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It’s the End of the World as we know it (and I feel fine)

9. Oktober 2011

Diese entsetzliche Trägheit. Dieser Wunsch, aktiv zu werden, dieser unerfüllbare Wunsch, dieses Begehren, das ins Nichts läuft. Die Augen aufschlagen, auf die Uhr sehen, schon so spät!, liegen bleiben. Zu wissen, ich möchte heute eine Vernissage besuchen, seit langem mal wieder, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte schwimmen gehen, vor dem Fernseher sitzen bleiben. Ich möchte. Die Verpflichtung, einen Artikel zu schreiben, einen Satz, einen zweiten Satz, noch ein paar Worte, unendlich langsam, unendlich mühsam, mitten im Wort abzubrechen und den Text zu löschen, schlecht ist er. Ein wenig im Internet surfen. Diese entsetzliche Trägheit.

Man kann Lars von Triers Film „Melancholia“ einiges vorwerfen, man kann von „gefällige(m) Hochglanzkitsch“ sprechen (Janis El-Bira in der Filmgazette, eine sehr lobende Besprechung übrigens), man kann dem Film rechte Tendezen unterstellen (Andreas Busche im Freitag), man kann den Film als „größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig“ (Thomas E. Schimdt in der Zeit) charakterisieren. Das Interessante: Jede dieser Kritiken hat irgendwie recht, „Melacholia“ schafft es, sich jeder Einordnung zu entziehen, bis man den Film entnervt als „seltsam disparates Werk“ (der geschätzte Büronachbar Jürgen Wittner in den kulturnews) abtut.
Natürlich lassen sich im Genre der Apokalyptik immer wieder reaktionäre bis rechte Tendenzen ausmachen, aber das heißt nicht, dass „Melancholia“ rechts sein muss, nur weil von Trier hier vom Weltuntergang erzählt (dass er aber diesen Weltuntergang als etwas Tröstliches interpretiert, das sollte schon aufhorchen lassen). Natürlich wirkt die Szene, in der Kirsten Dunst nackt im blauen Licht badet, wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film übernommen, andererseits ist es ganz und gar nicht verwerflich, wenn man eine Szene als Hommage an eine der technisch beeindruckendsten Filmemacherinnen überhaupt anlegt. Jedes Argument gegen diesen Film ist gleichzeitig auch ein Argument für ihn.
Bleibt die Darstellung der Depression. Von Trier macht das für mich extrem einleuchtend: Er zeigt die Trägheit, die Antriebslosigkeit, die ich an mir selbst hasse. Und dann sagt er: Schau, Depression ist genau so, wie du dich fühlst, wenn du nichts gebacken bekommst, nur viel, viel schlimmer. So zieht er einen über mehrere Szenen hinein in das Leiden seiner Heldin Justine, lässt sie ihre eigene Hochzeit torpedieren, indem sie erst in einen kurzen Schlaf und dann in ein freudloses, kaltes Bad sackt, lässt sie nach und nach wirklich pathologisch leiden, bis sie nicht einmal mehr in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der erste Teil von „Melancholia“, „Justine“, ist in Wahrheit kein Film über den Weltuntergang, es ist ein Film über eine Krankheit.
Und dann dreht von Trier diese Krankheitsgeschichte um, macht aus Justines Depression einen subversiven Akt. Denn: Was ist für die kapitalistische Leistungsgesellschaft verstörender als Antriebslosigkeit? Justine verweigert sich Konventionen, zu Beginn denen der eigenen Hochzeit (wunderbar, wie Udo Kier als Wedding Planner, also als Herr der Ehekonvention, langsam hohle dreht), am Ende den Konventionen eines Weltuntergangs in Würde, den ihre immer panischer werdende Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) anmahnt, einmal sogar ganz explizit den Konventionen der Leistungsgesellschaft, indem Justine ihrem Chef Karriere wie Arbeitshierarchie vor die Füße knallt. „Melancholia“ ist Kapitalismuskritik, formal: Kapitalismuskritik von rechts.

Und, übrigens, „Melancholia“ sieht toll aus, sicher. Charlotte Gainsbourg ist in ihrer Verbrauchtheit und Hoffnungslosigkeit, ach, so viel schöner als die propere Kirsten Dunst, und dass von Trier hier das strähnige Luftwesen Gainsbourg als Frau einsetzt, die ihr Leben (bis zum Schluss, als ohnehin nichts mehr zu retten ist) schon irgendwie im Griff hat, während Blondine Dunst die Depressive gibt, das ist ein hübsches Gegens-Image-Besetzen. Die Bilder sind ohnehin State of the Art, insbesondere der Prolog, der die Welt in atemberaubend schönen Szenen zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“-Ouvertüre untergehen lässt, zeigt, dass von Trier womöglich eher ein Videoclip-Regisseur ist als ein Erzähler, vielleicht sogar der beste Clipregisseur überhaupt, einer, der Clips als Bildende Kunst verstehen kann.

Die Hochzeitsszene: Kabinettstückchen, eines nach dem anderen, ein böser Blick auf diese satte, dumme Oberschicht. Fast sogar zu viele, am Ende wird es ein wenig langweilig. Andererseits: Man braucht diese Langweile, um zu kapieren, dass es ein Segen ist, wenn eine Welt untergeht, in der solche Menschen rumlaufen. Wenn demnächst die ersten Dramaturgen „Melancholia“ auf die Stadttheaterbühne bringen, kann man ja die x-te Selbstzerfleischung rausstreichen, nein?

(Und wer den Gag mit den Golfplatzlöchern mitbekommen hat, bekommt ein Fleißsternchen. „Melancholia“ ist nämlich nicht zuletzt: auf eine hintergründige, fiese Weise unglaublich lustig. Eine Weltuntergangskomödie.)

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