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Lisa Hagmeister, bekleidet

16. April 2011

Vorbemerkung: Die mit Abstand meisten Google-Anfragen, die auf meinem kleinen Kulturblog landen, lauten „lisa hagmeister nackt“. Das überrascht, weil ich immer der Meinung war, dass der Markt für solche Informationen doch wohl eher übersichtlich sein dürfte. Es beleidigt auch ein wenig, weil nie jemand nach „falk schreiber nackt“ sucht, aber vielleicht kommt das noch, irgendwann. Und es enttäuscht die einsamen Surfer, weil man hier tatsächlich nirgendwo Nacktfotos von irgendjemandem findet, am allerwenigsten von Lisa Hagmeister, dafür aber seitenlange Beschreibungen von irgendwelchen Theateraufführungen. Egal.

Gestern sah ich Lisa Hagmeister. Lisa Hagmeister, 32 Jahre alt, gebürtige Berlinerin, Schauspielerin am Hamburger Thalia Theater. Gastierte bei der regelmäßigen Talkshow Thalia Actors Studio in der (uneingeschränkt empfehlenswerten) Theaterbar Zentrale, bei der nach und nach das gesamte Ensemble von den Schauspielern Tilo Werner und Gabriela Maria Schmeide besungen, umschwärmt und interviewt wird. (Schmeide war gestern abend nicht dabei, weil sie in der Ukraine dreht, wurde dann aber per Skype aus wodkaseliger Runde auf der Krim zugeschaltet, was beinahe charmanter war als die gesamte Restshow … Aber das gehört jetzt eigentlich nicht hierher.)
Auf jeden Fall sang Tilo Werner „Lucy in the sky with diamonds“, und auf dem Sofa neben ihm lümmelte Lisa Hagmeister, in hohen Stiefeln, Leggings, ultrakurzen Shorts und einem Shirt, das ihr immer wieder aufs reizvollste mal von der einen, mal von der anderen Schulter rutschte, meine Güte, ist Lisa Hagmeister schön! Die ebenfalls schöne, außerdem aber auch noch kluge und leider erkältete Frau an meiner Seite lästerte derweil, dass solche Frauen ihr schon immer auf den Keks gegangen seien, mit ihren Piepsstimmchen, ihrer Mädchenmasche und ihrer Schutzbedürftigkeit, immer ein Haar im Mund, immer eine Schulter unbedeckt, aber die schöne, kluge, erkältete Frau war im Unrecht. Weil Lisa Hagmeister nämlich gar nicht auf der Mädchenmasche fährt, dazu ist sie zu dünn, zu jungenhaft und auch zu vorlaut, polterig, krächzend. Zu Berlinerisch, wenn man so will. Vielmehr wirkte Hagmeister, als ob sie eher ein Bier aus der Flasche mit einem trinken würde als einen Weißwein, und so etwas ist definitiv nicht mädchenhaft. (Just als mir diese Beschreibung eingefallen war, fiel mein Blick übrigens auf das Glas in ihrer Hand. Es enthielt Weißwein.)
Jedenfalls plauderte Tilo Werner, es ging um Hagmeisters Kindheit als irgendwie bürgerliches aber doch auch irgendwie 68er-Ärztekind, es ging darum, ein Einzelkind zu sein, es ging um Schauspielschule, Theaterkarriere, Berlin und Hamburg und ein wenig auch um Düsseldorf, wo Hagmeister ihr erstes Engagement hatte. Es ging darum, als Einzelkind in einem atheistischen Elternhaus aufzuwachsen und so eine überraschend überzeugte Religiosität zu entwickeln, Mitglied einer katholischen Pfadfindergruppe zu werden und sich als Teenager taufen zu lassen, und plötzlich kapierte ich, weswegen ich Hagmeister so sehr mochte: Die lebte ja mein Leben!
Das war alles nett und kaum schmerzhaft und unglaublich sympathisch, ganz anders als Interviews, wie ich sie führe, wo es nach tagelanger Vorbereitung dann um Themen geht wie: „Ist Bildungsbürgertum als Konzept denn nicht vollkommen von gestern?“ „In Europa denkt man bei afrikanischem Theater als erstes an seine kultischen Ursprünge im religiösen Ritual.“ „Gibt es überhaupt eine heute entstehende Kunst, die wirklich museumsfähig ist?“ Nichts davon, Schmeide und Werner fragten: „Warst du eigentlich gut in der Schule?“ Und Hagmeister antwortete, dass sie ein durchaus autoritätshöriges Kind gewesen sei, das war spannend, und hinterher hatte man den Eindruck, tatsächlich etwas über diese Künstlerin erfahren zu haben. (Sollte ich zukünftig meine Interviews womöglich auch so führen? Kein religiöses Ritual mehr, nur noch: „Warst du gut in der Schule?“, und der Interviewpartner redet interessanten Kram? Wäre toll, da müsste ich mich auch nicht mehr individuell auf meine Interviews vorbereiten, nein?)

Und dann der Abend, immer weiter. Werner und Hagmeister singen noch ein Lied. Und noch eins. Schauen Dias. Schauen einen Film, „Die kleine Meerjungfrau“, keine Ahnung, irgendsowas. Aus der Kulisse schwänzelt eine hinreißende Burlesque-Meerjungfrau, trinkt Wein und krault Hagmeister die Haare. (Sagte ich schon etwas zu den Haaren? Ganz wunderbar, hochgesteckt, aber nicht ordentlich, eine Art Vogelnest aber gleichzeitig geordnet hübsch und unglaublich durcheinander.) Und plötzlich spricht Hagmeister über die Zusammenarbeit mit verschiedenen Regisseuren, mit Andreas Kriegenburg etwa oder mit Nicolas Stemann. Und da deutet sie an, dass sie zum stärker sinnlich arbeitenden Kriegenburg leichter einen Draht gefunden hätte als zu Stemann, dessen Theater scheint ihr zu postmodern, zu intellektuell zu sein, und, Mist, das tut mir ein bisschen weh, eigentlich sehe ich das doch genau umgekehrt. Und dann fährt sie sich durch die Haare und lässt ihr Shirt über die Schulter gleiten, und alles ist wieder gut.

Für die besonderen Connaisseure, die auch diesen Blogeintrag wieder mit „lisa hagmeister nackt“-Anfragen fluten werden, habe ich übrigens einen Tipp: Geht ins Theater, Tickets sind günstig! Ich verrate nicht, in welchem Stück sich Hagmeister auszieht, so blöde bin ich nicht, aber es gibt einige. Schaut sie einfach alle durch, schaden kann’s nicht, womöglich gefällt es euch sogar. Es lohnt sich.

5 Kommentare leave one →
  1. 16. April 2011 15:53

    In Gunnhild Øyehaugs „Ich wär gern wie ich bin“ (sic! Ohne Komma! Argh!) schreibt eine Figur eine ganze Magisterarbeit oder sowas über Frauen in Filmen und Büchern, die zu große Herrenhemden tragen, die ihnen immer über die ein oder andere Schulter fallen. Genau, mit Mädchenhaftigkeit und zur Schau getragener Schutzbedürftigkeit und sowas hat das bestimmt gar nichts zu tun. Dü gübt’s ja hür nüch.

  2. 16. April 2011 15:55

    (Disclaimer: ich kenne diese Frau Hagmeister gar nicht.)

    • 17. April 2011 08:53

      … was sich ja durchaus ändern ließe. Wie gesagt, meiner Meinung nach würde es sich lohnen.

  3. 19. April 2011 18:18

    Ist sie denn hübsch, bzw lohnt sich die Nackheit-Neugier an dieser Stelle?

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