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Ob es dem Tiger Spaß macht, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schiebt?

15. September 2011

Meine kleine Wahlheimat startet eine Bundesratsinitiative. Es geht darum, dass die Haltung bestimmter Wildtiere im Zirkus nicht artgerecht sei und verboten gehöre, Anlass ist ein Gastspiel des Münchner Cirkus Krone, dessen Tierhaltung zwar laut Aussage der Lübecker Tierärztin Annette Oloffs in keiner Weise zu beanstanden sei (Bezahllink, dessen Paywall sich aber bekanntermaßen leicht umgehen lässt), der aber eben gerade verfügbar ist und deswegen jetzt als abschreckendes Beispiel dran glauben darf. Und grundsätzlich wäre ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ja eine gute Sache.

Wäre es das? Vorsicht. Natürlich werden Tiere im Zirkus nie artgerecht gehalten, aber andernorts kümmert mich das auch wenig. Ich esse Fleisch, wenig zwar und nach Möglichkeit Bio, weiß aber auch, dass, um mit Karen Duve zu sprechen, auch Bioschweine nicht totgestreichelt werden. Es ist schlicht nicht artgerecht für ein Tier, zur Befriedigung meiner Triebe umgebracht zu werden, trotzdem nehme ich das hin. Und weiter: Mit eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen ist für mich ein Spaziergang übers Hagenbeck-Gelände, und entgegen anders lautender Gerüchte bleibe ich auch dort nicht nur versonnenen Blicks vor dem Meerschweinchen-Gehege stehen. Für Giraffen, Schleiereulen und Orang Utangs aber ist ein Zoo auch kein artgerechtes Ambiente, mir egal, ich gehe dort gerne hin. Moralisch brauche ich aber keinem fröhlichen Zirkusbesucher mehr zu kommen, moralisch habe ich total abgewirtschaftet.

Also komme ich emotional. Ich mag es einfach nicht, im Zirkus. Als Kind ging ich da manchmal hin, aus irgendwelchen Gründen gab es verbilligte Tickets für Schulklassen, wenn ein Zirkus auf dem Messegelände in der Friedrichsau gastierte. Außerdem mochte meine Mutter das Zirkusambiente anscheinend, von Herzen, dazu später mehr. Auf jeden Fall gastierten ein-, zweimal im Jahr (eher kleine) Wanderzirkusse, und ich saß im Publikum. Und litt.
Es war heiß im Zirkuszelt. Es stank nach Sägespänen, nach Tier, nach Schweiß. Ich hatte zuvor Zuckerwatte gegessen, Cola getrunken, mampfte weiter Süßkram, mir war schlecht. Irgendetwas in mir befahl, dass ich mich freuen sollte, also freute ich mich. Und wurde enttäuscht. Artisten: langweilig, öde, nie fiel jemand vom Trapez, es war zum Einschlafen. Tusch! (Ich hasste diese Musik, immer zu laut, immer nervig, Tusch, Tä-Dää, dazu später auch mehr.) Tiernummern: würdelos. Ich wusste nicht, ob es dem Tiger womöglich Spaß machte, wenn der Dompteur ihm den Kopf in den Rachen schob, mir war aber klar, dass selbst wenn das Tier freiwillig mitmachen würde, diese Behandlung würdelos wäre für ein Tier. Wie wenn Paare sich in der Öffentlichkeit „Stinker“ und „Möschen“ nennen, die machen das ja auch freiweillig und mögen sich auch noch dabei, man selbst fühlt sich dennoch unwohl, wenn man das mit anhört. Tusch! Und schließlich die Clowns. Angst vor Clowns ist nicht originell, der Mediziner nennt diese Angst Coulrophobie. Ich aber hatte keine Angst, sie ödeten mich nur an, alle. Der Weißclown, der Pierrot: gotterbärmliche Kleinbürgermelancholie, blödsinniges Virtuosentum. Der Dumme August: derber Brüllhumor, immer auf Kosten der Schwächeren, das Prügeln des August ist das gewaltsame Wiederherstellen der autoritären Ordnung. Tusch! Tusch! Tusch!

Ein wenig verstehe ich den Reiz, den Zirkus ausüben kann. Also, ich ahne, dass der Zirkus eine Welt repräsentiert, die der bürgerlichen Welt entgegengesetzt ist, Freiheit, fahrendes Volk, „Kein Gott/Kein Staat/Keine Arbeit/Kein Geld“ (Jeans Team, „Das Zelt“). Das ahne ich, so, wie ich auch ahne, was Michail Bachtin meinte, als er über den Karneval als Fest der Entgrenzung und Umdeutung aller Werte schrieb. Also, theoretisch ahne ich das, sehe aber trotzdem keinen Grund, kommenden Winter nach Köln zu fahren und Karneval zu feiern. Auch glaube ich dass es dieses romantische Zirkusbild auf einem Missverständnis fußt, Antibürgerliches findet sich doch viel eher in Teilen der Theaterwelt, im Rotlicht, vielleicht auch unter Schaustellern. Aber doch nicht im streng hierarchischen Zirkus.
Eine meiner ersten Theaterrollen war der Stallmeister in einer Laienproduktion von Pavel Kohouts „August August, August“, einer bösen Satire auf vergebliches Reformbemühen im Stalinismus. Die Szenerie war ein Zirkus, die Handlung bestand darin, dass der Clown August gerne Direktor werden würde, alle an ihn gestellten Aufgaben auch brav löst, am Ende aber doch als Tigerfutter endet. Der Zirkus als Bild für eine diktatorische Gewaltherrschaft, in der sich nie etwas ändert: Das funktionierte gut, bei Kohout.

Nein, wenn man mich fragen würde, man sollte nicht die Wildtierhaltung im Zirkus verbieten, man sollte gleich den Zirkus als Ganzes verbieten. Zum Glück fragt man mich nicht.

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