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Dis wo ich herkomm‘

10. August 2011

Ich mag Thees Uhlmann einfach nicht.

Früher habe ich dieses Nichtmögen damit erklärt, dass mir Uhlmanns Band Tomte immer zu konventionell war, also zu rockistisch, zu maskulin, zu muckerhaft. (Stimmt ja alles, aber da gibt es natürlich Schlimmeres. Viel Schlimmeres. Und selbst das höre ich.) Aber, nein, ich mag Thees Uhlmann vor allem aus einem Grund nicht: Der ist wie ich. Also, der hat eine ganz ähnliche Geschichte wie ich, und damit meine ich jetzt nicht das frühe Studienziel, Deutschlehrer werden zu wollen. Sowohl Thees Uhlmann als auch ich kommen von dort, wo nicht primär die Musik spielt: er vom Dorf, ich aus der kleinen Großstadt. Aber während ich da immer fort wollte, während ich mich immer distanzierte, stellte Uhlmann immer klar, dass er (trotz zeitweilig Berliner Wohnsitz) der Junge aus dem niedersächsischen Hemmoor, irgendwo in der Einöde zwischen Cuxhaven und Bremervörde, geblieben ist. (Das Fiese daran ist, dass er ja recht hat: „Du kriegst den Jungen aus dem Dorf aber nicht das Dorf aus dem Jungen“, trotz Jahrzehnten in der Ferne bekomme ich den schwäbischen Zungenschlag nicht los, trotz aller Distanzierung geht es in diesem Blog, ja, wahrscheinlich in all meiner journalistischen Arbeit, immer nur um mein Nicht-Loslassenkönnen von den Spielplätzen meiner Jugend. Womöglich macht das sogar die Spannung dieses Blogs aus: das Scheitern an der Distanzierung. Und eben auch die Lust am Scheitern.)
Ich mag Thees Uhlmann nicht, und das liegt an diesem offensiven Betonen der Herkunft. Diesem: Ich bin was Besseres, weil, ich bin am Boden geblieben, und der Boden ist der sandige Boden Niedersachsens. Das kommt bei mir unglaublich arrogant rüber, so arrogant, wie Uhlmann wahrscheinlich in Hemmoor gilt, der Studierte, der Antibürgerliche, der Rocker, der Sensible. Wenn mein Studium zu etwas gut war, dann zur Distanzierung von Ulm, wenn der Lebenslauf Uhlmanns zu etwas gut war, dann zur Distinktion innerhalb Hemmoors. Das ist mir fremd. Und ich bin neidisch, weil ich doch weiß, Typen wie Uhlmann kommen immer leichter durchs Leben wie ich. Ich mag ihn nicht.

Ein paar Impressionen aus der Provinz? In Uhlmanns erstem Solo-Video „Zum Laichen und Sterben ziehn die Lachse den Fluss hinauf“? Bitteschön.

5 Kommentare leave one →
  1. 10. August 2011 22:27

    Ich weiß sonst nichts über Herrn Uhlmann, mag aber seine Musik deswegen nicht, weil er so komisch singt, er macht so … irgendwie birnenförmige Vokale, falls das verständlich ist. Die haben immer irgendwie so eine Beule, das macht mich ganz verrückt.
    In dem aktuellen Video geht’s aber, fand ich, das mag ich ganz gerne. Da sind die Töne auch nicht lang genug, um Birnenvokale zu machen.

    • 11. August 2011 05:59

      Ja, der Gesangsstil hat sich ein wenig geändert. Nur fand ich den gerade gar nicht so schlimm, der war fehleranfällig, was das Muckerhafte der Songs für mich immer ein Stück weit relativiert hat.

    • 12. August 2011 08:01

      „Birnenförmig“ – herrliche Umschreibung. Ich glaube, ich weiß, was Du damit meinst. Die aktuelle Single, naja…, aber wirklich schlümm finde ich Uhlmanns Beitrag zur Casper-Single…

  2. 11. August 2011 21:36

    Nu kenn icke den Herrn Uhlman ja nich. Die Musik auf dem Video ist nich‘ so mein Ding. Der singt mir zu hektisch und quäkt. Aber sei’s drum.
    Ist doch nicht schlimm, dass er dazu steht, wo er wechkommt von. Also ich lebe mehr als die Hälfte meines Lebens in der Großstadt. Zuerst Nürnberg, seit 14 Jahren Köln, meine Wahlheimat. Aber ich bin trotzdem ein Mädchen vom Land, komme dorther, wo die Scheibe zu Ende ist. Das ist so und deswegen okay. Wohnen möchte ich dort nicht mehr, wo ich wechkomme von. Dort wäre ich ein Exot und hätte Schwierigkeiten akzeptiert zu werden. Aber dennoch bleibe ich bei aller Weltläufigkeit ein Stück weit Landei. Und das ist gut so.
    Eine Freundin aus Essen sagte zu mir mal: Ich bin und bleibe ein Ruhrpottproll (in Anlehnung daran, dass der Umgang im Ruhrpott ist wie er ist, herzlich und ein bisschen rau).
    Meinen fränkischen Zungenschlag habe ich allerdings schon vor Jahren mit Hilfe einer Logopädin wegtrainiert. Hochdeutsch ist sozusagen meine dritte Fremdsprache. Heute amüsiere ich Freunde in Köln, wenn ich im fränkischen Dialekt loslege :-)

    • 12. August 2011 07:42

      Darf man ja, dazu stehen. Mir ist nur unangenehm, wenn man seine Herkunft und vor allem das Beharren auf dieser als Auszeichnung versteht. Und bei Uhlmann, aber das ist jetzt wirklich persönlich, dass er mir bezüglich Herkunft, Weltsicht, Biografie recht ähnlich ist – da aber ganz andere Ergebnisse erzielt.

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