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Was mache ich hier eigentlich?

27. Mai 2011

Eine Mail einer Leserin: „Wäre mal interessant zu lesen, wie du die Qualität eines Blogbeitrages definierst.“ Wäre das interessant? Qualitätsfragen waren noch nie das, was mich wirklich flashte, Handwerk war für mich immer schon eine technokratische Kategorie. (Früher wahrscheinlich noch mehr als heute. Heute schätze ich es durchaus, wenn der Zahnarzt, der gerade meine Wurzel durchbohrt, sein Handwerk versteht. Aber wie sieht handwerkliche Qualität beim Künstler aus? Beim Journalisten? Beim Autor? Beim Blogger?)
Und doch: habe ich vergangene Woche einen Post erst offline gestellt und dann in veränderter Form wieder hergestellt. Weil ich nicht mehr mit ihm zufrieden war, weil es in diesem Post Passagen gab, die ich nach Überschlafen nicht mehr lesen wollte. Weil mir die Qualität des Posts augenscheinlich nicht mehr ausreichte. Also gibt es die Qualitätsdiskussion durchaus. Sie führt zu der Frage: Was ist das hier eigentlich, dieses Blog, diese Bandschublade?

Also. Die Bandschublade ist ein journalistisches Angebot. Mehr oder weniger ein Feuilleton, das sich mit dem Leben in der Großstadt auseinander setzt, und zwar auf Basis dessen, was die Stadt von der Provinz unterscheidet: dem Kulturangebot. Das Angenehme am Feuilletons ist, dass es zwar zum Journalismus zählt aber nicht den strengsten journalistischen Regeln unterliegt – die Grenze zwischen Bericht und Kommentar ist aufgeweicht, es gibt kein Objektivitätsgebot, bei der Frage nach der persönlichen Involviertheit des Autors ist man nicht päpstlicher als der Papst. Ansonsten bleibt ein Feuilleton Journalismus, grob gesagt muss das, was im Feuilleton steht, stimmen. Die Bandschublade ist keine Literatur, ich sauge mir nichts aus den Fingern. (Die Bandschublade ist auch in einer anderen Hinsicht keine Literatur, und zwar dort, wo es um den Einsatz von Sprache als Form geht. Die hat sich nämlich dem Inhalt unterzuordnen, in der Bandschublade sollte es um Themen gehen und nicht um Sprachgewichse. Schöne Sätze sollen meinetwegen andere Blogger aneinander reihen.)
Die Bandschublade ist radikal subjektiv. Wenn ich über eine Vernissage schreibe, dann immer unter der Prämisse: Was hat dieses kulturelle Event mit mir zu tun? Es geht nicht darum, da gewesen zu sein, es geht nicht darum, etwas zu einem Künstler gesagt zu haben, über den gerade alle sprechen. Mit diesem Ansatz läuft man natürlich Gefahr, sich selbst zu wichtig zu nehmen, nur noch im eigenen Saft zu schmoren, lustige Katzenvideos zu posten. Ich aber bin gar nicht interessant, die Bandschublade ist (meistens) kein Cat Content – das „Ich“, das hier vorkommt (und das ganz uneigentlich tatsächlich ich bin, Zahnwart, Falk Schreiber) ist nur ein Platzhalter. Für das Leben in der Stadt.
Und schließlich ist die Bandschublade gut erzogen. Ich will niemandem weh tun. Nur manchmal passiert das zwangsläufig, schlicht, weil ich mich hier exponiere, sehr schutzlos, dass sich Menschen aus meinem Umfeld wiedererkennen. Und dann verletzt sind, weil ich sie zu genau wiedergegeben habe. Oder zu ungenau. Oder schlampig war. Oder zu ehrlich. Egal, verletzen soll das hier niemanden. (Und davon abgesehen gibt es im Journalismus zu Recht ziemlich strenge Persönlichkeitsrechte, die die Bandschublade nicht verletzen will, nein, gar nicht verletzen darf.)

Wenn ein Blog so aussieht, wie ich es hier oben beschreibe, doch, dann ist es ein gutes Blog.

In meinem Brotberuf durchläuft jeder Text mehrere Instanzen, bevor er publiziert wird. Das ist nervtötend, das ist (aus journalistischer Sicht) gut so, das verhindert auch nicht, dass manchmal Ungenauigkeiten, Falsches, Übertriebenes veröffentlicht wird, und mein Name steht hinterher drunter. Passiert.
Im Blog gibt es solche Instanzen nicht, ich schreibe einen Text, lese ihn nochmal durch und drücke auf „Publizieren“, fertig. „Ist es nicht gerade das Reizvolle, das Besondere an Blogs/Social Media, dass sie persönlicher und unvermittelter kommunizieren als das, womit uns Redaktionen, PR- und Marketingabteilungen auf allen Kanälen zuballern?“ fragt die Leserin oben. Vielleicht, ich habe da meine Zweifel. Ich glaube: Menschen machen Fehler, ich mache Fehler. Ich verletze ständig die Regeln, die ich oben für die Bandschublade aufgestellt habe. Und dann hat die Bandschublade nicht mehr die Qualität, die ich mir bei einem Blog wünsche. (Ha! Qualitätsdiskussion geführt, Gotcha!) Das Schöne am Web: Man kann nachbessern, was einmal publiziert wurde, ist nicht auf ewig in Stein gemeißelt.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein Blog, das die oben genannten Kriterien über weite Strecken erfüllt und seit kurzem auch bei den Empfehlungen des Hauses dabei ist: Melancholie Modeste. Davon ab: Fehler zu machen und Qualitätskriterien zu verpassen, das ist kein Problem. Im DIY-Kosmos der Blogs ist das das Salz in der Suppe.

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