Skip to content

Mit interessanten Menschen reden

12. April 2011

André Müller ist gestorben, 65-jährig, am Dreckskrebs. Und obwohl ich Müller nie kennengelernt habe, ist das ein Stich. Weil ich ihn eben doch kennengelernt habe, irgendwie. André Müller war ein Journalist, der in seinen Texten immer mit offenem Visier arbeitete, sich angreifbar machte, einen an seinen Ängsten teilhaben ließ. Und trotzdem Journalismus nie als Nabelschau missverstehen wollte. André Müller war ein Interviewer, wahrscheinlich der beste Interviewer, den diese oft als minderwertig geschmähte journalistische Form anzubieten hatte. André Müller war großartig.

Warum mache ich das, warum führe ich Interviews? Vor fast einem Jahr habe ich schon einmal ein paar Gedanken zu diesem Thema formuliert, hauptsächlich hielt ich mich dabei bei dem Gegensatz zwischen einem Interview und einem echten Gespräch auf, nicht falsch, was ich da dachte, bloß: Eine Anwort auf die Frage oben ist es eigentlich nicht. Eine Antwort wäre, dass ich beim Interviewen Leuten begegne, die ich interessant finde. Und dass ich mit diesen Leuten Themen bespreche, die sie ebenfalls interessant finden. Und dabei machte ich einige tolle Erfahrungen, das ist die Antwort.
(Was jetzt folgt sind ein paar Selbstverlinkungen, das ist nicht besonders elegant, muss aber wohl sein, zur Verdeutlichung.) Es war toll, mich mit den Theatermachern Hygiene Heute treffen zu dürfen, lange bevor sie als Rimini Protokoll bekannt wurden (dass die taz meinen Text damals unter dem Namen des Regisseurs Falk Richter statt unter meinem abdruckte, ärgerte mich damals ein wenig, heute weiß ich, dass das Fehler sind, die im Redaktionsalltag eben passieren). Es war toll, die Schauspielerin Julia Jentsch ein wenig anschwärmen zu dürfen. Ich war beseelt, mich mit dem Künstlerpaar Gilbert & George über Religion erst streiten und dann doch auf einer Wellenlänge wissen zu dürfen. Und es war klasse, die weitgehend unbekannte Malerin Heide Nord aus ihrer Reserve locken zu können.
Auffallend allerdings, bei all meinen Texten: Die Basis sind Interviews, am Ende schreibe ich aber nicht die Illusion eines Gesprächs nieder, sondern einen Fließtext. Wahrscheinlich kann ich das nicht so gut: Das, was mich in diesem Moment bewegt, das, was mich eigentlich an meinem Gesprächspartner interessiert, in meinen Fragen formulieren. Wahrscheinlich benötige ich genau für dieses Moment des Interesses noch den erlösenden, erklärenden Satz. Den Satz, der im Gespräch selbst eben nicht fällt.
Denn darum geht es: um Interesse. Ein Interview funktioniert nur auf der Basis, dass man interessiert ist an dem, was das Gegenüber sagt. Man sollte sein Manuskript vergessen, damit man individuell auf seinen Partner reagieren kann, man sollte Augenkontakt halten, man sollte sofort verstehen, was das eben Gesagte mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und darauf dann die Folgefrage stellen, die jetzt einzig richtige. Ich scheine das nicht zu können.

André Müller, der konnte das. 2000 sprach Müller für den Tagesspiegel mit Jörg Haider, ein harter Brocken, an dem die meisten scheiterten, am spektakulärsten Erich Böhme in seiner Fernsehshow Talk in Berlin (erster von neun Teilen, die folgenden Teile sind rechts verlinkt). Müller geht ganz klassisch vor, konfrontiert den österreichischen Rechtspopulisten zunächst mit einigen kontroversen Zitaten, Provokationen, auf die der professionell abgefuckt reagiert. Und dann dreht der Interviewer das Gespräch plötzlich, wird persönlich bis zur Schmerzgrenze.

Warum sprechen Sie von „Nichtstuern im Süden“? Warum benutzen Sie diese Worte? Was ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Vielleicht fällt es Ihnen leichter, wenn ich sage: einer, der dem Müßiggang frönt, einer, der keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht.

Das ist ein Nichtstuer?

HAIDER: Ja.

Dann bin ich einer.

HAIDER: Das kann schon sein. Unter Journalisten gibt es mehrere solche.

Vielleicht ist Denken schon Tun. Das kann doch auch nützlich sein.

HAIDER: Ja gut, okay. Aber Sie müssen ja nicht unbedingt in einem System leben, wo man das subventioniert. Bei mir würden Sie nicht subventioniert. Die EU fördert Betrügereien, indem Leute, ohne daß sie was tun, also obwohl sie zum Beispiel keine Oliven anbauen, durch betrügerische Antragsstellung und Fälschung von Dokumenten zu ihrem Geld kommen.

Betrogen hab ich noch keinen.

HAIDER: Na gut, solange Sie niemandem zur Last fallen…

Offenbar falle ich jetzt Ihnen zur Last.

HAIDER: Mir gehen Sie höchstens auf die Nerven.

Müller macht hier etwas, was man als Journalist eigentlich nicht darf: Er spricht von sich. Und wie er von sich spricht, entlarvt er Haider in seinen Antworten, ganz hart, ganz klar. Das funktioniert nur, weil er sich ohne Einschränkungen dafür interessiert, was Haider da sagt.
Und weil wir solche Interviews in Zukunft nicht mehr lesen dürfen, deswegen ist der Tod von André Müller solch ein schmerzhafter Verlust.

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. 13. April 2011 04:31

    Großartig, die Passage aus dem Haider-Interview… dieses lust- und stilvolle Grenzverletzen, um sie – die Grenze – noch deutlicher zu ziehen… famos.

    • 13. April 2011 07:57

      Nicht wahr? Das muss man erstmal so hinbekommen. Vor allem, weil Müller die Unsitte des Autorisierenlassens nicht mitmachte. Da ist nichts hinterher geglättet, aufgehübscht, in eine souveräne Form gebracht. Das ist schlichtes, nacktes, unheimilch gut beherrschtes Autorenhandwerk.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: