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Drei kurze Geschichten vom Exzess

28. März 2011

Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich auf einem Junggesellenabschied. C. will heiraten, ich kenne C. flüchtig, aber A. ist eng mit ihm befreundet, und weil ich bei A. in Dortmund zu Besuch bin, fahre ich mit. Die Brüder von C.s Braut (die ich überhaupt nicht kenne) haben einen Abend organisiert, das heißt, wir treffen uns am Düsseldorfer Hauptbahnhof und spazieren in die Altstadt, vier Jungs, eine Frau. Eine Kneipe nach der anderen, Kneipen, so touristisch und gewöhnlich, dass ich nie einen Fuß in sie gesetzt hätte, wir trinken Altbier um Altbier, später dann eigenartige Schnäpse, wir lachen und wir sind wohl auch ein bisschen doof. Am frühen morgen nehmen A. und ich die erste S-Bahn zurück nach Dortmund, wir kichern, die Fahrt ist lang, ich überlege, ob es eine gute Idee wäre, sich in die Bahn zu übergeben, ich verwerfe die Idee, irgendwann zwischen Essen und Bochum schlafe ich ein. Ein schöner Abend.

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Junggesellenabschiede. Ich habe ja nie verstanden, was das soll, so: ein Abschied von einem Lebensabschnitt, bei dem man bewusst entschieden hat, dass er nichts mehr für einen wäre. Wenn man diesen Abschied so schlimm findet, dass man ihm biersatt hinterherweinen müsste, dann kapiere ich nicht, warum man ihn überhaupt aufgibt, aber vielleicht fehlt mir hier ja nur der Sinn für Tradition. Ich kapiere ja auch nicht, weswegen man als unverheirateter 30-Jähriger ausgerechnet den Rathausplatz fegen sollte.

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Wir sitzen in der Mutter, eine größere Gruppe. Es ist spät, es ist verraucht, wir rufen quer über den Tisch, was machst du am Wochenende? Kichern, Brüllen, wer will noch ein Bier? Wir unterhalten uns über: Sternzeichen, Wohnungseinrichtung, weswegen kleine Schwänze besser sind als große, wir sind unglaublich peinlich. Gegen halb drei reiße ich mich los, gerade noch rechtzeitig, ich radle durch St. Pauli, und als ich zu Hause ankomme, singt ein Vogel unterm Balkon ohrenbetäubend. Ein schöner Abend.

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Ich will nicht den abstinenten Moralisten raushängen lassen, aber irgendwo ist das schon eindeutig: Unter Alkohol wird man ganz klar unangenehm für seine Mitmenschen. Und gleichzeitig ist auch eindeutig: Unangenehm, das sind immer nu die anderen. Man selbst ist nicht unangenehm, man selbst ist auf eine möglicherweise etwas zu laute Weise gelöst. Knackpunkt.

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Die schöne, kluge Frau und ich nutzen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres und fahren am späten Sonntagvormittag zur Strandperle. Und schon auf der Fähre fallen sie uns auf, vier rotgesichtige Jungs, eine Tusse auf hohen Absätzen, einer brüllt. Ihr Fotzen! Kaum schaffen sie es vom Fähranleger ans Ufer, sie torkeln, einer hängt sich an die Tusse, einer brüllt, ihr Fotzen!, einer starrt übers Geländer ins Brackwasser, seine Augen sind weit aus den Höhlen vorgetreten. Sie haben etwas rotes über die Gesichter geschmiert, zuerst denke, dass das Blut ist, aber anscheinend ist es eher Lippenstift, der Breiteste von den Vieren trägt ein Shirt, auf das ungelenk „S. + A. – Schluss mit lustig“ gekritzelt ist. Schluss mit lustig. Auf dem Strandweg überholen wir die Gruppe, ich habe ein wenig Angst vor ihnen. Als wir an der Strandperle angekommen sind, schnappen sich die schöne, kluge Frau und ich einen Tisch im Sand und zwei Kaffee und beobachten, wie sie uns nachfolgen. Nach zehn Minuten haben sie uns erreicht, aber sie bleiben nicht stehen, sie stolpern einfach weiter, still, mit leerem Blick, elbabwärts. In eine Richtung, in der eigentlich nichts mehr kommt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube: Der Abend war nicht wirklich schön.

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2 Kommentare leave one →
  1. 29. März 2011 12:45

    Tja, wir waren wohl wirklich peinlich. Aber waren wir unangenehm peinlich? Ich glaube, wir waren witzig peinlich. Zumindest hat Herr Fischer sich seither wieder hingetraut, das ist ein gutes Zeichen. Und vergiss ruhig zu erwähnen, dass du es sexistisch findest, wenn jemand normale Größen bevorzugt ;)

    • 29. März 2011 13:27

      Die Größenfrage soll hier ja nicht primär das Thema sein … Aber ernsthaft: Natürlich fand ich uns witzig peinlich. Die Frage ist nur, was der Rest der Menschheit fand, ich meine, vielleicht fanden sich die Rotgesichter am Elbstrand ja auch witzig?

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