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Nicht fassbar, der böse Mainstream

30. September 2011


„Ein erfolgreiches Theaterprogramm macht sich leicht“, meint Festivalkurator Matthias von Hartz (im Rahmen dieses Gesprächs). „Für ein erfolgreiches Theaterprogramm brauche ich erstmal viel Geld, mit dem lade ich Batsheva ein, und schon habe ich drei Abende lang ein ausverkauftes Haus.“ Es ist eindeutig, dass von Hartz seinen Kuratorenjob anders versteht (was ihn nicht hinderte, Batsheva selbst schon zum Hamburger Sommerfestival einzuladen, vor zwei oder drei Jahren, ein beglückendes Erlebnis).

Und, ja, die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv ist Mainstream. Tanz, der ein großes Publikum erfreut, ohne auch nur einmal unter Niveau zu unterhalten. Die erste Viertelstunde des Gastspiels „Sadeh21“ auf Kampnagel: eine Feier des trainierten Körpers, unironisch, perfekt, mehr Sport als Lust. Aber, klar, ich feiere mit, gleichzeitig bin ich schon jetzt ein wenig gelangweilt, weil, ich weiß ja schon, was als nächstes kommt, gleich tritt ein weiterer durchtrainierter Tänzer auf und zeigt eine atemberaubend tolle Bewegungsfolge, gerade kam einer von links, gleich dürfte also einer von rechts kommen. Und dann kommt einer von rechts. Toll.
Aber dann. Gibt es plötzlich leichte Irritationen, trägt eine Tänzerin plötzlich einen unvorstellbar hässlichen Badeanzug, überhaupt: die Kostüme! Trendfarben, sexy, sicher. Aber auch einen Tick zuviel, Sportklamotten, die die hippen Scheußlichkeiten der aktuellen American Apparel-Kollektion nachzeichnen. Plötzlich schweben die Tänzer im Abendkleid über die Bühne, plötzlich bildet das Ensemble einen Tanzkreis von schreiendem Kitsch, hält sich an den Händen, um Himmels Willen! Plötzlich ist das, was diese Frauengruppe da vorne macht, gar keine ausgefeilte Choreografie mehr, plötzlich ist das, hüstel, Luftgitarrenspiel.
Das ist alles kein Witz, klar. Dass ein Tänzer seiner Partnerin an einer Stelle mit einer harschen Bewegung die Hose runterzieht, das erzählt auch etwas über Geschlechterbeziehungen, das erzählt nicht zuletzt etwas über gewaltförmige Sexualität. Aber das sorgt auch dafür, dass perfekte Bewegung erstmal nicht mehr möglich ist, mit einer Hose, die irgendwo auf Knöchelhöhe hängt. Alles an „Sadeh21“ funktioniert, alles sabotiert dieses Funktionieren im nächsten Schritt gleich wieder. Alles ist großartig, sicher.

Und dass das vor Begeisterung tobende Publikum am Ende alleine gelassen wird, dass es keinen Vorhang gibt, dass dieses wunderbare Ensemble sich den tosenden Applaus nicht abholt, mag einen ganz anderen, trivialen Grund haben – es passt doch ins Konzept dieses tollen Stücks. Dieses Stücks, das dem Publikum ein Glücksgefühl verspricht, ihm dieses Glück aber auch immer wieder verweigert. Nicht fassbar, der böse Mainstream, der ganz böse.

(Batsheva Dance Company, Sadeh21, noch am 30.9. und am 1.10. auf Kampnagel, Hamburg)

Foto: Gadi Dagon

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