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Was hat dich bloß so ruiniert?

22. Mai 2011

Als ich 1993 an die Uni Gießen wechselte, entwickelten dort ein paar junge Theaterstudentinnen gerade ihre erste gemeinsame Performance „Sesam, Sex und Salmonellen“. Die sah ich zwar noch nicht, aber im Laufe des Studiums begegnete ich Johanna Freiburg, Mieke Matzke und Ilia Papatheodorou immer wieder, auf der Theaterwissenschaftler-Probebühne, auf dem Campus, manchmal in literaturwissenschaftlichen Seminaren, die die Theaterleute in Stichproben besuchen mussten und dabei mit der leichten, schönen Arroganz des Künstlers auf uns Wissenschaftsspießer hinabsahen. 1997 gab es beim studentischen Festival Theatermaschine dann „West End Girls“, eine Daily Soap, die das WG-Leben dreier Theaterstudentinnen in der Gießener Weststadt zum Thema hatte. Ich war geflasht: Mein Leben! Soapfähig! Inclusive Liebeshändel, Berufsunsicherheiten, Geldproblemen! Kurz darauf tauchten Freiburg, Matzke, Papatheodorou, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen und Berit Stumpf in Berlin auf, unter dem Namen She She Pop.
Die „West End Girls“ wurden noch einmal zitiert, in dem schönen Jugendverluststück „The things that I used to do (I ain’t gonna do them no more)“, das ich im damaligen Theater am Halleschen Ufer in Berlin (heute HAU 2) sah, auch ein Problematisieren meines eigenen Lebens in der Großstadt, ohne genau zu wissen, was ich da eigentlich sollte. Und von da an waren She She Pop eigentlich immer an meiner Seite: Sie zogen Jugoslawienkriegskritisch als Modeschau durch den Volksbühnen-Prater („She She Pop: En Vogue“, 1999), sie scheiterten ganz grauenhaft mit einem Hightechstück bei kollabierendem Hightech vor „Ausziehen! Ausziehen!“ brüllendem Prollpublikum auf einer Gießener Parkplatzbrache („Das Feld der Verklärung“, 2000), sie zeigten Karrierestrategien als Spielshow („Live!“, 2001), sie wussten nichts wirklich mit ihrer Szenenregie bei Schnitzlers „Reigen“ am Hamburger Schauspielhaus anzufangen („1/10 Reigen“, 2001), sie zerpflückten auf gnadenlos exhibitionistische Weise theatrale Strukturen („Bad“, 2002), Gruppendynamik („What’s wrong (it’s okay)“, 2003) und soziale Konventionen („Warum tanzt ihr nicht?“, 2004). Ich entwickelte mich weiter, She She Pop entwickelten sich weiter, ich stellte mir neue Fragen, She She Pop stellten sich die gleichen Fragen, irgendwie waren sie immer da, irgendwie begleiteten sie mich. Ich nahm ihnen einzelne schwächere Arbeiten nicht übel („Die Relevanz Show“ ließ mich 2007 recht kalt), ich nahm ihnen nicht übel, als sie 2002 für „Homestory“ das Konzept des Frauenkollektivs aufbrachen und mit Sebastian Bark einen männlichen Performer in die Gruppe ließen, ich freute mich für sie, dass sie letzte Woche mit „Testament“ zum Theatertreffen eingeladen wurden und damit endlich voll akzeptiert waren vom Establishment, auch wenn sie auf diese Akzeptanz eigentlich nie Wert legten. She She Pop war die Kunst, mit der ich alt werden würde.

Und jetzt: „7 Schwestern“ auf Kampnagel, eine Paraphrase von Tschechows „Drei Schwestern“, das vor kurzem am Thalia werkgetreu Überdruss verbreitete (hier geht es zur sehr schönen Besprechung von Mat­thias Schu­mann). Menschen werden 40 (und sind trotzdem immer noch so jung wie schön), schauen auf ihr Leben und wissen, dass da doch einmal noch etwas war, das erreicht werden wollte und das wohl nicht mehr erreicht werden wird. Nach Moskau, nach Moskau! Und irgendwie macht das schon Angst: Wie schaffen es She She Pop, sich immer genau die Fragen zu stellen, die ich mir mehr oder weniger gleichzeitig stelle?
Natürlich landen She She Pop ziemlich schnell bei der existenziellen Fourtysomething-Frage: Kinder? Einige der Performerinnen haben welche, andere nicht, und nahtlos schließt sich an: Was hat dich bloß so ruiniert? Was ist aus dem Ideal geworden, das System aus den Angeln zu heben oder zumindest den eigenen Körper, was ist aus den Drogen geworden und dem unübersichtlichen Sexualleben? Und heißt, die Nacht zum Tage zu machen, in erster Linie, das kranke Kind in den Schlaf zu singen? Und was macht das aus dem feministischen Theaterkollektiv, dieses Älterwerden, dieses Downsettling?
„7 Schwestern“ endet mit einem Video, in dem Sebastian Bark die Brut seiner heterosexuellen Theatergenossinnen in die Nacht schickt: weggehen sollen sie, bloß nicht wiederkommen. „Und wenn euch jemand fragt, wo ihr hinwollt, dann sagt ihr: raus aus dem System.“ Vielleicht schaffens sie es ja, diese kleinen Zwerge, die da jetzt durch die Barmbeker Nacht irren, Richtung Osten, nach Moskau, wahrscheinlich schaffen sie es aber nicht, raus aus dem System, genauso wenig wie die Theatertreffen-geadelten She She Pop. Ach!

She She Pop machen Theater, das irgendwo mein Leben ist. Und natürlich muss es da noch anderes Theater geben, klar, macht mich ja auch glücklich. Mein Leben, das ist gar nicht so wichtig. Außerdem: Für das, was mein Leben ist, für mein dummes, eigenes Empfinden habe ich ja in diesem netten, kleinen Blog die Ablage „Cat Content“. Und trotzdem: Jedesmal, wenn ein neues She She Pop-Stück auf den Markt kommt, freue ich mich.

Das Foto stammt von der Kampnagel-Pressestelle und trägt den Copyrightvermerk „Krieg“. Ich weiße noch daraufhin, dass ich für das (noch bis Monatsende aktuelle) uMag ein langes Interview mit Ilia Papatheodorou geführt habe.

Edit: Ich habe den Beitrag an einer unscheinbaren, wenngleich zentralen Stelle verändert. Weswegen eure Kommentare, liebe Mayarosa, liebe Isabo, plötzlich ein wenig unvermittelt in der Luft hingen. Deswegen habe ich mich entschieden, die Kommentare zu löschen. Das geht nicht gegen euch, ich freue mich über eure Rückmeldung – aber eine Diskussion ohne echten Diksussionsgegenstand ist irgendwie doof. Tschuldigung.

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