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Kennst du den Faust? Den Doktor?

25. April 2011

Nach sieben Jahren noch einmal angeschaut: Jan Bosses „Faust“ am Deutschen Schauspielhaus, diese epochale Inszenierung aus der letzten Spielzeit von Intendant Tom Stromberg, diese Inszenierung, die dem Hamburger Publikum ins Gesicht brüllte, wie sträflich es Stromberg missachtete und Strombergs Nachfolger Friedrich Schirmer keine Chance ließ. Nach sieben Jahren festgestellt: Die Inszenierung funktioniert immer noch, in ihrer Glätte und ihrem Witz und ihrem unausgegorenen Charme. Die Inszenierung macht immer noch ihre bösen, billigen, sehr guten Scherze auf Schirmers Kosten, die jetzt, nach dem Rücktritt des Intendanten leider ins Leere zielen. Die Inszenierung muss leider eine Umbesetzung hinnehmen, das Gretchen wird nicht mehr von der wunderbaren Maja Schöne gespielt (die mittlerweile nämlich im Ensemble des benachbarten Thalia Theaters ist, und ein Gastengagement bei der lokalen Konkurrenz, das scheint nicht zu gehen), sondern von Julia Nachtmann aus dem Schauspielhaus-Ensemble, die ich nicht mag. Was aber nicht so schlimm ist, weil sich Bosses Inszenierung verhältnismäßig wenig fürs Gretchen interessiert.

Denn Goethes „Faust“, das ist ja nicht ein einziges Stück, das sind drei Stücke, mindestens. Die Gretchentragödie, die sich auf den historisch verbürgten Fall der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt bezieht. Die Gelehrtentragödie, die mit ironischen Spitzen die Biografie des Magiers Johann Faust nachzeichnet. Und nicht zuletzt das philosophisch unterfütterte Verhältnis Fausts zu Mephisto, den man sich als eine Art bösen Geist aus der mittleren Führungsebene der Hölle vorstellen muss. Bosse auf jeden Fall konzentriert sich auf Mephisto, was schon dadurch deutlich wird, dass er den mit Joachim Meyerhoff besetzt, dem zurzeit wahrscheinlich raumgreifendsten Theaterschauspieler. Das ist okay, aber nicht zwingend notwendig – dieses Stück lässt einem extrem viel Raum, worauf man sein Augenmerk richtet. Und das ist es auch, was „Faust“ so spannend macht.
Denn: „Faust“ ist eben kein monolithischer Block, nicht das Standardwerk deutscher Klassik, als das dieses Stück immer wieder bezeichnet wird. „Faust“ ist schon bei Goethe ein Flickenteppich, der danach schreit, ständig mit neuen Flicken ausgebessert zu werden. „Faust“ ist nicht einmal wirklich deutsch, und auch die romantische Mittelalterkulisse ist Dekor, das schon von Goethe immer wieder mit zeitgenössischen Elementen angereichert wird. Es gibt ganz wenige Ortsangaben, Leipzig, den Brocken, Padua, dazu kommt noch die historische Figur Faust, die wahrscheinlich im Badischen lebte – das alles ist ein unzusammenhängendes Sammelsurium, nichts passt, und am Ende passt alles. Schön, eigentlich.
Wer „Faust“ als urdeutsche Geschichte von rechts vereinnahmen möchte, der muss sich alleine auf die Gelehrtentragödie beschränken und dabei auch die ganze Ironie dieses Textes ignorieren: dann hat man den grübelnden Denker, den sein Gegrübel am Ende in Teufels Küche bringt. Kann man, natürlich, führt nur nirgendwo richtig hin. Für alle anderen tritt dann ein Faust auf die Bühne, der an sich zweifelt, der Humor hat, der spöttelt, der nicht zuletzt Atheist ist und außerdem ein durchweg unsicheres moralisches Fundament beackert. Wenn das der Urdeutsche ist, dann will ich gar nichts gegen die Deutschen haben.

„Faust“, das ist ein Stück Bricolage-Deutschland. Ein postmodernes, postmigrantisches, europäisches Theaterdeutschland, fest geformt und an allen Ecken und Enden auseinanderstrebend. Ein Kanon, der seit sieben Jahren im Spielplan des Schauspielhauses steht, immer passend, gutes Theater, tut nicht weh. Und im Publikum sitzt die tolle Sibel Kekilli, die ganz genau weiß, dass dieses Deutschland vieles ist, nur nicht definiert, und plötzlich kapiert man, dass das immer noch aktuell ist: diese Inszenierung, diese Stadt, dieses Stück, 2011.

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