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Krieg

10. September 2011

Am 11. September 2001 um 14.46 saß ich am Schreibtisch und arbeitete. Ich weiß nicht mehr, was ich machte, aber: 11. September, das dürften irgendwelche Produktionsabschlussarbeiten gewesen sein, letzte Korrekturen, ein wenig Feintuning wahrscheinlich. Texte druckfertig machen. Auf jeden Fall kam kurz nach 14.46 jemand in mein Büro (heute denke ich, dass es Matthias war, ich kann mich aber auch täuschen) und meinte, dass es in New York ein Unglück gegeben habe, ein Flugzeug sei ins World Trade Center gestürzt, das Gebäude stehe in Brand. Ich versuchte, ins Internet zu kommen, aber keine Chance, die meisten Nachrichtenseiten waren überlastet, kein SpOn, kein tagesschau.de. Bald schaltete jemand den Fernseher im Konferenzraum ein, Sondersendung, wir sahen den brennenden Turm, und dann sahen wir das zweite Flugzeug, wie es im Südturm einschlug. Von da ab war klar, dass das kein Unglück war, das war ein Terroranschlag. Wir schauten eine Weile ungläubig auf den Bildschirm, dann gingen wir wieder an die Arbeit, die Oktoberproduktion musste zu Ende gebracht werden. Immer mal wieder schaute jemand in den Konferenzraum und berichtete: von einem dritten Flugzeug, das ins Pentagon stürzte, von einem vierten Flugzeug, das irgendwo in der Einöde niederging, von chaotischen Zuständen im Luftverkehr, Maschinen auf dem Weg in die USA mussten umkehren, wo eine Umkehr nicht mehr möglich war, mussten sie notlanden, in die USA selbst war kein Reinkommen mehr. Ich dachte daran, dass ich erst ein paar Wochen zuvor auf einem der beiden Türme gestanden hatte, übernächtigt, vom Jetlag durch den Wind, geflasht von den Eindrücken. Ich arbeitete.
Am Abend sah ich fern. Eigentlich wollte ich die verehrte Sophie Rois sehen, im Tatort „Passion“, keine Chance, immer wieder die Bilder der brennenden Türme, ich sah das ein, natürlich, es gab Wichtigeres an diesem Tag als einen Fernsehkrimi. Ich rief bei der schönen, klugen Frau an, in Gießen, die erzählte, dass sie an der Schule eine Gedenkminute abgehalten hätten. Das war mir unangenehm, plötzlich war mir vieles unangenehm, ich legte missmutig auf, kurz dachte ich, dass ja schlimm war, was da passierte, aber wenigstens traf es endlich einmal die Richtigen: die, die auf der Butterseite des Lebens saßen, die Banker im World Trade Center. Kurz darauf schämte ich mich für diesen Gedanken.
Und dann zeigte das Fernsehen neue Bilder, feiernde Menschen, angeblich Palästinenser, die sich, so der Kommentator, über die Anschläge freuten. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier alles aus den Fugen geriet, dass man da keine politische Demonstration sah, sondern ausschließlich Bilder von Menschen, die sich freuten, sonst nichts. Riefen sie etwas? Keine Ahnung, wenn, dann nur auf Arabisch, man konnte uns alles erzählen. (Später hörte ich, dass die Aufnahmen Bilder von einer Hochzeit gewesen seien, die freudigen Gesichter hatten nichts mit dem 11. September zu tun. Ich kann nicht nachprüfen, ob das stimmte. Das ist das Allerschlimmste: Ich kann so gut wie nichts nachprüfen.)

Am 11. September 2001, vor zehn Jahren.

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