mal!

Freundliche Frage: „Entschuldigt, Jungs, ich versuche, zu arbeiten. Könntet ihr die Lautstärke ein wenig runter drehen?“

Ein Fiasko. Erst starren sie mich ungläubig an, feuchte Augen, grobporige Haut. Und dann lallt der erste: „Was willst du denn arbeiten? Im Zug?“ Der nächste, ein junger Typ, Mitte 20 vielleicht: „Bist du Zugbegleiter? Hier arbeiten nur Zugbegleiter!“ Sie lachen, sie lachen mich aus. Ich setze mich wieder hin, ich kann hier nicht weg, ich brauche den Netzanschluss, mein Akku würde höchstens 90 Minuten durchhalten. Nochmal Viva Colonia, dann ein Lied über eine Weltreise, dann ein Lied mit den Refrain „Köln ist der Nabel der Welt“, dann eines, bei dem eine zentrale Zeile „Ich hab‘ hier die Musik bestellt“ lautet, Gott, wie wahr! Und immer wieder brüllt einer, dass sie schon in Harburg die erste Beschwerde abbekommen haben. Ich tippe, irgendwie, ein Text, noch ein Text, das muss jetzt. Bremen, Osnabrück, Münster. Jemand brüllt: „Ist das eine Stehparty, hier?“ Es riecht süßlich.

Kurz vor Dortmund fahre ich den Rechner runter, packe zusammen. Jemand ruft: „Seid still, hier will einer arbeiten.“ Gelächter. Ich gehe zur Tür, „He, hiergeblieben, nicht aufhören, zu arbeiten!“ An der Tür drehe ich mich um: „Ihr Arschlöcher!“ Dann raus.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, ich schäme mich. Mir ist zum Heulen.

3 Kommentare leave one →
  1. 3. März 2011 11:30

    Wer aus unschönen Gründen wohin muss, wo er nicht hin möchte, und der dann über Stunden belästigt und ausgelacht wird, der darf auch Arschloch sagen, ohne sich schämen zu müssen. Echtma.

  2. 3. März 2011 21:07

    nee, bei so was ist scham nicht angebracht. jedenfalls nicht bei dir!

  3. 4. März 2011 08:46

    Merci. (Zum Heulen war mir auch aus anderen Gründen, aber von denen konntet ihr ja nichts wissen.)

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