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Verehrte Zelebritäten

31. März 2011

Er kann ja nichts dafür. Wahrscheinlich interessiert sich Rainer Langhans tatsächlich für die Ausstellung seiner Weggefährtinnen Gisela Getty und Jutta Winkelmann. Man kann es ihm nicht verdenken, dass er sich eine Ausstellung anschaut, die eine Geschichte erzählt, welche in Teilen auch die eigene Geschichte ist. Es ist okay, dass Rainer Langhans heute abend in den Hamburger Deichtorhallen ist, allein, es hilft nichts: Wenn man sich den 70-Jährigen Zausel anschaut, dann denkt man weniger an 1968 und mehr an RTL.

Man weiß ja, was einen erwartet. Die feierliche Eröffnung der Triennale der Photographie ist natürlich keine kleine, sperrige Ausstellung in einer Altonaer Hinterhofgalerie (solche Ausstellungen mag es auch geben während dieses groß angelegten Fotofestivals, nur eben nicht zum Start), es ist eine große, massentaugliche Ausstellung im größten Ausstellungshaus der Triennale, den Deichtorhallen. Nein, tatsächlich sind es zwei kleinere Kabinettausstellungen: „The Twins“, teils sehr slicke Fashionfotografien, teils hübsch beiläufige Polaroids der Kasseler Zwillingsschwestern Getty und Winkelmann, die in den frühen Siebzigern zu It-Girls der internationalen Mode-Kunst-Politszene avancierten und die uns die Schau als Vorläuferinnen des heutigen Stylefeminismus einer Charlotte Roche verkaufen möchte. „Eine Geschichte von zwei Mädchen, die loszogen, sich selbst zu befreien und die Liebe in die Welt zu bringen“, wie Ausstellungsmacher Ingo Taubhorn in leicht schwülstiger Kuratorenprosa schwärmt. Und im gegenüberliegenden Kabinett eine Collage zur Warhol-Muse Joe Dallesandro, wobei vor allem überrascht, wie perfekt sich die queeren Inszenierungen Dallesandros in die grausige Ausstellung „Männerbilder“ im Zentrum der südlichen Deichtorhalle einpassen.

Das ist wohl der erschreckendste Moment dieses Abends: Als man kapiert, wie gut das alles zusammenpasst in eine Ästhetik der Schmerzvermeidung, in eine Ästhetik des schönen Bildes. Egal ob die Zwillingsschwestern als Zeitdokument rezipiert werden, Dallesandro in atemberaubender Schönheit Geschlechteridentitäten dekonstruiert oder Starfotografen die ewig gleichen Macherfressen Brad Pitt, Barack Obama oder George Clooney als Männlichkeitsikonen reproduzieren – es passt alles. Das muss so. Und das geht ja auch in Ordnung, zur Eröffnung. Weswegen die letzte Rede auch kein Kunstkenner halten darf, sondern ein Dampfplauderer, der ehemalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek. Der dann auch wunschgemäß den dicken Max gibt und den Blick wieder zurück lenkt auf Langhans, schade, fast hatten wir ihn vergessen.

Die Fotografen springen auf und knipsen: Langhans, Witzfigur der 68er, Held des Dschungels. Ein wenig tut er einem leid, wie er da missgelaunt steht und weiß, er ist nur noch ein Abziehbild. Man selbst ist erst einen Moment unschlüssig, dann knipst man auch, ein echter Promi ist ja auch viel interessanter als diese ganze Kunst hier, nicht wahr? (Das ist eine Provokation, natürlich ist jedes einzelne Bild in diesem Raum interessanter als Langhans.) Und dann erinnert man sich an die einführenden Worte der neuen, von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow mit heftigen Vorschusslorbeeren bedachten Kultursenatorin Barbara Kisseler: „Verehrte Kultfiguren, verehrte Zelebritäten …“ Eine Kunstpause folgt, in der die gebürtige Rheinländerin mit neuhanseatischer Contenance ihren Abscheu im Zaum hält: „… und die, die sich dafür halten.“ Der Applaus, der in diesem Moment aufbrandet, zeigt, dass auch das Publikum gemerkt hat: Hier ist gerade etwas ins Rutschen geraten, hier steht plötzlich nicht mehr die Kunst im Mittelpunkt, nein, die Kunst steht nicht einmal mehr gut sichtbar an der Seite, die Kunst ist plötzlich ganz unwichtig geworden, verschwunden hinter Langhans und dem Promiverständnis des Privatfernsehens.
Und dass das plötzlich gar nicht mehr gutgefunden wird, das ist die gute Nachricht dieses Abends.

