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Nationalistic, but in a nice way

16. Mai 2011

„You should come to Oslo next week“, sagt die nette Frau vor der Bar in Grünerløkka. „Next week we are celebrating our national holiday.“ Wir mögen das gar nicht so sehr, Nationalfeiertage, aber wir wollen freundlich bleiben, also fragen wir nach, was denn so passiert, beim Nationalfeiertag. Es gibt Umzüge, die Bevölkerung trägt Trachten aus ihren Heimatregionen, am Abend wird getrunken, sehr viel getrunken. „Seems like carnival in Germany“, macht B. einen Witz, die Frau versteht, was er meint, und sie versteht, dass sie hier etwas gerade rücken sollte. „No, it’s not like carnival, it’s … Well, it’s nationalistic, but in a nice way.“ Die Frau ist nett, sie möchte nicht, dass man ihren Nationalfeiertag zum Witz macht, aber sie weiß auch, dass man als Deutscher mit der Wortsilbe „National-“ etwas anderes verbinden könnte als als Norwegerin. Also, der Nationalfeiertag in Oslo ist zwar Nationalismus, aber eben netter Nationalismus.

Und am Folgetag macht unser aller Bundeslena einen akzeptablen zehnten Platz beim Eurovision Song Contest auf heimischem Boden, also, in Düsseldorf. Lena gut zu finden, das ist so ein Beispiel für netten Nationalismus. Schreibt Jan Feddersen im Spiegel, bloggt Stefan Niggemeier (der ansonsten gemeinsam mit Lukas Heinser ein wunderbares Videoblog namens Duslog führte), schwärmt Mirjam Hauck auf süddeutsche.de. Nein, Lena, die darf man gut finden, auch wenn man allem Deutschen sonst mit einer gesunden Skepsis gegenüber tritt. Weil Lena, die hat nichts vom hässlichen Deutschland, die ist (halbwegs) cool, die singt englisch, selbstbewussten, internationalen Pop, der niemandem etwas beweisen muss und der vor allem nicht unbedingt einen ersten Platz machen muss. Oder?

Und dann fahren wir am Folgetag durch die Nacht, entlang der dänischen Küste. Das ist das Dänemark, das vor ein paar Tagen seine Grenzen geschlossen hat, vor lauter Angst vor illegalen Einwanderern. Das ist alles gar nicht lustig, plötzlich, war doch das freie Reisen einer der wenigen Vorteile, die die EU im Alltagsleben mit sich brachte, die Wirklichkeit gewordene Utopie des möglichen Internationalismus, Grenzen überschreiten ohne Formalitäten, Im Ausland sich bewegen wie ein Fisch im Wasser, womöglich: Knutschen mit Norwegerinnen. Vorbei.
Und dann schreibt der geschätzte Matthias Dell im Freitag eine Kritik über einen heillos harmlosen Fernsehkrimi, Dell verreißt gewohnt klug, weil es hier doch arg wohlmeinend um Migrationsströme geht, und schon der zehnte Kommentar (von einem gewissen „hkoerner“) weiß ganz toll (und, wenigstens das, ziemlich ungenau, Rechte sind manchmal einfach doch so blöde, wie man es erwartet) mit Literaturhinweisen zu protzen, wie man das Thema Migration auch angehen könnte:

Wenn man verfolgt, wie sich Radio Bremen nun schon seit Jahren tapfer weigert, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, die nun einmal nicht in Flüchtlingsmorden durch BRD-Gesetzeshüter besteht, sondern gerade in Bremen durch umkippende Stadtteile und kriminelle Gangs wie den Miri-Clan gekennzeichnet ist, dann kann man über dieses sozialpädagogische Machwerk von präsenilen 68ern und ihren Erziehungsprodukten nur müde und leicht angewidert den Kopf schütteln. Nicht umsonst weist die PISA-Studie für Bremen das mieseste Ergebnis aus.

Wer zudem Jean Raspeils (sic!) politisch inkorrektes aber durchaus visionionäres „Heerlager der Heiligen“ gelesen hat, würde Frau Postel und ihren Trupp von Realitätsverweigerern rasch wiedererkennen.

Klingt doch gut, oder? Mal davon abgesehen, dass das der Autor erstens Jean Raspail heißt und sein 1973 erschienener Roman „Le Camp des Saints“ ein rechtsradikales Machwerk sondergleichen ist, in dem die Menschheit vor allem deswegen untergeht, weil einem alles vernichtenden Schwarm von Elendsflüchtlingen nicht nachdrücklich genug Einhalt geboten wird, ein Roman, der in der Bundesrepublik im einschlägigen Grabert-Verlag erscheint. Darf man trotzdem zitieren, wenn es nur gegen die Political Correctness geht, das liebste Feindbild alter wie neuer Konservativer sowie angeblicher Querdenker. Ach, all diese Deppen, die glauben, wir hätten 1529 statt 2011, die Türken stünden vor Wien und Europa werfe sich der drohenden Zwangsislamisierung freudig in die Arme.

Netter Nationalismus. Mich schüttelt es, und bevor ich für Lena juble, höre ich doch lieber mal wieder Knarf Rellöms „Arme kleine Deutsche“: „Ich wollte mal sagen, endlich haben wir Deutschen wieder ein positives Verhältnis zu unserem eigenen Land und zum Patriotismus.“ – „Ich muss sagen, ich fand die Verkrampfung schöner.“

5 Kommentare leave one →
  1. 17. Mai 2011 19:19

    Mir gefiel der Tatort vom Sonntag gut. Traurig war er, weil er der Realität im Mittelmeer vermutlich viel näher kommt, als wir es in unserem schicken Deutschland wahrhaben wollen.
    Vielleicht darf ich auch einen kleinen Literaturtipp hierlassen, aus Dänemark bzw. von einer Dänin: Janne Teller. Krieg. Stell dir vor, er wäre hier.
    Die Übersetzungen werden jeweils an die soziokulturellen Gegebenheiten des Landes angepasst.

    • 18. Mai 2011 08:38

      Das Thema war sicher gut und wichtig. Nicht, weil hier die Frage gestellt wurde, wie es nun eigentlich im Mittelmeer zugeht, sondern weil die Geisteshaltung hinter Frontex deutlich wurde: dass wir mittlerweile in einer Gesellschaft leben, die Migration nur noch als Bedrohung sehen kann, gegen die man sich schützen muss. Die Umsetzung als Sonntagabendkrimi fand ich hingegen … bieder.

      • 18. Mai 2011 12:42

        Okay. Was genau meinst du mit „bieder“ in diesem Zusammenhang?

  2. 18. Mai 2011 14:14

    Die Inszenierung der Mutter-Tochter-Beziehung. Das Verhandeln von politischen Fragen in Schubladen. Das Overacting beim Posttraumatischen Belastungssyndrom … Ich finde, das kann man differenzierter machen, auch am Sonntagabend. Aber eigentlich ging es in meinem Post ja nur am Rande um den Tatort.

  3. 18. Mai 2011 17:41

    immer wieder schön, wenn menschen ähnliche ansichten haben. in diesem fall sogar die gleichen!

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