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Polly wants a Cracker

23. September 2011

Keine Ahnung, was das für eine Party war, vor 20 Jahren, in irgendeinem Jugendzentrum außerhalb Ulms. Auf jeden Fall war die Party langweilig. Und auf jeden Fall sagte A., komm, lass uns nach Würzburg fahren, in Würzburg ist es spannender als hier. Nach Würzburg waren es 200 Kilometer, A. hatte sich in der Barockstadt mit C. angefreundet, ich kannte C. kaum, egal. Und A. nahm mich, nach fünf Minuten hielt jemand, der uns zur Autobahnauffahrt brachte, nach einer Weile nahm uns jemand mit zur nächsten Raststätte. Dort konnten wir nächtliche Fahrer ansprechen, nicht lange, und ein LKW brachte uns weiter nach Norden. Gegen Mitternacht kamen wir in Würzburg an.

Ich mochte A. wegen solcher Geschichten. Blödsinniger Geschichten, sinnloser Geschichten, verschenkter Zeit. Eigentlich erlebten wir nichts, aber am nächsten Tag hatten wir den Eindruck, unglaublich viel erlebt zu haben.

An der Raststätte hatten wir C. angerufen, er wusste also, dass wir kommen würden, hatte Pizza in den Ofen geschoben oder bestellt, ich weiß es nicht mehr. Wir saßen in seiner Studentenwohnung, im Vorort, eigentlich ein Dorf zwischen Weinbergen, Main und Autobahn. Wir rauchten. Wir futterten Pizza, später wollten wir noch in die Stadt, etwas erleben, Würzburger Nachtleben, Yeah! Kurz fragte ich mich, was ich hier eigentlich machte. Und weil der Abend begann, ins Unsichere abzugleiten, ins plötzlich nicht mehr Lustige sondern ins Verkrampfte, legte C. eine Platte auf, die er neu irgendwo entdeckt hatte, Nirvana, „Nevermind“. Ich kannte die Band nicht, C. meinte, das sei „so eine Art amerikanischer Hardcore, so ähnlich wie Fugazi„. Ich mochte Fugazi, wahrscheinlich versuchte C., mir Nirvana, von denen er hörbar angetan war, auf diese Weise schmackhaft zu machen, ich aber fand nicht, dass das so wahnsinnig nach Fugazi klang. Schon dieses Cover, ein Baby im Schwimmbecken, dem ein Angelhaken mit Dollarnote vor dem Grinsegesicht baumelte: eine Symbolik, die ja wohl dem letzten Hinterwäldler verständlich sein dürfte, Sozialkritik für Metalfans, wie sie damals auch auf Plattencovern von Anthrax („Among the Living“) oder Megadeth („Peace sells … but who’s buying?“) angesagt war. Ein Witz.
Musikalisch konnte ich ebenfalls wenig damit anfangen. Auch noch, nachdem alle Welt „Nevermind“ als Meilenstein der Popmusik feierte, war ich immer noch nicht warm geworden mit diesem Sound, zu melodiös war mir das alles, zu vorhersehbar auch, zu sehr Rock. (Wie gesagt, damals waren Fugazi meine Lieblingsband.) Viel später sagte mir A., dass sie ebenfalls kein glühender Fan wurde, auch wenn sie sich „Nevermind“ bald auf Kassette überspielte: Für sie klang das alles wie Guns n‘ Roses auf Indie. Und doch, gute Songs waren das schon, laut und, ja, eben nicht punkig, sondern melodiös, voller versteckter Sehnsucht und Melancholie, mit einem Sentiment, das andere Grunge-Bands wirklich nicht hatten (was mir verwandte Bands wie Soundgarden oder Pearl Jam tatsächlich auf immer verleidete). Das Spiel mit Laut und Leise, mit Härte und Sensibilität spielten Bands wie die Pixies oder Hüsker Dü für mich weiterhin kreativer, egal, ich hatte meinen Frieden gemacht mit Nirvana, hörte sie mittlerweile ganz gerne, wenn auch ohne Leidenschaft. Und es war ja auch okay, dass diese Band bewies, dass auch harte Rocker eine feminine Seite haben konnten, weinen konnten, in Frauenkleidern auftreten konnten. Dann war die Geschichte auch schnell vorbei, Nirvana-Sänger Kurt Cobain tot, die Band aufgelöst. Und drei Jahre später veröffentlichte die ganz andere Band Portishead „Dummy“, eine Platte, die für die Entwicklung meines Musikgeschmacks viel wichtiger war als „Nevermind“.

Was „Nevermind“ für mich aber war, nicht zuletzt: eine Platte, die ich mit A. verbinde. Und jetzt, wo A. nicht mehr hier ist, gleichzeitig aber „Nevermind“ zum 20. Geburtstag überall eingeordnet, besprochen, verworfen und neu verortet wird, blutet mir das Herz.

P.S. Was ich an „Nevermind“ wirklich mochte, das waren nicht die Hits, nicht „Smells like Teen Spirit“, nicht „Lithium“. Sondern die kleinen, unauffälligen Marginalien. „Polly“.

Edit: C. meldet sich über Twitter: Er erinnert sich nicht, mich into Nirvana getalkt zu haben, das würde auch gar nicht zu ihm passen. C. glaubt, dass ich ihn mit seinem Freund verwechseln würde, der viel früher Nirvana-Fan gewesen sei als er. Nichts liegt mir ferner als C.s Erinnerungen in Frage zu stellen, aber ich bin mir sehr sicher, dass besagter Abend in C.s, naja, wie nennt man das?, Bude?, stattgefunden hat. Was allerdings gut möglich, ja, sogar wahrscheinlich ist: Dass C.s Freund damals ebenfalls anwesend war. Und versuchte, mich von den Vorzügen von „Nevermind“ zu überzeugen. Außerdem meint C., dass meine Beschreibung implizieren würde, dass ich den Abend nicht so toll gefunden hätte. Altes Problem: Ich schreibe, dass ich etwas toll finden würde, und beim Leser kommt es so an, dass ich es ganz schlimm gefunden hätte. Ach.

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