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7 Kommentare leave one →
  1. 1. April 2011 06:57

    Ich habe es leider gestern Abend nicht mehr geschafft, zur Eröffnung der Triennale in die Deichtorhallen zu kommen und die anwesenden verehrten Zelebritäten life und in Farbe zu sehen.

    Danke für diesen lebendigen, persönlichen Eindruck der Eröffnungsveranstaltung!

    Viele Grüße
    Christina Leitow

  2. 1. April 2011 07:34

    Da nich‘ für. Nach dem gestrigen Abend nehme ich ohnehin an, dass die wirklich interessanten Ausstellungen eher in der Peripherie der Triennale zu finden sein dürften – da gibt es also noch einiges zu entdecken.

  3. 1. April 2011 11:59

    Danke für den lebendigen Eindruck, den du schilderst. Ich hätte so gern dazu ein paar Fotos gesehen von den ausgestellten Bildern, damit ich das, was du schreibst, besser nachvollziehen und mir daraus mein eigenes Bild basteln kann.
    Nenn‘ mich ruhig Kunstbanause, aber ich weiß nicht wie die Fotos der Langhans-Harems-Damen oder der Warhol-Muse aussehen.
    Ein Wort ist mir entgegen gehüpft: „Stylefeminismus“ – wäre interessant zu lesen, was du damit meinst (Frau Roche wohnt zwar in meiner Nachbarschaft. Ihr Buch habe ich dennoch nicht gelesen).
    Liebe Grüße vom Rhein an die Elbe
    mayarosa

    • 1. April 2011 12:23

      Ja, ich habe mich auch gefragt, ob das okay ist – Langhans ablichten aber die Kunst nicht? Übernimmt man damit nicht womöglich die Promibegeisterung, die man ja eigentlich blöd findet? Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob meine Entscheidung die richtige war.

      Mit „Stylefeminismus“ meine ich einen Feminismus, der sich vor allem als Szenebewegung versteht und damit auch irgendwo einen Hippsterbonus abgreift, sich gleichzeitig aber politisch wirkungslos macht, weil er als Modeerscheinung abgetan wird. Winkelmann und Getty waren beispielsweise als ästhetische Erscheinung perfekt konsumierbar für den männlichen Blick und politisch damit auch ziemlich harmlos, mit einem kratzbürstigen Feminismus, wie ihn z.B. Elfriede Jelinek oder Valie Export repräsentieren, hatte das kaum noch etwas zu tun. Den Brückenschlag zu Roche habe nicht ich gemacht, sondern der Kurator, vielleicht hätte ich da deutlicher werden sollen.

      Zu Getty/Winkelmann: http://www.deichtorhallen.de/702.html
      Zu Dallesandro: http://www.deichtorhallen.de/691.html

  4. 1. April 2011 13:32

    Danke für die Links. Wenigstens zwei Bilder waren dabei.
    Hm. Zur Stilweiblichkeit. Hm. Ich habe zwar eine dezidierte Meinung zum Thema Gleichberechtigung samt politisch-gesellschaftlicher Dimension. Und bin kein Fan von der Roche. Ob sich aber etwas politisch-gesellschaftlich manifestiert oder als Eintagsfliege morgen der Schnee von gestern ist und kaum Spuren hinterlässt … kann man das immer so einfach heute schon entscheiden?

  5. 1. April 2011 19:52

    Ich weiß nicht genau, ob es das Zauselhafte von Langhans und generell die Sichtweise auf ihn relativiert oder gar revidiert, wenn man sich vor Augen führt, dass er nicht 60 ist, wie im Text angegeben, sondern bereits – und das auch nur noch zweieinhalb Monate lang – 70.

    • 1. April 2011 21:15

      Und das mir! Alles nur, weil ich das Mathestudium so gedankenlos abgebrochen habe! … Aber: Dankeschön, erledigt. Ein Zausel ist der Herr aber immer noch. Und welcher 70-Jährige kann das schon von sich sagen?

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