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Die Diktatur der Meinung braucht keine Kunst

7. Mai 2011

Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.

11 Kommentare leave one →
  1. 7. Mai 2011 12:22

    naja, der Spruch von Meese, der einerseits auf „die Diktatur des Proletariats“ anspielt, andererseits auf: „Bild Dir Deine Meinung“ , wirkt auf mich hilflos „moechte-gern-witzig“. Kann aber leider nicht.

    Zumindest ich finde diesen Spruch ziemlich verkrampft. Vielleicht merkt man ihm an, dass Jonathan Meese seinen Auftritt fuer die Bild im Grunde selber peinlich findet und verzweifelt nach einer Loesung sucht aus dieser Blamage herauszukommen ohne das Gesicht zu verlieren…?

    Gut, das er sich wenigstens freiwillig und kostenlos blamiert! So kann man ihm nicht vorwerfen kaeuflich zu sein…

    • 7. Mai 2011 12:59

      Verkrampft, sicher. Wobei der Begriff „Diktatur der Kunst“ ja immer wieder bei Meese auftaucht, der ist lange vor der Bild-Kampagne entstanden. Die Beweggründe Meeses, hier mitzumachen, kann ich nicht nachvollziehen, ich weiß auch nicht, ob es ihm peinlich ist. Was mich aber wirklich schockiert: dass ihm niemand, kein Freund, kein Berater, kein Galerist sagt „Pass mal auf, das mit der Bild lassen wir besser, das ist dann doch des Guten zuviel.“

  2. 7. Mai 2011 13:20

    Vielleicht muss er ja gar nicht aufpassen. Die Welt ist inzwischen so wirr geworden, dass sich die Menschen allmaehlich an solche Ungereimtheiten gewoehnen. ?

    Ich fuer meine Person zumindest kann sagen, dass ich schon mit grossen Widerspruechlichkeiten konfrontiert wurde. Es hat sich dabei uebrigens nicht immer nur um Oberflaechlichkeit und Unwahrhaftigkeit gehandelt. Aber oft leider schon.

  3. 7. Mai 2011 13:23

    Meese verhaelt sich eigentlich fast ein bischen so wie man es sonst vorallem von Politikern gewohnt ist.

  4. 8. Mai 2011 07:06

    Ich mache meine Haltung mal ganz deutlich: Ich bin ja ein Fan von Borussia M’Gladbach. Da gibt es eine „Initiative Borussia“, die den Vorstand stürzen und die gegenwärtige Vereinssatzung ändern will – angeführt von Stefan Effenberg, Gastkommentator bei Sky. Wenn Effenberg und seine Kamarilla mit ihrem Unterfangen Erfolg haben, kann mir Borussia gestohlen bleiben. Warum? Diese Initiative wird massiv gestützt von Sky, Bild und Sport 1. Wer sich mit Bild einlässt – UND NUN KOMME ICH ZU MEESE -, hat eine bewusste Entscheidung getroffen. Und die kann und darf ihm dann auch peinlich sein. Wer für Bild wirbt, gehört zu dem, was ich – im Brustton der überzeugten Empörung ;-) – PACK nenne. Meeses Kunst verwandelt sich augenblicklich in Schaum…

  5. 8. Mai 2011 11:41

    @MondoPrinte

    Deine Konsequenz gefaellt mir.

  6. tarares permalink
    10. Mai 2011 15:38

    fiel mir auch auf vor 4 Tagen in der FAZ. Hab´s mir ausgeschnitten (besser: ich hab mir die ganzseitige Anzeige abgerissen) und an die Wand gehängt. (Das BILDdireineMeinung ist im Verhältnis viel kleiner als auf dem Plakat) jetzt habe ich ein Stück Kunst an der Wand und irgendwie ist es auch ein Abschied von Meese, „überkommuniziert“, so sagt man das wohl. Schade. Ich hab mal – da war der wohl noch eher unbekannt – im TV was über eine Ausstellung mit einem Physiker oder Astrophysiker oder so gesehen, unspektakulär, irgendwo in Wedel möglw,. ist schon ´ne Weile her. Das fand ich wunderbar, beide zeigten ihre Sachen, gaben irgendwelchen vollkommen sinnfreien Erklärungen ab und redeten maximal aneinander vorbei – den Rest habe ich, mal wieder, verpasst.

    • 10. Mai 2011 16:27

      Hm, Meese gemeinsam mit einem Physiker in Wedel? 2003 gab es einmal eine Ausstellung der Sammlung Reinking im Ernst-Barlach-Haus, und da dürfte was von Meese dabei gewesen sein, aber nichts genaues weiß ich nicht.

      Aber: Glückwunsch zur Meesekunst an der Wand, auch wenn das nun leider alles andere als ein Einzelstück ist.

  7. simone permalink
    13. Mai 2011 16:36

    Meese ist konsequent und untergrabend. Er hat alles richtig gemacht auch und insbesondere mit dieser Werbung. Er benutzt bestehende Systeme und dadurch, dass er den Satz, der normal in seinen Manifesten und Reden auch immer auftaucht, nämlich „Die Diktatur der Kunst braucht/hat keine Meinung“ für eine Zeitung benutzt, die (leider!) meinungsgebend ist in Deutschland, zeigt, dass er cool ist und der Axel Springer Verlag leider nicht. Für die normalen Leser ist Meese wahrscheinlich ein Unbekannter und alle anderen müssten diese Untergrabung doch checken?!.. ich erfreue mich jeden Tag daran. Haltestelle Katzbachstraße. Geil.

  8. Lolita de Sade permalink
    15. Januar 2012 11:34

    Späte Saalmeldung: Dr. Johnny ist erzradikalst konsequent. Schließlich muss die Diktatur der Kunst mit allen Mitteln propagiert werden. Die größte Zeitung Europas dafür geilst zu vergewaltigen, ist somit eine kunstdiktatorisch-propagandistische Notwendigkeit. Ebenso gehört die „Überkommunikation“ zur unwählbaren Bestimmung einer Ameise der Kunst. Wer das nicht versteht, ist mickrigstselbstverwirklichungsfanatischer Demokrat und vom Lolitatum Erzmeilen entfernt.

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