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Eine Erfolgsstory

4. September 2011

Am Ende sehen wir dann tatsächlich auch noch Brüste. Franziska Hartmann entblättert sich, das ist inhaltlich gut begründet, weil Hartmann als Königin Ginevra ihrem Mann König Artus untreu wird, in Tankred Dorsts „Merlin“, das ist aber auch ein wenig fies, weil Hartmann als einzige in diesem unglaublich konzentrierten, unglaublich tollen Ensemble des Thalia Theaters das ganze Stück über, dreieinhalb Stunden, blass bleibt, keinen Charakter entwickeln kann, während um sie herum die Schauspielkunst neu definiert wird. Also öffnet sie ihr Kleid, damit wir merken, Franziska Hartmann ist auch noch da. Und also öffnet sie ihr Kleid, damit Regisseur Antú Romero Nunes zeigen kann, dass er auch Nacktheit kann. Und so sehen wir am Ende tatsächlich auch noch Brüste.

Es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeit mit Dorsts „Merlin“ eröffnet. „Merlin oder das wüste Land“, 1981 geschrieben, eine Paraphrase der Artussage, ein Mammutwerk, vom Blatt gespielt rund acht Stunden lang, unzumutbar für Schauspieler wie Publikum. Heute kaum noch aufgeführt, die letzte überregional wahrgenommene Inszenierung stammt von Burkhard C. Kosminski und entstand 2002 an der Berliner Schaubühne, ein Reinfall, nebenbei. Und es ist mutig, dass das Thalia die Spielzeiteröffnung einem jungen Regisseur wie Antú Romero Nunes in die Hände gibt. Nunes, Sohn einer Chilenin und eines Portugiesen, in Tübingen aufgewachsen, knapp 28 Jahre alt. Hoch gehandelt, allerdings ohne Erfahrung auf der großen Thalia-Bühne. Man muss sagen: Er meistert die Aufgabe bravourös. „Merlin“ ist ein einziges Fest, radikal gekürzt und doch am Kern des Stücks, sinnlich und laut und sensibel. Nunes kann Bilder bauen, er weiß, Szenen konzentriert zusammenzuhalten, er lässt das Spiel hemmungslos in Slapstick abstürzen, dann zieht er die Zügel an und schafft eine ganz ruhige, ganz sensible, ganz ernste Stimmung. Er macht alles richtig.

Und vielleicht ist das das Problem dieser Aufführung.

Ich habe „Merlin“ schon einmal gesehen. Vor über elf Jahren war das, am Stadttheater Gießen. „Merlin“ war eine der letzten großen Arbeiten von Barbara und Jürgen Esser (pdf-Link), dem langjährigen Oberspielleiterpaar in Gießen, mit deren ultrapersönlichen Stückzugriffen ich mich immer schwer tat und die ich trotzdem (oder gerade deswegen) nach und nach zu schätzen lernte. Die Essers lasen Tankred Dorsts Artussagen-Interpretation als Allegorie auf den Zusammenbruch linker Ideen, die Tafelrunde war die DDR, Merlins Scheitern war das Scheitern der Essers, die als Assistenten Hangünther Heymes in einer explizit links positionierten Theaterästhetik verortet waren. (Auf lange Sicht war sogar das Scheitern meiner „Merlin“-Kritik im Gießener Anzeiger eine Vorwegnahme meines Scheiterns als Tageszeitungsjournalist: Kurz darauf ging ich nach Hamburg und wechselte zum Magazinjournalismus.)

Die Essers inszenierten „Merlin“, weil sie vom Scheitern erzählen wollten. Was aber interessiert Antú Romero Nunes an diesem Text? „Seine Größe, dass er so ausufert und so viele Lücken hat und ein Versuch ist, eine ganze Welt zu fassen und eine ganze Menschheitsgeschichte“, sagt der junge Regiestar im Programmheft. Eine Menschheitsgeschichte stemmen, wer will das nicht. Der Erfolg dieser Spielzeiteröffnung ist der Erfolg von Antú Romero Nunes, den gönne ich ihm, natürlich, aber man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass Nunes auch nicht viel mehr interessiert, neben diesem Erfolg.
Die Essers hingegen interessierten sich in ihrer (vom Niveau her natürlich in keiner Weise mit Nunes‘ Arbeit vergleichbaren) Inszenierung für etwas ganz anderes, für den Zusammenbruch, fürs Scheitern. Und ich kann mir nicht helfen, irgendwo ist die Haltung der Essers mir sympathischer.

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