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Fragmente, Fragmente

16. Juli 2011

In Hamburg, der sozial homogensten Stadt der Republik, hat sich das Abendblatt, die wagnisscheuendste Tageszeitung der Republik, mal etwas richtig Mutiges getraut. Und nicht etwa ein Regierungsmitglied interviewt, sondern die Fraktionsvorsitzenden der zwei kleinsten in der Bürgerschaft vertretenen Parteien: die frohsinnsfaschistoide Katja Suding (FDP, 6,7 Prozent) und die immer ein wenig verkniffen wirkende Dora Heyenn (Linke, 6,4 Prozent). Und dieses Streitgespräch (meine Leser wissen, wie man die Springersche Bezahlschranke umgeht, oder?) ist zwar inhaltlich nichtssagend, in kleinen Details aber so spannend, dass ich daraus zitieren möchte:

Heyenn: (…) Die meisten Studierenden kommen aus wohlhabenden Familien. Durch die Einführung der Studiengebühren hat sich die soziale Struktur an den Universitäten so stark verschoben, dass wir kaum noch Arbeiterkinder an den Unis haben. Studiengebühren schrecken ab. Daher müssen sie weg. Bildung muss für jeden zugänglich sein.
Suding: Sie ist für jeden zugänglich …
Heyenn: Nein, ist sie nicht …
Suding: Wenn ich es nicht schaffe, nach dem Studium einen Job zu finden, der mich in die Lage versetzt, die Studiengebühren zurückzuzahlen, dann muss ich es (sic!) auch nicht zurückzahlen.
Heyenn: Wovon träumen Sie? Wissen Sie eigentlich, wie es den Uni-Absolventen geht? Die müssen ein Praktikum nach dem anderen machen, die haben prekäre Beschäftigungsverhältnisse, viele gehen ins Ausland. Die haben nicht die Auswahl an tollen Jobs.
Suding: Die Arbeitslosenzahlen sinken, wir steuern auf einen massiven Fachkräftemangel zu, junge Menschen werden schon an den Unis mit Arbeitsverträgen geködert. Die Leute werden alle irgendwelche Jobs bekommen.

Diese Passage ist deswegen so spannend, weil beide Seiten von ihrer Warte aus Recht haben. Und weil sie Recht haben, können sie ab diesem Punkt auch nicht mehr aufeinander zugehen: Soll Suding etwa eingestehen, ja, das marktwirtschaftliche System ist zutiefst ungerecht, wir müssen da etwas ändern? Und darauf nicht sofort aus ihrer marktradikalen Partei austreten? Soll Heyenn eingestehen, ja, der Wirtschaft scheint es aus irgendwelchen Gründen besser zu gehen, am Besten, wir vertrauen in solch einer Situation auf die Marktkräfte, sehen die Uniabsolventen in „irgendwelchen Jobs“ (Suding) unterkommen und vergessen bis auf weiteres das (um ehrlich zu sein: letzte) linke Ziel der Emanzipation des Menschengeschlechts.
So langweilig sich dieses „Streitgespräch“ liest, so deutlich wird: Da sind zwei, die streiten gar nicht. Da sind zwei, die haben sich einfach nichts zu sagen.

Ich fürchte, das wird so weiter gehen. Auf lange Sicht wird man sich immer weniger zu sagen haben, Politik wird immer weniger ein Geschäft des Ausgleichs, eine Suche nach Kompromissen sein. (Wie sollte ein Kompromiss zwischen Suding und Heyenn aussehen? Und würde man sich den überhaupt wünschen?) Die Gesellschaft wird sich viel stärker fragmentieren als sie es heute schon ist, irgendwann gibt es nur noch beim Fußballgucken eine Einheit, bald nicht mal mehr da. Und das parlamentarische System beinhaltet nicht mehr den Austausch von Argumenten. Wahlen sind dann ausschließlich dazu da, die Gesellschaft in Gruppen aufzuteilen; bei Wahlen wird definiert, welche Gruppe die andere unterdrücken darf.

Und dann wird es blutig.

3 Kommentare leave one →
  1. 17. Juli 2011 15:49

    Interessantes Thema.
    Die FDP finde ich zum Abgewöhnen. Trotzdem halte ich Studiengebühren – die sich in einem gewissen vernünftigen Rahmen halten – für okay. Wenn nicht sogar notwendig. Natürlich immer unter der Voraussetzung, dass diese Gebühren einzig und allein den Unis zufließen a) – und b) die benötigten Kredite für die Studierenden zinslos sind.

    Ich kenne selber so einige Kandidaten, die zig Jahre „studiert“ haben. Soll heißen: bis zu zehn Jahre (!) alle Vorteile des Studentenstatus nutzten, ohne am Ende irgendeinen Abschluß zu machen. Das dürfte jetzt nicht mehr so häufig vorkommen.
    Ein anderer Effekt ist, dass die Ausbildung dadurch einen zusätzlichen, greifbaren „Wert“ bekommt.

  2. 18. Juli 2011 18:04

    das stimmt zum teil. mein studium wäre nicht so befriedigend verlaufen, hätte ich studiengebühren zahlen müssen. allerdings kann man sich wirklich die frage stellen, weswegen die allgemeinheit für meine befriedigung bezahlen sollte. andererseits: weswegen nicht? für elbphilharmonie, atomforschung und bundeswehr wird auch gezahlt.

  3. 19. Juli 2011 10:27

    Ob man die Studiengebühren wirklich mit der Elbphilharmonie gleichsetzen will? (Oder kann?)
    Ich weiß es nicht.
    Wollte halt nur zu Bedenken geben, dass vorher viele Studenten studierten, weil sie sonst nix Besseres mit sich anzufangen wußten. Nicht, weil sie ein Ziel hatten. Auch das passierte auf Kosten der Allgemeinheit.

    Naja, andererseits hat jede Medaille, wie wir wissen, immer zwei Seiten.
    Und Politiker, nun, die dienen fast immer nur einem Zweck: der Selbsterhaltung.

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