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Im Steinbruch

4. Juli 2011

Wie das klappen konnte, ist mir auch heute noch nicht klar. Also, wie der Wachmann uns am Eingang zum Museumspark abpassen konnte und informieren, dass der Park leider geschlossen sei: „Gehen sie rein, schauen sie sich um, und wenn sie fertig sind, dann klettern sie einfach über den Zaun.“ Und dann schloss er das Tor hinter uns, keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Wir haben 1999, und S. möchte einen Artikel schreiben: über einen Kunstparcours, der im Museumspark Rüdersdorf aufgebaut ist. Rüdersdorf ist eine Ortschaft am östlichen Stadtrand Berlins, und der Museumspark ist ein ehemaliger Kalksteinbruch mit der entsprechenden Verarbeitungsindustrie, der zum Großteil in den 60er Jahren aufgegeben wurde. Ein riesiges Gelände, teilweise von der Natur überwuchert, Kalköfen und Lagerhallen und Steinbrüche, unübersichtlich und wild, damals zumindest noch, Ende der Neunziger. Die Kunst ist, das merken wir schnell, nicht der Rede wert. Aber das Gelände ist großartig. Wir steigen über einen Zaun, schlagen uns durch ein Gestrüpp, klettern ein paar Meter auf ein bedenklich wackelndes Stahlgerüst, bekommen dann aber Angst und klettern wieder runter, hauen uns durch eine weitere Hecke und stehen an der Abbruchkante.
Es ist großartig. Vor uns geht es in die Tiefe, ein paar Pfützen, irgendwo ein Teich, weit drüben, auf einer Anhöhe: ein paar Autos. Schrottkisten, Geländemotorräder, wir hören Musikfetzen, Onkelz, würd‘ ich sagen. Wir kriegen uns nicht mehr ein, brauchen ein paar Minuten, um uns loszureißen, an den Schachtöfen vorbei, an einem Tunnel, der anscheinend einen Kanal zur Spree darstellt, zu einer Halle. Einer riesigen Halle, alles ist hier riesig, alles ist leer und einsam. Und nichts ist abgesperrt. Drinnen: eine Leiter, die auf ein Gerüst führt, unterm Dach. Wir klettern rauf und gehen ein paar Meter, das ist nicht gefährlich, es gibt ja ein Geländer. Ja? Plötzlich erscheint uns das Geländer nicht mehr wirklich Vertrauen erweckend, langsam, ganz langsam drehen wir uns um, Gott, ist das eng hier oben, ganz langsam setzen wir einen Fuß vor den anderen, zurück zur Leiter. Keine Ahnung, wie wir das überlebt haben.

Keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Ich war seither nicht mehr in Rüdersdorf. Aber ich glaube, das Gelände wiederzuerkennen, im Video zu „Easy Leasing Superstar“ von Le Hammond Inferno, auch schon über zehn Jahre her:

Es gibt solche Orte nicht mehr, nicht in Deutschland. Ferropolis in Sachsen-Anhalt: eine Eventlocation. Der Landschaftspark Duisburg-Nord: ein Spielplatz. Der ehemalige Brauturm der Dortmunder Union-Brauerei, das Dortmunder U: ein Kreativzentrum. Die gefluteten Tagebaue in Sachsen: ein Naherholungsgebiet namens Leipziger Neuseenland. Das ist alles gut, ich möchte das Museum am Ostwall nicht missen, auch dass der Museumspark Rüdersdorf mittlerweile mit Sicherheit professionalisiert arbeitet, dass mit Sicherheit niemand mehr unbeaufsicht aufs Gelände darf ist eine gute Sache. Wie gesagt, ich wundere mich immer noch, dass wir diesen Ausflug überlebt haben, und ich bin mir sicher, hätten sie so weiter gemacht, dann wäre irgendwann einmal jemand in einen ungesicherten Schacht gestürzt.
Und trotzdem bin ich traurig, und trotzdem fehlt mir jetzt etwas.
Mir fehlen die ungesicherten Orte. Industrieruinen, Abbruchhäuser, Urwälder. Einen Hauch dieses Ungesicherten spüre ich noch, jedes Jahr im August, beim Dockville-Festival in Hamburg-Wilhelmsburg. Musik hörend, zwischen aufgelassenen Hafenbecken, verlassenen Conatinerstellplätzen, runtergekommenen Lagerhallen. Aber jedes Jahr spüre ich weniger Zauber, jedes Jahr ist die Gegend aufgeräumter, jedes Jahr hat sich die Internationale Bauausstellung weiter vorgewagt, auf die Elbinsel Wilhelmsburg, auf diesen vergessenen Flecken Hamburg, der langsam aber sicher markiert wird, gesichert, eventisiert.

Das ist nicht schlimm. Aber etwas fehlt mir.

One Comment leave one →
  1. 5. Juli 2011 13:40

    Ja, Hamburg ist in mancher Hinsicht ziemlich aufgeräumt. Aber gerade im Ruhrgebiet ist es nicht besser, fürchte ich (naja, vielleicht ein wenig. Die Grundstücke im Ruhrgebiet lassen sich nicht so leicht kapitalisieren wie in Hamburg, Strukturwandel eben). Danke für den Link nach Itzehoe, die dortige Fabrik schaute ich mir auch schon einmal sehnsüchtig aus der Ferne an … Und jetzt isses zu spät, da mal reinzugehen.

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