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Tahiti

19. Juni 2011

Nach dem Abitur wählte ich meinen Studienort nach dem Ausschlussverfahren. Entgegen kam mir, dass man Theaterwissenschaften damals ohnehin nur an einer Handvoll Unis studieren konnte, die reduzierten sich von selbst. Hamburg: zu weit weg von der Heimatstadt. München: zu nah an der Heimatstadt. Erlangen: zu klein. Berlin: zu groß. Bayreuth: zuviel Wagner. Köln: zuviel Pappnasen. Gießen: Ich hatte weder Ahnung, wo das lag, noch, was mich dort für Menschen erwarten würden.
Übrig blieb: Bochum. Und im Hintergrund sang Herbert Grönemeyer ein altes, dummes Lied.

Jeder hat Sehnsuchtsorte. Manchmal sind diese Orte Klischees, Tahiti, New York, Paris, Venedig. Bei Tschechows „Drei Schwestern“ ist es Moskau. Und ich habe den Sehnsuchtsort Ruhrgebiet. Ich bin ein Kleinstadtkind, wahrscheinlich begeisterte mich deswegen immer schon schiere urbane Größe, und über fünf Millionen Einwohner, das war im Vergleich zu den gerade mal 100000 meiner Heimatstadt doch eine ziemlich gewaltige Hausnummer (ich nahm das Ruhrgebiet immer als eine einzige Großstadt wahr, ignorierte, dass Dortmunder nichts mit Bochumern zu tun haben wollten, Bochumer nichts mit Essenern und Essener nichts mit Duisburgern). Außerdem war ich immer schon begeistert von Industrie, und Industrie hatten sie dort durchaus, nahm ich an (zumindest solange der Strukturwandel nicht voll durchschlug). Und schließlich litt ich unter dem Baden-Württembergischen Konservatismus, zu dem ich im sozialdemokratischen Pott ein Gegenbild sah, im Grunde meines Herzens sehe ich das sogar heute noch so. Diese Begeisterung fürs Ruhrgebiet ist relativiert, verschwunden ist sie nicht. Mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich kurz hinter Lünen den ersten Förderturm sehe.

Ich studierte nicht in Bochum. Tatsächlich landete ich erst in Tübingen und dann in der Stadt ohne Eigenschaften, in Gießen, ich blieb dem Kleinstädtischen treu. Der Hesse sagt: „Mr waas ned, wofür es gud is'“, man weiß es nicht. A. auf jeden Fall zog nach Dortmund, immer wieder war ich daraufhin im Ruhrgebiet, immer wieder war ich begeistert, vom Urbanen, vom Dreckigen, vn den rußschwarzen Fassadaden. Ich schaute Fußball, ich ging ins Bochumer Schauspielhaus, ich kickerte und rauchte und trank, und frühmorgens fiel ich in frühe Straßenbahnen. Das Ruhrgebiet blieb mein Tahiti.

Tatsächlich habe ich nie wirklich im Ruhrgebiet gewohnt, sieht man einmal von einem Monat theoretischer Journalistenausbildung in Hagen ab. Ich war nur immer wieder dort, in dieser eigenartig provinziellen Riesenstadt, in dieser Industrieregion mit von Besuch zu Besuch weniger Industrie, in diesem fußballverrückten Vorort, der gar kein Vorort war, sondern tatsächlich die Stadt, die man schon verlassen hatte, als man noch dachte, man fährt gerade erst rein. Ich fuhr ins Ruhrgebiet und war glücklich, mein Sehnsuchtsort. Werde ich vermissen, das alles.

One Comment leave one →
  1. 30. Juni 2011 08:22

    Man kann auf die erfolge der Kulturhauptstadt verweisen darauf dass die Stadte heute besser zusammenarbeiten als vor zehn Jahren und dass das Ruhrgebiet noch immer unter einem Strukturwandel leidet..Alles richtig doch was nutzt es? und wer zieht in einer Region die von sich sagt Wir strukturwandeln uns noch immer und brauchen Hilfe?

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